> > > > > 22.05.2016
Dienstag, 19. Februar 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester, Copyright: NDR/Marcus Höhn

NDR Elbphilharmonie Orchester, © NDR/Marcus Höhn

Hengelbrock dirigiert Brahms

Sämtliche Sinfonien

Handbücher und enzyklopädische Projekte läuten in aller Regel den Anfang vom Ende ein. Der Brahms-Marathon des NDR Elbphilharmonie Orchesters (vormals NDR Sinfonieorchester) unter Thomas Hengelbrock im Rahmen des Internationalen Hamburger Musikfestes konnte daher als Rückversicherung des Kanons, als Festhalten am Vergangenen verstanden werden. Vielleicht feierte das Publikum Dirigent und Orchester darum am Ende so frenetisch: nicht nur als Tribut für die immense Kraftleistung, alle vier Brahms-Sinfonien in zwei aufeinanderfolgenden Konzerten an einem Sonntag zu geben, sondern auch als Selbstfeier des schwindenden Bildungsbürgertums. Auf der anderen Seite ist Johannes Brahms ein Sohn der Stadt Hamburg. Und die Tatsache, dass er "nur" vier Sinfonien komponierte, lädt dazu ein, "Alle vier ab vier" (so war der Brahms-Marathon überschrieben) einmal in der zyklischen Gesamtschau aufzuführen. Viel länger als eine Auführung der 'Meistersinger' dauert es ohnehin nicht, und so viel Sitzfleisch wird man ja wohl noch haben.

Hengelbrock, der mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble und Chor Wege historisch informierter Aufführungspraxis beschreitet, gab mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester dann auch eine traditionelle Interpretation, die mit historischer Aufführungspraxis eigentlich wenig zu tun hatte, bis vielleicht auf die sogenannte Wiener Orchesteraufstellung mit den Kontrabässen ganz hinten in der Mitte. Nur für die Dritte Sinfonie in F-Dur wählte er eine im Vergleich zu den restlichen Sinfonien eher "kammermusikalische" Besetzung mit nur sechs Kontrabässen.

Gerade die Vierte Sinfonie klang derart riesig besetzt unglaublich massig, um nicht zu sagen schwerfällig, mit Ausnahme der finalen Passacaglia, in der der NDR-Klangkörper wieder einmal seine solistische wie orchestrale Flexibilität bewies. Einziges Novum waren zwei dem Sinfoniebeginn vorangestellte überraschende Pizzicato-Akkorde, die einem harmonisch quasi den Boden unter den Füßen entzogen (aus der Entwurfsfassung?). Da die beiden Konzerte auch mit Fernsehkameras aufgezeichnet wurden, warf man sich gehörig ins Zeug: Besonders in der c-Moll-Sinfonie strahlten die hohen Streicher permanent in Goldglanz. Einzig das motorisch durchgehaltene Tempo, mit ein paar dramaturgischen Schwankungen im Finale, wirkte dem übermäßigen Romantisieren entgegen. Ansonsten konzentrierte man sich auf die schönen Stellen: Das Finalthema der c-Moll-Sinfonie wurde durch eine verlängerte Pause extra markiert und dann breit ausgesungen, damit (um mit einem historischen Vergleich zwischen dem Finalthema und Beethovens zu sprechen) auch die Esel mit abgeholt wurden.

Interpretatorisch setzte man auf Kantabile und Expressivität. So wurden nicht nur die Seitenthemen in den Kopfsätzen der Zweiten und Vierten Sinfonie weitschweifig ausgesungen, die Binnensätze aller Sinfonien erstrahlten in schönstem melancholischen Wohlfühlmelos. Gleichwohl ging der Brahms-Marathon mitunter auch an die Substanz. In der wiederholten Exposition des Kopfsatzes der F-Dur Sinfonie fiel die Soloklarinette im zweiten Thema für mehrere Takte komplett aus, und gelegentlich wackelte es in der Dritten und Vierten auch in den Ecksätzen. Bei solch einer Kraftleistung aber überhört man das gerne. Zumal das Finale der F-Dur-Sinfonie an Expressivität kaum zu überbieten war. Am Ende waren wohl alle erschöpft, aber glücklich, und gelohnt hat es sich allemal. Nicht nur für die Brahminen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Aron Sayed

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Alle vier ab vier: Internationales Musikfest Hamburg

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Johannes Brahms

Mitwirkende: Thomas Hengelbrock (Dirigent), NDR Sinfonieorchester (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Joseph Rheinberger: Die Schwalben

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich