> > > > > 02.09.2016
Mittwoch, 20. September 2017

1 / 10 >

Kamel Daoud, Reinbert de Leeuw, Johan Simons, Aernout Mik: Die Fremden, Ruhrtriennale 2016, Copyright: JU/Ruhrtriennale 2016

Kamel Daoud, Reinbert de Leeuw, Johan Simons, Aernout Mik: Die Fremden, Ruhrtriennale 2016, © JU/Ruhrtriennale 2016

Zur Uraufführung des Theaterprojekts 'Die Fremden'

Fremd und heimatlos

Alle Produktionen der Ruhrtriennale finden in spektakulären Räumen statt. Und diese Industriedenkmäler eigenen sich in besonderer Weise, Staub aufzuwirbeln, Denkanstöße zu geben, zu verunsichern, eine Gesellschaft im Wandel zu zeigen. 'Die Fremden' ist das zweite Musiktheaterprojekt der diesjährigen Ruhrtriennale. Wieder führt Johan Simons Regie. Zudem hat er den Videokünstler Aernout Mik verpflichtet. Reinbert de Leeuw und das fantastische Ensemble NTGent  interpretieren ausgewählte Werke des 20. Jahrhunderts - 'Osten' und 'Nordwesten' aus den 'Stücken der Windrose' von Mauricio Kagel, 'Bouchara' von Claude Vivier und die vier Sätze des Kammerkonzerts von György Ligeti aus dem Jahre 1969/70.

Spielort dieser Welturaufführung ist die 250 Meter lange und 50 Meter breite Kohlenmischanlage der Zeche Auguste Victoria in Marl. 1899 gegründet, wurde das Steinkohlebergwerk im Dezember vergangenen Jahres geschlossen und nun – mit einer den Theaterraum zunächst begrenzenden, gewaltigen Mischanlage, Staub, vereinzelten Kohlestückchen, steil ansteigender Publikumstribüne, einem mittig platzierten Podest für das Kammerorchester, Lichtanlage und Projektionsflächen - in die Reihe der Ruhrtriennale-Spielorte aufgenommen.

'Die Fremden' basiert auf dem Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" aus dem Jahre 2013. Kamel Daoud antwortet darin auf Albert Camus’ 1942 erschienen Roman "Der Fremde". Haroun, der mittlerweile gealterte, die Bar liebende Bruder des ermordeten Arabers ergreift 70 Jahre später das Wort, um die namenlose Seite der Geschichte neu zu schreiben, von seinem Viertel, seiner Kultur, seiner Mutter, der Suche nach dem plötzlich verschwundenen Bruder und der Liebe seines Lebens zu berichten, in einer Art postkolonialem Monolog von Algerien und dem Leben in Oran zu erzählen.

Simons setzt die Schlüsselsituation des Romans an den Beginn des Schauspiels: Meriem, eine junge französische Doktorandin begegnet nach monatelangen Recherchen der Familie des Arabers. Die Archivbilder auf den drei Videoleinwänden zeigen Algerien im Freudentaumel. Massenansammlungen und Blicke in die Gesichter spiegeln zugleich die Unsicherheit und Angst des politischen Wechsels. Haroun weigert sich, einer Frau die Hand zu reichen. Zugleich scheint er sich zu verlieben, wünscht sich, sein einsames Junggesellendasein möge ein Ende haben. Immer wieder erstarrt das Spiel, gleiten Fragen, Antworten und musikalische Farben über in umherirrendes Suchen und atmosphärische Bilder. Zugleich wechseln die Identitäten. Unterschiedliche Themen kommen zur Sprache. Anspielungen, Andeutungen statt Festschreibungen. Mal spricht Pierre Bokma die Rolle des Haroun, mal Benny Claessens oder Risto Kübar, mal ist es Elsie de Brauw, die vor allem als M’ma Harouns auftritt oder Sandra Hüller, die zunächst als Meriem vorgestellt wird. Die unterschiedlichen, ausdrucksstarken Stimmfarben und Sprachmelodien erinnern an ein Melodram und werfen das Publikum zugleich in eine mitfühlende, verunsichernde Orientierungslosigkeit. Tragik macht sich breit. Kein Raum für den humorvollen Zeigefinger Mauricio Kagels. Am Schluss des Satzes 'Osten' sind Musiker und Dirigent aufgefordert, nach Osten zu blicken. Und je nach Standort blicken müssten sie eigentlich in eine andere Richtung blicken. Hier schließt sich der Dirigent der Blickrichtung der Masse an.

Haroun hat seine Liebe nicht halten können. Er würde sie gern heiraten, aber auf Meriems Frage "Liebst du mich?" bringt er nur die ehrliche Antwort "Ich weiß nicht" heraus. Anschließend erklingt 'Bouchara' von Claude Vivier für Sopran, Ensemble und Tonband. Ein Klangteppich aus verschmelzenden Liegeklängen und die klangvolle Sopranstimme Katrin Baerts eröffnen neue, Ruhe und Spannung ausstrahlende Klangräume. Zugleich setzt sich die raumgreifende Mischanlage in Bewegung und öffnet den Raum. Die Kühle der Dunkelheit steigt auf. Die Schauspieler verteilen sich im Raum, gehen rückwärts, stolpern, kriechen, bewerfen sich mit Staub, werfen kleine Kohlestückchen und warten. Man sieht gebeugte Körper, hängende Schultern und Köpfe und im Gegenlicht stehende, klein wirkende Menschen vor der gigantischen, leeren Mischanlage.

Aeronout Miks Videobilder sind nun auf einer mittig platzierten großen Leinwand zu sehen und geben Einblicke in das Leben asylsuchender Flüchtlinge. Mithilfe von Statisten hat der Künstler den Raum der Kohlenmischanlage in eine Massenunterkunft verwandelt. Zugleich geben Schauspielerinnen und Schauspieler Einblicke in die Entwicklung Harouns, die Erkenntnis des Scheiterns, das Auseinanderdriften der Kulturen, die "metaphysische Heimatlosigkeit". Auch der Mord an Monsieur Larquais kommt zur Sprache. "Man hätte es vorher tun sollen", ist der Kommentar.

'Die Fremden' endet so abrupt und übergangslos, wie es begonnen hat. Die Musik setzt aus. Jeder ist für sich allein. Meriem, alias Sandra Hüller bewegt sich tanzend von dannen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Ursula Decker-Bönniger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Die Fremden: Musiktheater

Ort: Zeche Auguste Victoria, Kohlenmischanlage,

Mitwirkende: Reinbert de Leeuw (Dirigent)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich