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Freitag, 25. September 2020

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Miljenko Turk (Cortez), Ausrine Stundyte (Montezuma), Copyright: Paul Leclaire

Miljenko Turk (Cortez), Ausrine Stundyte (Montezuma), © Paul Leclaire

Rihm-Oper 'Die Eroberung von Mexiko' in Köln

Unversöhnlich

Zu Beginn erwartet sie ihn voller Ungeduld, arrangiert noch Haar, Obstschale auf dem Couchtisch und die Bücher im Regal. Und er? Steht mit einem Strauß roter Rosen vor ihrer Tür, blickt aufgeregt auf die Uhr, raucht hektisch eine letzte Zigarette und versucht fieberhaft, einen Fleck auf dem Hosenbein zu verreiben. Was wie eine an Loriot erinnernde Liebesgeschichte beginnt, entpuppt sich im Laufe des Abends als Szenen einer Ehe, die jenseits von Sprache und Form die Selbstzerstörung, den Kampf, die Erniedrigungen und Demütigungen des anderen in den Vordergrund rücken.

Peter Konwitschnys grandios inszenierte, jetzt in Köln zu sehende Neuinterpretation der Wolfgang Rihm-Oper 'Die Eroberung von Mexiko', entstand in Kooperation mit den Salzburger Festspielen, feierte dort im Sommer 2015 Premiere und ist – auch oder gerade nach den Ereignissen der Kölner Sylvesternacht – kaum an Aktualität zu überbieten.

Komponist wie Regisseur geht es weniger darum, die historischen Begebenheiten der spanischen Eroberung Mexikos zu erzählen. Thematisiert wird vielmehr der Kampf der Geschlechter, die Antinomie der Kulturen, die "Begegnung" des spanischen Eroberers Hernan Cortez mit dem Aztekenkönig Montezuma, der 1520 in der vernichtenden Schlacht, der "Noche Triste", getötet wurde. Das vieraktige Werk ist vielschichtig angelegt. Rihm stellt im Libretto poetisch-theoretische Schriften Antonin Artauds, Liebesgedichte aus dem Zyklus "Raiz del Hombre" von Octavio Paz sowie "Cantares Mexicanos" – drei indianische Gedichte eines anonymen Autors des 16. Jahrhunderts zusammen. Die Rolle Montezumas wird mit einer Frau besetzt. Begriffe wie "neutral-weiblich-männlich" bzw. "Spaltung, Begegnung, Vernichtung", die Gedichtzitate von Octavio Paz, strukturieren das Bühnengeschehen.

Leitgedanke der mitunter humorvollen und zugleich nachdenklich stimmenden Konwitschny-Inszenierung ist das Begehren des Fremden, die Verbindung und Unversöhnlichkeit des Beziehungspaares männlich-weiblich. Er will sie erobern. Hilflose, komische Versuche der Annäherung. Missverständnisse. Sexuelle Übergriffe. Vergewaltigung. Protzen mit Statussymbolen. Passend zur Musik und zugleich das mythische Geschehen grotesk, ironisch verfremdend zeigt Konwitschny im dritten Akt Montezuma in Wehen liegend bei der Geburt digitaler Äpfel, während im Original fanatische spanische Krieger die Azteken überfallen. Vereinsamung, Zerstörung und Selbstvernichtung folgen.

Rihms Musik ist Spannungsklang pur und erklingt von allen Seiten des Raumes. Alejo Perez, das Gürzenich-Orchester Köln, die beiden Sprecher Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz, die Sopranistin Susanna Andersson und Altistin Kismara Pessatti, der Bewegungschor und allen voran Ausrine Stundyte als Montezuma sowie Miljenko Turk als Cortez sorgen mit abwechslungsreichem Spiel und anrührendem Gesang für einen nicht abreißenden Spannungsbogen. Stehende, dissonante Klangtrauben, Farbkontraste wechseln mit rhythmisch geprägten Abschnitten. Auch Sprache wird rhythmisch eingesetzt und in Laute und Atemgeräusche zerlegt.

Sprecher, Stimmen und Bewegungschor sind Montezuma und Cortez zur Seite gestellt. Konwitschny führt den Gedanken weiter, lässt sie unterstützend in das Geschehen eingreifen, es vervielfachen und mitunter wohltuend verfremden.

Passend dazu hat Johannes Leiacker die Bühne in einen dunklen, spärlich beleuchteten Autofriedhof verwandelt, auf dem ein Wohnzimmer steht. Oberhalb des mittig platzierten, weißen Sofas prangt stellvertretend für die Intention der Neuinszenierung Frieda Kahlos Gemälde "Blutiger Hirsch". Es zeigt den Kopf der Malerin auf dem Körper eines springenden und zugleich mit tödlichen Pfeilen durchbohrten Hirsches und wird zum abschließend a cappella erklingenden Liebesduett der Protagonisten angestrahlt, während die Solisten im Dunkeln stehen: "Unter diesem Tod, Liebe, glückhaft und stumm, gibt es keine Adern, keine Haut, kein Blut, sondern nur den einsamen Tod; tobende Stille, ewig, umrisslos, unerschöpfliche Liebe, der Tod entströmt."

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Die Eroberung von Mexiko: Oper in vier Akten von Wolfgang Rihm

Ort: Oper,

Werke von: Wolfgang Rihm

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Peter Konwitschny (Inszenierung), Johannes Leiacker (Kostüme), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester)

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