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Donnerstag, 22. November 2018

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Tanja Ariane Baumgartner (Die Schauspielerin Clairon), Christoph Seidl (Der Haushofmeister), Maria B, Copyright: Herwig Prammer

Tanja Ariane Baumgartner (Die Schauspielerin Clairon), Christoph Seidl (Der Haushofmeister), Maria B, © Herwig Prammer

Strauss' 'Capriccio' im Theater an der Wien

Regiekonzept als Selbstzweck

Die Diskussion, ob bei einem vertonten Text die Musik oder das Wort Vorrang hat, wurde auf der Opernbühne bereits lange vor Richard Strauss‘ 'Capriccio' geführt, nämlich in Antonio Salieris Divertimento teatrale 'Prima la musica e poi le parole' aus dem Jahr 1786, für das Giambattista Casti das Libretto verfasste. Parallelen in Bezug auf die Handlung weisen die beiden Stücke allerdings nicht auf. Das Textbuch zu Richard Strauss‘ Einakter entstand zwischen 1934 und 1941 als Gemeinschaftsarbeit mehrerer Autoren: Die Grundidee für das Sujet kam von Stefan Zweig; auf Wunsch des Schriftstellers fertigte Joseph Gregor mehrere Entwürfe an. Allerdings war Richard Strauss mit diesen nicht wirklich zufrieden, weshalb er sich gemeinsam mit Clemens Krauss unter die Librettisten begab und dafür auch Hans Swarowsky gewinnen konnte. Als die Uraufführung am 28. Oktober 1942 in München über die Bühne ging, wurde der Sog des Weltkriegs von Tag zu Tag größer: Deutsche Truppen versuchten gerade, Stalingrad zu erobern, in Afrika tobte die zweite und entscheidende Schlacht um El Alamein. Vielfach wurde schon diskutiert, wie Richard Strauss und Clemens Krauss angesichts dieser weltpolitischen Lage die Muße fanden, um sich ihrem Opernprojekt zu widmen. Gerade dieser Aspekt der Entstehungsgeschichte wurde in Inszenierungen mit wechselndem Erfolg immer wieder aufgegriffen. Dass man dabei ganz leicht bei einer restlos misslungenen Themenverfehlung landen kann, bewies nun Tatjana Gürbacas Inszenierung im Theater an der Wien. In ihrer Deutung haben die Figuren die Welt der Lebenden bereits verlassen und bevölkern nun als Zombies die Schützengräben des einstigen Schlachtfelds. Henrik Ahrs Bühnenbild sieht dabei eine nach hinten aufsteigende Schräge vor, auf der man genauso gut ein anderes Werk spielen könnte.

Musikalisch kann die Produktion nur teilweise überzeugen: Maria Bengtsson enttäuscht als Gräfin: Ihrem Sopran fehlt es an aufblühenden Bögen genauso wie an der gerade bei diesem Stück so wichtigen Textverständlichkeit. Diese haben ihr die Verehrer Flamand und Olivier eindeutig voraus; von einer Idealbesetzung kann man allerdings auch bei ihnen keine Rede sein. Daniel Behles Tenor verfügt zwar über ein angenehmes, farbenreiches Timbre, seine Repertoireerweiterung hin zu dramatischeren Partien wie Erik im 'Fliegenden Holländer' haben die Stimme etwas an Flexibilität einbüßen lassen, was sich vor allem im oberen Register auswirkt. Daniel Schmutzhards Bariton zählt zu den Stimmen, die man trotz guter Technik aufgrund eines schwach ausgeprägten individuellen Timbres nicht im Gedächtnis behält. Der bereits seit einiger Zeit als Geheimtipp gehandelte André Schuen zieht als Graf schon mehr das Interesse auf sich. Tanja Ariane Baumgartners weitgehend eindimensionaler Mezzo lässt in der Rolle der Clairon Farben und Nuancen vermissen. Die erfreulichste Leistung des Abends bot der als indisponiert angekündigte Lars Woldt, der in seiner Interpretation des Theaterdirektor La Roche eine prägnante Textbehandlung mit stimmlicher Autorität verbindet. Jörg Schneider und Elena Galitskaya rundeten als exzellentes italienisches Sängerpaar die Besetzung ab.

Bertrand de Billy gelingt am Pult der Wiener Symphoniker eine fließend, unpathetische Lesart der Partitur, die dem Charakter des Konversationsstücks ideal entgegenkommt.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Capriccio: Konversationsstück von Richard Strauss

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Bertrand de Billy (Dirigent), Tatjana Gürbaca (Inszenierung), Wiener Symphoniker (Orchester), Tanja Ariane Baumgartner (Solist Gesang), Daniel Behle (Solist Gesang), Maria Bengtsson (Solist Gesang)

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