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Mittwoch, 26. Februar 2020

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Boris Statsenko (König Dodon), Renée Morloc (Amelfa), Copyright: Hans Jörg Michel

Boris Statsenko (König Dodon), Renée Morloc (Amelfa), © Hans Jörg Michel

Rimskij-Korsakows 'Goldener Hahn' in Düsseldorf

Exotisches Schwirren und Flirren

Es ist einfach ein Jammer, dass Nikolaj Rimskij-Korsakow hierzulande so gar nicht bekannt ist auf seinem Hauptbetätigungsfeld. Denn letztlich sind Werke wie 'Sheherazade' oder das 'Capriccio Espagnol' Nebenprodukte, in der Hauptsache war er Opernkomponist. 15 Werke hat Rimskij-Korsakow für die Bühne komponiert, und dass uns durch deren Nichtaufführung großartige Schätze verborgen bleiben, beweisen die wenigen Inszenierungen, die es doch vereinzelt gibt, so auch die seiner letzten Oper 'Der goldene Hahn' an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Für Schlagzeilen sorgte die Produktion bundesweit und sogar schon vor der Premiere. Grund war das Veterinäramt, das den eigentlich eingeplanten lebendigen Hahn nicht auf der Bühne sehen wollte. 1909 sorgte die Zensur für eine gekürzte Uraufführung aus politischen Gründen, heute gibt es dafür eben andere Motive.

Die Handlung nach dem Märchen von Aleksandr Puschkin: Ein Astrologe schenkt dem Zaren Dodon einen goldenen Hahn, der ihn fortan vor Gefahren warnt. Nach dessen Schrei zieht Dodon in die Schlacht und begegnet der orientalischen Königin von Schemacha, die er als Braut mit in sein Reich nimmt. Der Astrologe verlangt sie dort als Belohnung für den goldenen Hahn, doch Dodon erschlägt ihn. Daraufhin tötet der goldene Hahn den Zaren, und der Astrologe erscheint in einem Epilog erneut, um dem Publikum mitzuteilen, alle Figuren außer ihm selbst und Schemacha seien nur Fantasiegestalten und die ganze Geschichte von ihm frei erfunden.

Dass der 'Goldene Hahn' selten gegeben wird, ist in gewisser Weise Rimskij-Korsakows eigene Schuld, denn er hat mit der Partie des Astrologen eine Rolle geschrieben, die nicht leicht zu besetzen ist. Zwar ist das keine riesig große Rolle, doch sie ist nicht ohne: Als "Tenore altino" hat Rimskij-Korsakow das Stimmfach bezeichnet, und gemeint ist damit ein extrem hoher Tenor. In der Spitze muss er eine große Terz über das berüchtigte hohe C hinaus, noch höher also etwa als Orffs gebratener Schwan in den 'Carmina Burana', und von den meisten Tenören möchte man die Partie lieber nicht hören. Jochen Kowalski hat sie schon gesungen, und in der Tat wäre ein Altus eher zu dieser Lage in der Lage. Allerdings dürfte das kaum die Farbe sein, die der Komponist hören wollte.

Die Deutsche Oper am Rhein konnte die Rolle trotzdem aus dem eigenen Ensemble heraus ziemlich gut besetzen: Cornel Frey singt sie vielleicht nicht ganz ohne Mühe, aber doch mehr als achtbar. Ebenfalls aus der hauseigenen Truppe stammt mit Boris Stasenko der Sänger der Hauptpartie, des Zaren Dodon. Den erlebt man in der Inszenierung von Dmitry Bertman zu Anfang im großen Badezuber, und dies ist ein glücklicher Einfall: Er ist witzig – der goldene Hahn ist eine Art komische Oper – und zeigt Dodons Wesen, denn er ist schon alt, seine Kräfte sind erschlafft und er sehnt sich nach Ruhe und Bequemlichkeit. Stimmlich allerdings ist das bei Boris Stasenko, Gott sei Dank, überhaupt nicht der Fall. Sein Bariton ist im Gegenteil kräftig und in der Rolle des Dodon, obwohl eigentlich für einen Bass gedacht, sehr überzeugend, ebenso sein großartig lebhaftes Spiel.

Die zweite große Partie hat Regisseur Dmitry Bertman aus seinem eigenen Ensemble importiert, der Moskauer Helikon-Oper. Das hat sich gelohnt, denn so kam Anna Grechishkina nach Düsseldorf, die als Königin von Schemacha ganz bezaubernd ist (alternierend mit Antonina Vesenina). Das ist nicht ganz unwichtig für den Erfolg der Produktion, denn den ganzen zweiten Akt singt sie quasi im Alleingang. Und ihre sehr feine und helle Stimme scheint tatsächlich die Optimalbesetzung zu sein.

Auch Dmitry Bertmans Inszenierung lässt sie gut zur Geltung kommen. Entsprechend Rimskij-Korsakows sehr plastischer musikalischer Charakterisierung, Zar Dodon ist schwerfällig und plump, die Schemacha hingegen leicht, beweglich und sehr reizvoll orientalisch vertont, hat der Regisseur auch den Gegensatz ihrer beiden Welten sehr klar herausgearbeitet. In Dodons Reich stammen einige Kostüme (Ene-Liis Semper) offenbar aus Sowjetbeständen, während Dodon selbst in einem neutralen und langweiligen grauen Anzug steckt. Schemacha hingegen glitzert in Gold und wird flankiert von sechs ebenfalls goldenen Tänzerinnen und Tänzern. Dodon steht mit seinem Heerführer Polkan bei diesem Auftritt an der Seite und staunt Bauklötze, und wohl das ganze Publikum mit ihnen.

Selbstverständlich hat, wie könnte es anders sein bei Rimskij-Korsakow, auch das Orchester keinen geringen Anteil an der Wirkung dieses exotischen zweiten Aktes. Die Düsseldorfer Symphoniker werden in dieser Vorstellung vom Magdeburger GMD Kimbo Ishii geleitet und dürfen zeigen, was sie können, denn Rimskij-Korsakow hat der verführerischen Schemacha ein helles, transparentes und natürlich sehr farbiges Orchester gegönnt, ein zartes Schwirren und Flirren. Keine schwere und schwüle Erotik also, fast schon etwas zu dick aufgetragen wirkt da die goldfunkelnde Inszenierung. Besonders im dritten Akt nimmt sich Dmitry Bertman auch einige Freiheiten. So scheint hier das Volk den Zaren zu töten und nicht der goldene Hahn, der wurde nämlich inzwischen verspeist. Der Grund dafür ist unklar, außer dass auch dies, wesentlich für die gesamte Inszenierung, ein witziger Einfall ist.

Alle kleineren Rollen sind aus dem Ensemble heraus sehr überzeugend besetzt, und selbst die ausgesprochen humorvoll formulierten Übertitel scheinen von Dramaturgin Hella Bartnig extra für diese Produktion eingerichtet zu sein. Bis in die Details ist der Düsseldorfer 'Goldene Hahn' folglich ein Genuss. Zwar ist die Oper in dieser Spielzeit bereits nahezu abgespielt, doch erfreulicherweise ist für die nächste Saison eine Wiederaufnahme angesetzt, wenn auch teilweise mit neuer Besetzung.

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Kritik von Jan Kampmeier

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Der goldene Hahn: Oper von Nikolaj Rimskij-Korsakow

Ort: Deutsche Oper am Rhein,

Werke von: Nikolai Rimsky-Korsakow

Mitwirkende: Düsseldorfer Symphoniker (Orchester)

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