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Sonntag, 18. August 2019

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Szenenfoto, Copyright: Staatsoper Hannover

Szenenfoto, © Staatsoper Hannover

Zemlinskys 'Traumgörge' an der Staatsoper Hannover

Heldischer Träumer

Sänger haben es eigentlich immer schwer an der Staatsoper Hannover, und der Grund dafür ist simpel: Das Niedersächsische Staatsorchester ist einfach so gut, dass es den meisten locker die Schau stiehlt. Alexander Zemlinsky nun liefert diesem Orchester reichlich Gelegenheit, seine Stärke auszuspielen. 'Der Traumgörge' heißt die Oper, die 1906 entstand, aber erst 1980 uraufgeführt wurde. Alles deutete damals auf eine wirkliche Zemlinsky-Renaissance hin, heute kann man sagen, dass die so richtig noch immer nicht in Schwung gekommen ist, und so ist auch der 'Traumgörge' in den 35 seither vergangenen Jahren offenbar kaum wieder aufgegriffen worden: Dies sei erst die dritte Inszenierung überhaupt.

Und ein Publikumsmagnet ist das Stück offenbar auch in Hannover nicht, die zweite Vorstellung findet vor mindestens halb leerem Saal statt. Dabei kann doch kaum jemand wissen, dass dem Werk ein wirksamer Schluss ebenso fehlt wie eingängige Arien oder Duette, dass die Handlung emotional kaum berührt. Man kann die Taschentücher, im Gegensatz etwa zu Puccinis zeitgleich entstandenen Opern, ruhig zu Hause lassen. Das soll freilich nicht bedeuten, die Oper sei musikalisch uninteressant. Das Gegenteil ist der Fall. Hauptsächlich liegt das eben an Zemlinskys Orchester, das zwei Harfen, Glockenspiel, viele Bläsersoli, immer wieder die Solovioline und sogar eine Gitarre vorsieht und die harmonisch üppige Partitur in hohem Klangreiz erstrahlen lässt.

Die Handlung lässt sich, untypisch für ein Opernlibretto, mit sehr wenigen Worten zusammenfassen. Der Träumer Görge verlässt sein Dorf an genau dem Tag, an dem er sich mit Grete verloben sollte. In der Fremde trifft er auf die als Brandstifterin und Hexe verschriene Gertraud und entkommt mit ihr einer wütenden Menge. Mit ihr kehrt er in sein Dorf zurück, und beide erlangen durch ihren Fleiß in der Mühle Wohlstand für sich und das Dorf.

Eine Adhortatio, die anstachelnde Rede an jene aufgebrachte Menge im zweiten Akt, ist nicht die schlechteste Szene für Robert Künzli, denn seine Stimme hat Kern, ein rechter Heldentenor. Für den weltfremden Träumer Görge eine eigenartige Besetzung, könnte man meinen, doch Stimmbänder aus Stahl braucht man dafür wohl einfach, denn vermutlich stellt die Partie größere Anforderungen an die Kondition des Sängers als so manche andere Rolle, die dafür bekannt ist. Fast pausenlos ist Görge auf der Bühne, immer wieder muss er sich gegen ein stark besetztes Orchester behaupten, außerdem liegt die Partie häufig recht hoch. Gerade die Höhe trägt bei Robert Künzli aber besonders gut.

Sopranistin Brigitte Hahn singt die Gertraud (alternierend mit Kelly Good). Die junge Braut wäre im Schauspiel vermutlich nicht mehr ihr Fach, doch in der Oper gelten ja manchmal andere Regeln, und letztlich ist ja auch der Görge dieser Inszenierung bereits ergraut. Ihre Stimme ist eher weich, und das passt zu ihrer Rolle als Görges sanfte Trösterin, außerdem spielt sie ihre Rolle intensiver als die meisten anderen Darsteller. Etwas größere Rollen haben außer Görge und Gertraud nur Grete (Solen Mainguené) und ihr späterer Mann, der draufgängerische Hans (Christopher Tonkin), ein toller Hecht, hier aber auch ein Ekel. Sie und auch alle kleineren Rollen, vor allem Stefan Adam als Aufrührer Kaspar, sind stimmlich gut besetzt, dennoch bleibt das Orchester unter der Leitung von Mark Rohde der Star.

Die Inszenierung (Johannes von Matuschka) vermeidet die vorgesehene Idylle samt Dorf und Mühle. Die Bühne (David Hohmann) ist so grau, wie dem Träumer Görge die Realität erscheinen mag, dafür verfügt Gertraud als Hexe über die standesgemäß roten Haare (Kostüme: Amit Epstein). Ein gewisser Humor blitzt immer wieder durch, etwa wenn Görge seiner bevorstehenden Verlobung mit Grete offenbar so gleichgültig gegenübersteht, dass er immer wieder einschläft. Man kann froh darüber sein, dass der wütende Mob im zweiten Akt hier keinen Bezug auf Pegida oder ähnliches ausgelöst hat, die Regie verzichtet grundsätzlich auf billige Aktualisierungen.

In einem Punkt allerdings nimmt sie sich eine gewisse Freiheit: Johannes von Matuschka deutet den Epilog, in dem Görge mit Gertraud in sein Dorf zurückkehrt, lediglich als Traum – keine sonderlich zwingende Sicht. Angelpunkt ist für ihn der Schluss des zweiten Aktes. Es bleibe offen, ob Görge seine Gertraud vor der wütenden Menge beschütze. Nachvollziehbar ist diese Behauptung nicht.

Außerdem wandelt sich der Träumer Görge eigentlich recht eindeutig. Fordert er noch im ersten Akt: "Die Märchen müssen lebendig werden", so zeigt ihn der zweite als verbitterten Trinker. "Die Märchen sind tot", heißt es dort, "der Träumer ist erwacht". Im Epilog hat er sich dann eindeutig in der Realität zurechtgefunden, die erfolgreiche Arbeit – hier nicht dargestellt – zeugt davon, mehr noch Görge selbst, wenn er klar macht, in Gertraud den ganz realen Ersatz für seine früheren Träumereien gefunden zu haben.

Ansonsten bleibt die Inszenierung ziemlich zurückhaltend. Jene vorgebliche Schlüsselszene im zweiten Akt etwa ist von großer dramatischer Kraft – allerdings ausschließlich aufgrund der kraftvollen Musik Zemlinskys. Das Bühnengeschehen in Hannover trägt wenig dazu bei. Trotzdem: Als Gesamtpakt kann man mit diesem Traumgörge gut leben.

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Kritik von Jan Kampmeier

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Der Traumgörge: Oper von Alexander Zemlinsky

Ort: Staatsoper,

Werke von: Alexander von Zemlinsky

Mitwirkende: Mark Rohde (Dirigent), Robert Künzli (Solist Gesang)

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