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Sonntag, 15. September 2019

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Szenenphoto, Copyright: Kiran West

Szenenphoto, © Kiran West

The World of John Neumeier in Baden-Baden

Ritterschlag für Riggins

Für andere hat Tanzschöpfer John Neumeier in seinem 74jährigen Leben schon viel choreografiert: Für Marcia Haydée, Maurice Béjart, Kevin Haigen, Jeffrey Kirk, um nur einige zu nennen. Jetzt hat der Chef des Hamburg Ballett seine eigene, abendfüllende Hommage unter dem Titel 'The World of John Neumeier' herausgebracht. Mit diesem dreistündigen Schaffens-Rückblick eröffnete das Hamburg Ballett seinen diesjährigen Gastspielaufenthalt im Festspielhaus Baden-Baden. Das große Haus an der Oos war für diese Neumeier-Hommage der rechte Ort. Nicht nur, dass Neumeier hier allherbstlich mit seinen Tänzerinnen und Tänzern zu Gastspielwochen weilt, so dass im Badischen eine treue Neumeier-Fangemeinde entstanden ist. Neumeier war dort 1998 gleich beim ruckenden Start mit jetzt auch in den Rückblick aufgenommenen Bernstein- und Gershwin-Balletten zugegen und erzählte auch einmal anekdotisch, dass vor seinem damaligen Gastspiel ein anderer Intendant als danach amtiert hätte. Einige seiner Kreationen kamen sogar in Baden-Baden (oft im Wettstreit mit dem Hamburger Stammhaus) heraus, wie der auch jetzt angetanzte 'Tod in Venedig'. Mit dem inzwischen von Dirigenten-Witwe Eliette aus der Kurstadt nach Salzburg zurück geholten Karajan-Preis wurde Neumeier in Baden-Baden 2007 ausgezeichnet.

Genug der Bezüge also für Neumeiers dreizehnteiliges, sozusagen selbst gepflücktes Huldigungs-Gebinde. Natürlich leuchteten aus diesem Strauß biografische Bewegungen und Töne heraus. Zuerst die geschmeidigen, bereits angesprochenen Revue-Tänze auf Musik Gershwins und Bernsteins, die den Knaben Neumeier auf Anregung seiner Mutter im Kielwasser eines Fred Astaire und Glenn Kelly auf die tänzerische Spur brachten. Schon hier ließ Neumeier seinen ernannten Kronprinzen Lloyd Riggins auf dem Boden träumend als Alter Ego mit agieren. Riggins blieb an diesem Abend allgegenwärtig: tanzend, animierend, die anderen motivierend, die Abschnitte verbindend. Es war sozusagen der tanz-direktorale Ritterschlag für den in Hamburg auch offiziell als stellvertretender Ballettdirektor amtierenden Riggins.

Die Wendung des jungen Neumeier zum klassischen Ballett wurde an diesem vom Choreographen selbst moderierten Abend zum Bekenntnis. Bei Tschaikowskys 'Nussknacker' habe er das Gefühl gehabt, "nachhause zu kommen" und entwickelte den "Traum, Teil dieser magischen Welt zu werden". Natürlich hat er diesen Traum längst eingelöst. Selbst die Übungen an der Stange entwickelten an diesem Abend auf das begeisterte Publikum unwiderstehliche Sogkraft. Neumeiers choreografische Kreativität durfte einmal mehr Lloyd Riggins als Aschenbach im 'Tod in Venedig' demonstrieren: mit Carolina Agüero in superber Equilibristik und dem agilen Karen Azatyan. Wie vielfältig Neumeiers Bewegungs-Vokabular im Verlauf seiner gut 50jährigen Choreografentätigkeit mit über 150 Balletten geworden ist, zeigte diese 'World of John Neumeier' ebenso. Da wäre die elektrisierende, dramatische Erfindungskraft mit Modern-Dance-Elementen in 'Nijinsky' zu nennen mit der frenetisch furiosen Solistin Patricia Friza und dem suggestiven Titelpaar von Hélène Bouchet und Alexandre Riabko. Und dann konnte man in der Béjart-Huldigung 'Opus 100 – für Maurice' bemerken, wie sich Neumeier auf die signal-klare Modernität seines "Freundes" Maurice Béjart einzulassen verstand (Alexandre Riabko und Ivan Urban im mitteilsamen Männer-Pas-de-Deux).

Ausgefeilte Neoklassik bot sich mit den artifiziellen, aber linear ausgewogenen Pas de Deux aus 'Hamlet' und 'Kameliendame' (verspielt Anna Laudere und Edvin Revazov, in unbeschwerter Reinheit Alina Cojocaru und Alexandr Trusch). Seine in seinem herausragenden Schaffen weniger erfolgreichen mythologischen Ballette raffte Neumeier in der Kurzfolge 'Intermezzo' zusammen.Natürlich durfte in der Neumeier-Welt auch das Religiös-Transzendentale nicht fehlen, ein Erbe seines Mentors, des tanzbesessenen Jesuitenpaters John Walsh. Da waren die Erregungs- und Trauer-Gesten in 'Matthäuspassion' mit dem expressiven, sich herzzerreißend kasteienden Judas von Dario Franconi und dann der von überschäumender Freude durchdrungene Jubelchor aus 'Weihnachtsoratorium I bis VI'. Das von ihm nie als Mühsal empfundene Weitertragen seiner "inneren Verpflichtung" deutete Neumeier am Ende mit dem Schluss-Satz aus Mahlers Dritter Sinfonie mit der beseelten Silvia Azzoni und dem athletischen Carsten Jung an, als er die Verzauberung vom Bühnenhintergrund aus suggestiv an sein Ensemble weitergab.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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The World of John Neumeier: Ballett-Gala von John Neumeier

Ort: Festspielhaus,

Mitwirkende: John Neumeier (Choreographie)

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