> > > > > 16.05.2016
Dienstag, 20. Oktober 2020

1 / 5 >

Mefistofele: Pfingstfestspiele Baden-Baden 2016, Copyright: Andrea Kremper

Mefistofele: Pfingstfestspiele Baden-Baden 2016, © Andrea Kremper

Boitos 'Mefistofele' in Baden-Baden

Kollektiver Juckreiz

Es ist schon erstaunlich, dass eine Opernrarität wie Arrigo Boitos 'Mefistofele', die sich lange Zeit nur als Ausnahmeerscheinung in die Spielpläne geschlichen hat, gerade im Südwesten auf einmal dauerhaft präsent ist. Den Anfang machte vor wenigen Jahren das Badische Staatstheater Karlsruhe mit einer eindrucksvollen Aufführungsserie, gefolgt von Theater Freiburg. Und nun wurde Boitos Oper in einem Prolog, vier Akten und einem Epilog als Abschluss einer "Faust"-Trilogie zu einer der Hauptattraktionen bei den diesjährigen Pfingstfestspielen des Baden-Badener Festspielhauses. Aufgeboten war eine erlesene und zugkräftige Besetzung mit dem Bariton Erwin Schrott in der Titelrolle, ein Publikumsmagnet, der so ins Zentrum gestellt wurde und mit seiner vokalen Fülle solchen Raum beanspruchte, dass unmittelbar nachvollziehbar war, weshalb Boitos "Faust"-Vertonung die Figur des teuflischen Verführers zum titelgebenden Hauptakteur erhebt.

Huch, das sind ja wir

Philipp Himmelmann, dem Publikum des Festspielhauses aus früheren Regiearbeiten in guter Erinnerung, verhilft 'Mefistofele' zu viel Glitzer und Glamour. Da schillert ein reflektierender Streifenvorhang, und kaum wird er für den Prolog im Himmel geöffnet, ist die Hinterbühne von einem ebensolchen Show-Vorhang eingehegt. Johannes Leiacker hat im Zentrum der Bühne einen monumentalen Totenschädel postiert, Zeichen für die Vergänglichkeit und die Hohlheit des allerorten anzutreffenden Oberflächenglanzes. Der riesige Schädel erweist sich als bildhafte Klammer, mit der die tableauartigen Szenen von Boitos disparater Oper zusammengehalten werden; der multifunktionale Vanitas-Bildkörper ist nicht nur begehbar, sondern dient im weiteren Verlauf als Projektionsfläche mehrerer Videoeinspielungen (Martin Eidenberger), wodurch einige atmosphärisch starke Bilder erzeugt werden, etwa das Irrlicht, das Faust und Mefistofele zur Walpurgisnacht leitet, oder wenn barocke Sternenbilder-Darstellungen Fausts Erkenntnisstreben symbolisieren oder ratterndes, sich vervielfältigendes Zahlenwerk Spuk und Hexerei der Walpurgisnacht in die heutige Wirtschaftswelt transportiert.

Doch insgesamt bleibt Himmelmanns Deutung sehr kühl und distanziert, unterstützt durch die Kostüme von Gesine Völlm. Mefistofele tritt im Glitzersakko auf, die Volksmassen erscheinen beängstigend uniform: Das Volksfest erinnert an die Einheitskostümierung auf dem Oktoberfest, das Chorpersonal im Antiken-Akt sind trippelnde Senioren in Rosa. Die Himmelsbewohner kommen in faden cremefarbenen Kostümen als Personal früherer Glamourwelten daher; zu finden sind Marilyn Monroe, Elvis Presley, Montserrat Caballé, Rudolph Moshammer, Michael Jackson und viele andere. Mancher Regieeinfall, etwa der kollektive Juckreiz der himmlischen Heerscharen beim Auftritt Mefistofeles, wirkt ein wenig platt; anderes hingegen entfaltet durchaus subversive Kraft, wenn zur Einleitung der Walpurgisnacht ein Video den historischen Bahnhof Baden-Badens, das heutige Festspielhaus, zur Szenerie des Hexensabbats bestimmt und die versammelte Höllenbrut Mefistofele dann in der Abendrobe mit feinem Zwirn, Kostüm und Abendkleid zujubelt. Da wird das auf der Bühne gespiegelte Festspielpublikum zu den willfährigen Anbetern der teuflischen Show und des trügerischen Scheins: Huch, das sind ja wir!

Vokale Glanzpunkte

Die Inszenierung vertraut vor allem auf die Präsenz der Akteure, sie lebt von deren Einzelleistungen. Denn zwischen den Figuren entstehen kaum Spannungen oder szenische Intensität. Diese Leere, die als Folge der hohlen Glamourwelt zum Konzept gehören mag, wird von den aufgebotenen Sängern allerdings gut aufgefangen. Erwin Schrott beherrscht mit seinem raumfüllenden Bariton das Geschehen. Er findet für die leisen, verführerischen Lockungen nur wenige Schattierungen, ist allerdings im Bereich der dämonischen Kraft mit seiner Virilität ausdrucksstark. Schrott bestimmt mit seiner Präsenz das Geschehen, tendiert aber bei der Ausstellung von Mefistofeles teuflischer Macht zu einer etwas rauen Stimmgebung. Charles Castronovo verströmt mit seinem tragfähigen Tenor weitgespannte Legatobögen und fängt so seine von der Regie wenig ausgebaute Rolle sehr gut auf. Das weltberühmte Duett in der Kerkerszene mit Alex Penda als Margherita gelingt intim, weniger schmachtend als man das oft zu hören bekommt. Alex Penda lädt die Kerkerszene dramatisch auf. Sie scheut im Dienst des dramatisch-realistischen Ausdrucks zunächst vor brüchigen Melodiefragmenten nicht zurück und lässt den Übergang zu weiter ausgreifenden Kantilenen damit umso eindrücklicher aufleuchten. Schlichtweg großartig ist Angel Joy Blue als Elena mit anstrengungslos strahlenden Linien und satten Farben. Auch die Nebenrollen sind mit Jana Kurucová (Marta), Bror Magnus Tødenes (Wagner) und Luciana Mancini (Pantalis) solide besetzt.

Ohne Übertreibung

Der Dirigent Stefan Soltesz ließ nicht dazu verführen, das pathetische Moment von Boitos effektvoller Instrumentierung mit überwältigender Klangstärke auszuspielen, sondern sorgte für feine Strukturierung. Ein Forte wurde nicht gleich ins Unermessliche gesteigert, sondern sorgsam in Beziehung gesetzt. Die Münchner Philharmoniker ließen vor allem in den zahlreichen solistisch hervortretenden Stimmen Leuchtkraft und fein modellierte Farben hervortreten. Die Chorszenen, die in 'Mefistofele' durchaus über das Gelingen des Abends mitentscheiden, wurden vom formidablen Philharmonia Chor Wien (Leitung und Einstudierung: Walter Zeh) erstklassig gestaltet: präzise und mit der nötigen Agilität im Dynamischen. Wunderbar zart und engelsgleich gelangen die Beiträge des Cantus Juvenum Karlsruhe(Einstudierung: Anette Schneider).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Tobias Pfleger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Mefistofele: Oper von Arrigo Boito

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Arrigo Boito

Mitwirkende: Stefan Soltesz (Dirigent), Philipp Himmelmann (Inszenierung), Münchner Philharmoniker (Orchester), Erwin Schrott (Solist Gesang), Charles Castronovo (Solist Gesang), Alex Penda (Solist Gesang)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich