> > > > > 12.02.2017
Samstag, 24. Juni 2017

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Ensemble, Copyright: Wilfried Hösl

Ensemble, © Wilfried Hösl

David Alden inszeniert Rossini in München

Semiramide in Nordkorea

'Semiramide' ist die letzte große italienische Oper Gioachino Rossinis, die 1823 in Venedig uraufgeführt worden ist. Und was für eine Oper! Semiramide, die Königin von Babylon, hat vor nunmehr 15 Jahren gemeinsam mit ihrem damaligen Lover Assur ihren Gatten Nino umgebracht. Auch ihr gemeinsamer Sohn Ninia, so nehmen alle an, sei bei dem Giftanschlag ums Leben gekommen. Ist er aber nicht. Unter dem Namen Arsace kommt er just an dem Tag nach Babylon zurück, an dem Semiramide einen neuen König intronisieren will. Nicht, dass Arsace König werden möchte. Er ist nach Babylon gekommen, um die Prinzessin Azema zu heiraten und dazu die Erlaubnis von Semiramide einzuholen. Für den Thron rechnet sich Assur natürlich die besten Chancen aus. Seit 15 Jahren wartet Assur nun schon auf seinen Lohn und darauf, dass er endlich König wird. Doch Semiramide hat es sich anders überlegt. ‚Love first!‘, denkt sie sich, und ernennt Arsace zum König und zwar nicht nur zum König, sondern auch zum eigenen Ehemann, weil sie sich Hals über Kopf in ihren Sohn verliebt hat. Für jeden bricht mit diesem Plan eine Welt zusammen: Für Assur, weil er nicht König wird. Für Arsace, weil er ja Azema heiraten und gar kein König werden will. Auch der allwissende Baalspriester Oroe, der als einziger nicht nur das Verbrechen kennt, sondern auch weiß, dass der junge Arsace eigentlich Ninia ist, ist entsetzt, und als Semiramide ihn bittet, den ehelichen Segen über die Hochzeit von ihr und Arsace zu sprechen, öffnen sich die Gräber und der Geist des ermordeten Königs Nino greift in die Handlung ein. Nichts mit Hochzeit, nichts mit der Liebe also. Stattdessen erfährt Arsace von Oroe seine eigentliche Identität und bekommt einen klaren Auftrag: Er muss den Mord rächen. Weil der junge Held aber Mitleid mit seiner Mutter hat, möchte er Assur, der mittlerweile halb wahnsinnig geworden ist, an den Kragen. Was leider misslingt: In der dunklen Grabkammer des Nino ersticht er nicht Assur, sondern, hoppla, seine eigene Mutter. Und wird zum König über Babylon ausgerufen. Happy end also, lieto fine, wie es in der opera seria heißt; die Gerechtigkeit hat gesiegt.

Auch wenn der Inhalt also recht unterhaltsam ist, ist das Werk nicht so leicht aufzuführen. Die vier großen Gesangspartien sind extrem virtuos und anspruchsvoll, zudem ist die Oper mit ihren vier Stunden doch auch ziemlich lang; die Arien und vor allem die vier großen Duette ziehen sich und sind eine echte Herausforderung an jede Inszenierung. In der Bayerischen Staatsoper hat man die Herausforderung angenommen. Das Ergebnis kann sich sehen und vor allem auch hören lassen, auch wenn noch viel Luft nach oben ist.

Das gilt vor allem für die Inszenierung, die große, starke Momente, aber auch viel zu viel Leerlauf hat. David Alden, der nach vielen Jahren nach München zurückgekommen ist, bebildert die einzelnen Szenen statt die Entwicklung der Charaktere nachzuzeichnen. Alden und sein Team (Bühne von Paul Steinberg, die phantasie- und prachtvollen Kostüme von Buki Shiff) lassen die Oper in einem Einheitsbild, den Innenräumen eines Palastes spielen, dessen Wände und Decke sich verschieben lassen und dadurch unterschiedliche Räume bilden. Die Ästhetik erinnert an Räume osteuropäischer Paläste, eine Statue Kim Il-sungs, die in manchen Szenen die ganze Bühnenhöhe einnimmt, lässt an Nordkorea denken. Das Volk bleibt draußen. Es darf höchstens die Herrscher bestaunen und beklatschen. Der herrschaftliche Palast wird zugleich zum Baalstempel, denn Kim Il-sungs Statue, das wird schnell klar, ist der Baal. Ihm dient der Hohepriester Oroe mit den Magiern, die bei Alden zu gesichtslosen Priestern mit großen, weißen Turbanen und schwarzen Kleidern werden, sinnleere Rituale vollziehen und Assoziationen zum Islamismus wachrufen. An den Seitenwänden hängen riesige Familienportraits, auf der Wand im Hintergrund ein Portrait des ermordeten Königs Nino, das entfernt an Donald Trump erinnert und das in den Szenen, in denen der tote König erscheint, zum Video mutiert, so dass sich die Figur auf dem Bild und die Landschaft bewegen und verändern können.

Alden gelingen immer wieder sehr eindrückliche Szenen. So verlegt er zum Beispiel den Moment, an dem Arsace seine eigentliche Identität erfährt, in das Kinderzimmer von Ninia. Arsace erkennt es offensichtlich wieder – er weiß, er ist hier schon einmal gewesen. Er betrachtet das Familienbild, erkennt sich in dem kleinen Sohn, und erinnert sich, dass er mit dem Stoffpferd, das im Zimmer steht, früher gespielt hat. Kurz darauf winden sich drei Priester aus Oroes Gefolge in sein Zimmer, zerstören das Bild und das Pferd. Großartig inszeniert ist auch das Duett zwischen Assur und Semiramide. Es findet in deren Schlafzimmer statt – ein Ehekrieg zweier Menschen, die nicht voneinander loskommen und nur noch durch Sex, ihr dunkles Geheimnis und gegenseitigen Hass aneinander gebunden sind. Solch packenden Szenen steht aber ödes Rampentheater entgegen. Misslungen sind vor allem die schon erwähnten großformatigen Videoeinspielungen, die den Geist des Nino auf die Bühne bringen sollen, aber ein ästhetischer Fremdkörper in dieser Inszenierung sind. Auf den Videos sieht man vor allem Bilder eines schwarzgekleideten älteren Herrn, offenbar Nino, mit Sonnenbrille und weißen Haaren, der immer mal wieder die Brille abnimmt und sie wieder aufsetzt oder mit dem Finger auf die Bühne zeigt – ganz so wie Uncle Sam in den berühmten ‚We want you‘-Plakaten. Assoziationen zu Donald Trump lassen sich da kaum vermeiden. Die Figur lässt sich beliebig verdoppeln, verdreifachen und weiter vervielfältigten – aber was einem vielleicht einen Schauer über den Rücken laufen lassen sollte, bleibt einfach nur eine belanglose Spielerei, wenn nicht ein Ärgernis.

Musikalisch gelingt die Oper deutlich besser. Das liegt vor allem an dem Dirigenten Michele Mariotti. Er dirigiert das erste Mal in München und zum ersten Mal diese Rossini-Oper – und zwar mit unglaublicher rhythmischer Präzision, dabei aber voll Schwung, Glut und Elan. Eine solch genaue, lebendige und wache Interpretation, die gleichzeitig große Gefühle und Ausbrüche nicht scheut, kennt man an der Bayerischen Staatsoper sonst eigentlich nur von ihrem Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Joyce DiDonato gibt ihr Rollendebüt als Königin Semiramide. Sie wird in die Rolle musikalisch noch hineinwachsen müssen. Eine der Schwierigkeiten ihrer Partie ist, dass sie eine ganze Fülle unterschiedlicher Ausdrucksformen verlangt: Von einer verträumten jungen, verliebten Frau in ihrer großen Cavatine 'Bel raggio lusinghier' über Momente großer innerer Schmerzen und Verunsicherungen, über die harte Auseinandersetzung mit Duett mit Assur bis hin zu einem herrschaftlichen, königlichen Auftreten. DiDonato ist immer dann in ihrem Element, wenn sie ihren großen Auftritt hat, fett und stark die Koloraturen donnert und dynamisch entsprechend aufdrehen kann – ganz zur Freude des jubelnden Münchner Publikums. Was ihr fehlt, sind die Zwischentöne, die Vielschichtigkeit, die Feinzeichnung der Partie.

Das kann man von Alex Esposito als Assur nicht behaupten. Unglaublich, mit welcher Flexibilität, Ausdauer, Hingabe, Präsenz und Kraft er die Partie bewältigt. Freilich kommt ihm die Regie von David Alden dabei entgegen. Er ist der einzige Charakter in der Inszenierung, der sich wirklich glaubhaft entwickelt, und seine große Wahnsinnsszene im zweiten Akt wird zum dramatischen Höhepunkt der Oper. Bühnenpräsenz und Entwicklung einer Person ist genau das, was Daniela Barcellona als jugendlicher Arsace abgeht. Von der Regie total vernachlässigt steht sie weitgehend breitbeinig auf der Bühne herum, verfügt über zwei, drei standardisierte Hand- und Armbewegungen oder stolziert und schreitet von einem Ort zum anderen. Aber immerhin verfügt sie über einen schönen, satten Mezzosopran, der gut mit DiDonato harmoniert. Die anderen Protagonisten überzeugen voll und ganz: Simone Alberghini singt einen souveränen Oroe, Lawrence Brownlee meistert die Partie des indischen Prinzens Idreno, wobei ein wenig mehr Schmelz seinem flexiblem Tenor gut täte, und Elsa Benoit singt die kleine Partie der Azema mit leuchtender, kraftvoller Stimme. Großer Jubel, in den sich kräftige Buhs nur gegenüber dem Regieteam mischen. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Ende Februar wird eine Aufführung auf der Internetseite der Bayerischen Staatsoper live übertragen.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Semiramide: Melodramma tragico in zwei Akten von Rossini

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Michele Mariotti (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Elsa Benoit (Solist Gesang), Lawrence Brownlee (Solist Gesang), Alex Esposito (Solist Gesang), Joyce DiDonato (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Klingende Perlenketten, aber phänomenal teilchenbeschleunigt
Joyce DiDonato in München
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, )

Nachts im Museum
"Semiramide" im Nationaltheater
(Münchner Merkur, )

Flitzende Noten - träge Handlung
"Semiramide" an der Bayerischen Staatsoper
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

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