> > > > > 03.03.2016
Sonntag, 15. September 2019

Antonín Dvorák

Liza Ferschtman und das Concertgebouw Kamerorkest

Stilsicherheit und Theatralik

Mit dem Concergebouw Kamerorkest hatte die BASF-Kulturabteilung am vergangenen Donnerstag zum letzten Mal in dieser Saison im Rahmen der Konzertreihe "The Big Four" ein wichtiges Kammerorchester ins Feierabendhaus nach Ludwigshafen eingeladen. In der heutigen Form seit 1987 aktiv und dem weltberühmten Concertgebouw Orkest angegliedert, wusste der ausschließlich aus Streichern bestehende und von Konzertmeister Tjeerd Top geleitete Klangkörper von Anfang an durch sein außerordentlich präzises, klanglich vielfältiges und vor allem in musikalischen Belangen stilsicheres Auftreten zu überzeugen.

Die erste Hälfte des Konzerts – von Violinen und Violen im Stehen musiziert – widmete sich ganz der böhmischen Musik: Den Beginn machte Leoš Janáčeks wenig bekannte Suite für Streichorchester (1877), die den damals 23-jährigen Komponisten auf der Suche nach einem eigenen Stil zeigt und aufgrund deutlicher Reminiszenzen an die Behandlung volkstümlicher Melodien bei Dvořák und Smetana im Tonfall noch etwas unentschlossen wirkt. Dennoch enthält das Werk viele raffinierte Instrumentationsmomente, deren Umsetzung dann auch sofort die hohe Klangkultur der Musikerinnen und Musiker bei der Gestaltung eines homogenen, aber zugleich auch je nach musikalischer Situation vielfach abschattierten Gesamtklangs vor Ohren führte.

Im Anschluss erklang Antonín Dvořák Streichquartett Nr. 12 F-Dur op. 96, das bekannte 'Amerikanische' (1893), in einer Bearbeitung für Streichorchester von Michael Waterman. Für den Kenner von Dvořáks Original war es etwas gewöhnungsbedürftig zu erleben, wie stark die chorische Wiedergabe des Werkes zu einer Reduktion der rhythmischen Prägnanz bei gleichzeitiger Verstärkung flächiger Wirkungen führte. Genau hier setzte aber auch das Kammerorchester an, indem es – unmittelbar an die vorangegangene Janáček-Suite anknüpfend und mit fast schon unheimlicher Präzision im Zusammenspiel aufwartend – über weite Strecken den Aspekt der Klangentfaltung in den Mittelpunkt rückte.

Der zweite Teil des Konzerts, diesmal von allen Orchestermitgliedern im Sitzen musiziert, stand unter veränderten Vorzeichen und wurde durch eine Umsetzung von Feilx Mendelssohn Bartholdys dreisätziger Streichersinfonie Nr. 12 g-Moll (1823) eröffnet. Bewundernswert klar und prägnant gerieten dem Orchester die beiden von Fugenpassagen dominierten Rahmensätze, wobei der Kopfsatz zudem durch eine gewisse Strenge, verbunden mit zurückhaltender Vibratogebung, überzeugte. Dieser Schlankheit stand der geradezu verschwenderische Vibratoklang gegenüber, mit dem ein solistisches Streichquintett, häufig auch noch um die Bassstimmen reduziert, den solistisch besetzten Mittelsatz musizierte – eine Klangsituation, die als besonderer Kunstgriff auch im Finale noch zweimal in Gestalt kammermusikalischer Einsprengsel aufblitze.

Den letzten, musikalisch wiederum völlig anderen Programmpunkt bildeten Astor Piazzollas 'Cuatro estaciones porteñas' ('Vier Jahreszeiten in Buenos Aires') in jener Bearbeitung für Violine und Streichorchester, die der russische Komponist Leonid Desyatnikov 1998 für Gidon Kremer und die Kremerata Baltica gefertigt hatte. Hier trat denn auch Liza Ferschtman, Solistin des Abends, in Aktion: In den Niederlanden zu den bekannten und geschätzten Künstlern gehörend, ist die Geigerin hierzulande noch relativ unbekannt, was angesichts ihrer Fähigkeiten mehr als bedauerlich ist. Mit einer ebenso wilden wie klangsinnlichen Umsetzung des Werkes lieferte sie eine einprägsame Vorstellung, in der auch die Brüche der Musik – etwa die von Desyatnikov eingearbeiteten Vivaldi-Reminiszenzen – im Sinne von Überraschungs- und Störmomenten zum Vorschein kamen. Hier wohnte man weniger der Wiedergabe eines viersätzigen Zyklus für Soloinstrument und Streichorchester denn einer sorgfältig inszenierten theatralischen Auseinandersetzung zwischen Solistin und Orchestermusikern bei – einer Auseinandersetzung, in der Letztere mit außerordentlich großer Spiellust agierten. Großartig gerieten aber auch die intimen Duosituationen, die sich bei Ferschtmans Dialogen mit dem hervorragenden ersten Cellisten des Concertgebouw Kamerorkest ergaben.

Ihre besonderen geigerischen Fähigkeiten unterstrich die Geigerin anschließend noch mit ihrer Zugabe, schickte sie doch ihrer Piazzolla-Lesart eine Interpretation von Eugène Ysaÿes fünfter Solosonate hinterher, die sich im großen Konzertsaal durch eine phänomenale klangliche Präsenz selbst in den zarten, filigranen Passagen auszeichnete. Eine bessere Visitenkarte für ihr Können hätte man sich von Liza Ferschtman tatsächlich nicht wünschen können, denn dieser Vortrag ließ so manche ihrer bei uns bejubelten Kolleginnen und Kollegen recht blass erscheinen.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four 4: Liza Ferschtman und Concertgebouw Kamerorkest

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Leos Janácek, Antonín Dvorák, Felix Mendelssohn Bartholdy, Astor Piazzolla

Mitwirkende: Concertgebouw Kammerorchester (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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