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Dienstag, 17. September 2019

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Szenenfoto "Der fliegende Holländer", Copyright: Brinkhoff-Mögenburg

Szenenfoto "Der fliegende Holländer", © Brinkhoff-Mögenburg

'Der fliegende Holländer' in Hamburg

Der wuchtige Holländer

Dieser Tage findet man den fliegenden Holländer bei Manchester United auf der Trainerbank. Doch es braucht keinen Schwalben imitierenden Louis van Gal, um eine standesgemäße romantische Wagner-Oper an der norwegischen Küste zu erleben. Am Dienstagabend reicht auch die Staatsoper Hamburg und der Besuch der 71. Vorstellung seit der Premiere 1996 (allerdings die letzte in dieser Spielzeit). Routine oder Verschleißerscheinungen sind kaum zu vernehmen. Höchstens in der Oboe wackelt es einmal in der Ouvertüre beim Einsatz des zweiten Themas. Das Philharmonische Staatsorchester wirkt unter Johannes Fritzsch zu Beginn noch nicht ganz warmgespielt. Es steigert sich dann aber immer mehr, sodass die Tanzeinlage zum Ende des Ersten Aufzuges in den Streichern schwungvoll den Südwind verheißt, von dem der gewohnt präsente und vor allem in der Mittellage mit warmen Farben überzeugende Dovlet Nurgeldiyev als Steuermann erzählt. Und auch wenn das kantable Moment im gesamten Ensemble an diesem Abend nie zu kurz kommt - der Primat der Textverständlichkeit, wie ihn Wagner postulierte, wird von keinem der Beteiligten vernachlässigt.

Ricarda Merbeths Ballade vom fliegenden Holländer im zweiten Akt darf so als einer der Höhepunkte gelten. Mit blühender Dramatik und wuchtiger Gewandtheit lässt ihre Senta die Spitzentöne der Versanfänge bis in die hinterste Reihe dringen. Auch schauspielerisch vollbringt sie den Spagat, in ihrer Sehnsucht nach dem Selbstopfer extrem selbstbewusst zu wirken ("Schweig, Erik!"), auf beeindruckende Weise. Der ihr als Charakter unterlegene Erik wird von Andreas Schager jedoch als Ebenbürtiger gegeben. Der jeweils doppelte Versuch im zweiten und im dritten Aufzug, Senta ganz für sich zu gewinnen, ist dank seiner stimmlichen Sogkraft überaus zwingend. Johan Reuters Holländer aber leidet einfach noch schwerer und mächtiger. Wenn Reuter bei seinem ersten Auftritt seine Geschichte vorträgt, die sich bis zum verzweifelten Wunsch der Weltvernichtung steigert, beherrscht er mit ausgebreiteten Armen die ganze Bühne, und es besteht kein Zweifel, dass er der Fliegende Holländer ist. In der Charakterzeichung fällt Reinhard Hagen als Daland eher noch dahinter zurück, und das obwohl er wunderbar raffgierig und heuchlerisch spielt und auch stimmlich eine gute Figur macht.

Dass dieser Abend immer stärker wird, je länger er dauert, liegt auch an der Inszenierung Marco Arturo Marellis. Diese hat keinen zwanghaft originellen Ansatz, sondern ein eher unaufdringliches Bühnenbild, das von einer traumartigen Lichtregie lebt und sich ansonsten sich sogar an den Text hält. Selbst ein Spinnrad sieht man zu Beginn des zweiten Aktes unter den Requisiten. Zwar spielt die eröffnende Szene in der Ouvertüre mit der Idee eines kindlichen Traumas, des Verlustes der Mutter durch einen fremden Mann, aus dem sich die Haupthandlung dann ergibt. Weiter ausgestaltet wird diese Idee aber nicht mehr. Nur am Ende erinnert der auf dem Pier Senta hinterherblickende Erik an den Jungen, sodass sich der Rahmen qua Assoziation schließt. Auch in der Personenführung wirkt die Regie souverän; die große Festszene verstrahlt so nicht nur aufgrund der gesanglichen Kraft des Staatsopernchores eine unwiderstehliche Wucht. Zu Recht gab es daher am Ende großen Applaus.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Der fliegende Holländer: Romantische Oper in drei Aufzügen von R. Wagner

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Johannes Fritzsch (Dirigent), Marco Arturo Marelli (Inszenierung), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Reinhard Hagen (Solist Gesang), Ricarda Merbeth (Solist Gesang), Johan Reuter (Solist Gesang)

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