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Montag, 21. Oktober 2019

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NDR Sinfonieorchester, Copyright: NDR/Marcus Krueger

NDR Sinfonieorchester, © NDR/Marcus Krueger

Hengelbrock dirigiert Mahlers Neunte in Hamburg

Routinierter Aufruhr

Als Chefdirigent des NDR Sinfonieochesters dirigiert sich Thomas Hengelbrock derzeit durch den sinfonischen Kanon: Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms, Dvořák und Bruckner. An diesem Abend war nun Gustav Mahlers Neunte an der Reihe, die in der Laeiszhalle mit großer Besetzung erklang. Alles war da, der große Gestus, das Pathos, die Intimität, Ironie, der Wirtshaustonfall, der Aufruhr und sofortige Zusammenbruch. Herzlicher Schlussapplaus brandete am Schluss auf. Aber irgendwie hinterließ das Ergebnis auch einen leicht enttäuschenden Eindruck, weil es auf hohem Niveau nach Routine klang, nach Pflichterfüllung, nach Abokonzert am Donnerstagabend. Letzteres war zwar eine Tatsache, schien aber in die Interpretation hineingesickert zu sein.

Die Sinfonik von Gustav Mahler ist im Repertoire längst angekommen. Jedes A-Orchester ist heutzutage in der Lage, einen stilistisch mit allen Besonderheiten ausgestatteten Mahler hinzulegen. Und das NDR Sinfonieorchester ist als Klangkörper mit einer langen Mahler-Tradition dazu ohne Zweifel in der Lage. Den rustikalen Ländler und den Walzer im 'Andante' zelebrierte man wunderbar tänzerisch. Das bisweilen drastische kontrapunktische Chaos mit seinen plötzlichen Wechseln musikalischer Zustände gelang in der 'Rondo-Burleske' mitreißend. Und doch wirkte es in den Außensätzen oftmals so, als würde Hengelbrock trotz einer engagierten Performance eher an der Partitur entlang dirigieren als in die weit in die Moderne vorstoßenden Untiefen des Werks abzutauchen und eindringend zu gestalten.

Klang der Beginn der Sinfonie noch wunderbar fahl und fragmentiert, wirkte schon die erste sich daraus entwickelnde dynamische Klimax nur halb zu Ende gedacht. Überhaupt wurde im Kopfsatz das abrupte Umkippen der musikalischen Verhältnisse, das Ein- und Zusammenbrechen des gerade erst Etablierten zwar nicht verdrängt, jedoch zugunsten einer durchgehenden Motorik eher in den Hintergrund gestellt. Zudem wurde auch eins der anderen herausragenden Merkmale an Mahlers Personalstil - die Instrumentation - insgesamt zu wenig herausgearbeitet. Klangfarblich wirkte das Tuttigetümmel angemessen schrill, jedoch nicht so bunt, wie man es hätte erwarten dürfen. Zumal es in den einzelnen Orchestergruppen bisweilen intonatorisch wackelte, wie die Trompete in der 'Rondo-Burleske'.

Letzten Endes wirkte dann auch der große Abgesang im 'Adagio' zu sehr vorgezeichnet. Sicher, das Streicherkantabile klang warm und schön ausphrasiert, aber das hat man so schon oft gehört. Alles zusammen bewirkte einen seltsamen Widerspruch zwischen Auge und Ohr, denn Hengelbrocks Dirigieren schien engagiert und nah bei der Musik und am Orchester wie eh und je. Das klangliche Ergebnis jedoch blieb dahinter zurück, weil es auf hohem Niveau distanziert wirkte. Schlecht war das alles nicht, den Atem verschlug es einem aber auch nicht.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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NDR Sinfonieorchester: Thomas Hengelbrock

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Thomas Hengelbrock (Dirigent), NDR Sinfonieorchester (Orchester)

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