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Samstag, 20. April 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Andris Nelsons und die Staatskapelle Dresden

Beeindruckende Matinee

Für Dmitri Schostakowitsch waren Konflikte mit der kommunistischen Obrigkeit keine neue Erfahrung, man denke nur an die schroffe Zurückweisung seiner Oper 'Lady Macbeth von Mzensk', die den Stil seiner folgenden Werke maßgeblich beeinflusste. Im Falle seiner Achten Symphonie fielen die Reaktion nicht ganz so drastisch aus. Man bemängelte die düstere Stimmung und vor allem das Fehlen eines optimistischen Finales und machte dem Komponisten den Vorwurf, er wäre zu wenig patriotisch. Die Führungselite wollte in dem 1943 entstandenen und uraufgeführten Werk eben den für Russland nun positiv verlaufenden Krieg reflektiert sehen und nicht an die Leiden der Betroffenen erinnert werden. Ein Jahr später geriet die Symphonie anlässlich der Komponisten-Vollversammlung wieder ins Kreuzfeuer der Kritik und wurde durch das Schdanow-Dekret von 1948 aus den Konzertsälen verbannt. Erst im Oktober 1956 rehabilitierte man das wegen seiner "ultraindividualistischen Weltsicht" zuvor gescholtene Stück.

Noch Jahrzehnte später beklagte sich der Komponist, dass seine Achte, mit der er die Schrecken des Krieges in Töne setzte, so drastisch fehlinterpretiert wurde: "Über die Siebte und die Achte habe ich mehr dummes Zeug zu hören bekommen als über meine übrigen Arbeiten. Merkwürdig, wie langlebig solche Dummheiten sind. Manchmal verblüfft mich, wie denkfaul die Menschen sind. Alles, was über diese Symphonien in den ersten Tagen geschrieben worden ist, wird unverändert bis zum heutigen Tag wiederholt. Dabei gab es doch genügend Zeit zum Nachdenken. Der Krieg ist schließlich längst zu Ende … Vor dreißig Jahren konnte man wohl sagen, dass es Kriegssymphonien seien … Die meisten meiner Symphonien sind Grabdenkmäler. Zu viele unserer Landsleute kamen an unbekannten Orten um. Niemand weiß, wo sie begraben liegen, nicht einmal ihre Angehörigen … Ich würde gern für jeden Umgekommenen ein Stück schreiben. Doch das ist unmöglich. Darum widme ich ihnen allen meine gesamte Musik."

Der exzellenten Aufführung durch die Staatskapelle Dresden brachte man diesmal gleich doppeltes Interesse entgegen, da sie von Andris Nelsons dirigiert wurde, der im nicht weit entfernten Leipzig die frei gewordene Chefposition beim Gewandhaus Orchester übernehmen wird. Nelsons Schostakowitsch tendiert zu raschen Tempi, ist emotional und analytisch zu gleich, wobei ihm bei der Detailarbeit die hohe musikalische Sensibilität des Klangkörpers zugute kommt. So gelingt es Nelsons mit viel Gespür für musikalische Architektur, einen Bogen über alle fünf Sätze zu spannen, innerhalb dessen genügend Raum für dynamische Feinarbeit und explosive Steigerungen bleibt.

Von dem Farbenreichtum sowie der Brillanz der Staatskapelle konnte man sich schon bei der eingangs gespielten Passacaglia aus Brittens 'Peter Grimes' überzeugen. Auch das mittlere Stück der Matinee stammte aus dem 20 Jahrhundert, wobei Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert 'Nobody knows the trouble I see' weitaus zugänglicher ist als etwa dessen Oper 'Die Soldaten'. Für sein 1954 geschriebenes Konzert ließ sich Zimmermann von dem gleichnamigen Negro-Spiritual inspirieren und stellt die in Weiße und Schwarze geteilte Gesellschaft gegenüber, wobei er in seiner Partitur das Verschwinden des Rassenwahns bereits vorwegnimmt; so verschmelzen die Jazz-Klänge mit der tonalen Klassik. Hakan Hardenberger scheint sich in beiden Stilen gleich wohl zu fühlen und bot mit teilweise gestopfter Trompete ein sehr nuanciertes Spiel, das von der Staatskapelle ebenso begleitet wurde.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Staatskapelle Dresden: 7. Symphoniekonzert

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Dimitri Schostakowitsch, Benjamin Britten, Bernd Alois Zimmermann

Mitwirkende: Andris Nelsons (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Hakan Hardenberger (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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