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Dienstag, 25. Juni 2019

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Porträt José Cura, Copyright: Zoe Cura

Porträt José Cura, © Zoe Cura

Magische Bilder und orchestrale Wucht in Salzburg

Ein etwas anderer 'Otello'

Eine dramatische Umarmung, ein orchestraler Knall, der Chor als Volk wie ein Orkan, so beginnt Verdis 'Otello'. Eine Explosion. Umhüllt von einem riesig wehenden Gazevorhang werden tobende Wasserfluten und Stürme erlebbar. Das Regieteam, neben Regisseur Vicent Boussard sind das Vincent Lemaire (Bühne), Guido Levi (Licht) und Isabel Robsen (Video), setzt auf atmosphärische Reduktion im Wechsel von wuchtigen Massenszenen und tiefgründigen, expressiven Bildwelten.

Ein endlos langer Tisch genügt. Er wird zum Catwalk der Sänger und des Todesengels, er signalisiert Hierarchien: unten das Volk. Durch die wogende Bewegung parallel zur Musik wird eine mitreißende Szenerie in der Optik alter Meister entwickelt. Grüne und rote Lichtflächen im Hintergrund signalisieren die Emotionalität der Handlung. Die färbt sich rabenschwarz. Die Poesie der Liebe hält nicht lange, wirkt von Anfang an eng und oberflächlich, verschmälert sich symbolisch auf eine lichtdurchflutete Türöffnung.

Sie liebt ihn wegen seiner Heldentaten, er sie wegen ihres Mitgefühl. Im bizarren Dreiecksraum, durch Spiegel gedoubelt, wird der Nutzcharakter dieser Liebe deutlich, woraus sich natürlich musikalische Konsequenzen ergeben; es stehen weniger italienischer Schmelz als wuchtige Kontraste im Vordergrund, weit weg vom Tiefgang selbstloser Liebe. Trotzdem wird die im Programmheft ausführlich dargestellte  Integrationsproblematik Otellos dennoch wieder durch das Eifersuchtsszenario  überlagert.

Die festlichen Kerzen mutieren zu Opferkerzen, an denen sich der Todesengel entflammt. Die entstehenden Rauchwolken verdichten sich gen Himmel zu Gewitterwolken. Otello findet den Weg in die Helligkeit nicht. Das Famose an dieser Inszenierung ist die klangliche Präzision und Brillanz, mit der Christian Thielemann  die Sächsische Staatskapelle, den Sächsischen Staatsopernchor und die Sänger zusammenführt, die genau zu den szenischen Effekten passen. Verdis 'Otello' erstrahlt in einer selten gehörten Klangdifferenzierung, mitreißenden Dynamik und Artikulation, die sich nie mit der reinen Motivwiederholung zufrieden gibt, sondern mit immer neuen Klangvariationen überrascht. Mit einer faszinierenden Subtilität lässt Christian Thielemann das Orchester toben und hauchen. Die Sänger tauchen ein in den orchestralen Sturm, und umgekehrt werden die Instrumentallinien zu eigenen Melodielinien, die die Seele zuweilen mehr berühren als die Stimmen es vermögen. Die Streicher zeichnen seelische Erregung. Gerade noch zwischen den fernen Siegesfanfaren der Trompeten und Posaunen noch im Siegestaumel, künden die Kontrabässe das Unheil an - einer der eindrücklichsten musikalischen Momente.

Mit José Cura und Dorothea Röschmann sind die Hauptrollen stimmgewaltig und souverän, wenn auch nicht charismatisch als Traumpaar besetzt. Unverständlich bleiben die Buhs für beide beim Premierenapplaus. Insbesondere in der Todesstunde beweist Dorothea Röschmann, dass sie neben orkanhafter Vehemenz in den dramatischen, klangdichten Passagen auch die ganz zarten Momente mit sehr viel Feingefühl erfüllen kann. Das gilt auch für José Cura. Carlos Álvarez avancierte zu Recht zum Publikumsliebling. Sein samtener  Bariton passt bestens zur verführerischen Intrigantenrolle; die fehlende Dämonie musste allerdings das Orchester übernehmen. Sängerische Qualität auch in den Nebenrollen: Emilia (Christa Mayer), Cassio (Benjamin Bernheim), Rodrigo (Bror Magnus Todenes), Montano (Csaba Szegedi), Araldo (Gordon Bintner). Sofia Pintzou fand als Todesengel eine dezent expressive Bewegungssprache.

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Kritik von Michaela Schabel

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Otello: Dramma lirico in vier Akten von Giuseppe Verdi

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Christian Thielemann (Dirigent), Vincent Boussard (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Carlos Alvarez (Solist Gesang), Dorothea Röschmann (Solist Gesang), José Cura (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Christian Thielemann dirigiert Verdis "Otello"
Osterfestspiele Salzburg
(Münchner Abendzeitung, )

Verdi ohne Esprit und Italianità
"Otello" in Salzburg
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

Gelangweilt bei Otello
Salzburger Shakespeare-Tage
(neue musikzeitung, )

"Otello" im unterkühlten Design
Salzburger Festspiele
(Salzburger Nachrichten, )

Ein Mord wie eine Umarmung
Thielemanns "Otello" in Salzburg
(Dresdner Neueste Nachrichten, )

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