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Montag, 20. Mai 2019

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Lang Lang, Copyright: Harald Hoffmann

Lang Lang, © Harald Hoffmann

Lang Lang und Christoph Eschenbach in Hamburg

Amerikanisch altmodisch

Andere Länder, andere Sitten. Als das Publikum zu Beginn der zweiten Konzerthälfte wieder in die Laeiszhalle hineinzuströmen begann, hatte das National Symphony Orchestra of Washington bereits komplett auf der Bühne Platz genommen und wartete geduldig ab. Vielleicht wusste das Publikum aber auch, dass der Höhepunkt des Abends bereits hinter ihm lag und ließ sich darum nun etwas mehr Zeit als zu Beginn. Es sollte Recht behalten, auch wenn die Interpretation der Siebten Sinfonie Ludwig van Beethovens wohlklingend geriet und im Finale angemessen furios im Kreis tobte. Dass man mit allen 96 Musikern auftrat - schließlich soll sich die lange Reise ja auch lohnen - machte sich aber ebenfalls bemerkbar. Zwangsweise muss eine Aufführung der Siebten von Beethoven unter anderem mit sieben Kontrabässen und massig besetztem Blech schwerfällig klingen. Klangästhetisch hätte hier ein Bruckner oder Tschaikowsky besser gepasst, beides Komponisten, die Christoph Eschenbach extrem gut kann. Wenn dann im Kopfsatz noch ein Tempo hingelegt wird, dass gerade so das gesetzliche Mindestlimit einhält, fühlt man sich eher in die 50er oder 60er Jahre versetzt.

Bei aller klanglichen Breite aber demonstrierte das National Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten intonatorisch hohe Korrektheit und einen strikten Zugrifff, der ganz nach Beethoven klang. Dass Eschenbach Spätromantik gleichwohl besser kann, zeigte er zu Beginn in Richard Wagners 'Tannhäuser'-Ouvertüre, die nicht als Warmspieler herhalten musste, sondern aus dem Stand überzeugte. Schon der Beginn in den Holzbläsern wurde wunderbar durchsichtig und zugleich sakral tönend aufgefächert, sodass sich die anschließende schrittweise dynamische Expansion in einen gleichsam musikalisch theatralisch aufgeladenen Raum hinein entfalten konnte. Der opernhafte Aufruhr im Streichergeschwirre mit dem alles überwölbenden Thema im Blech wurde grandios in Szene gesetzt, im besten Sinne altmodisch.

Gleichwohl, der Höhepunkt des Abends war Lang Langs Interpretation des Klavierkonzerts a-Moll von Edvard Grieg. Man mag vom Dauer-Hype um den chinesischen Ausnahmepianisten genervt sein, an diesem Abend wurde er seinem hohen Ruf gerecht. Einem scheinbar totgespielten Werk wie dem Grieg-Konzert wieder Leben einzuhauchen, gelingt längst nicht jedem Solisten. So verlieh er schon den wuchtigen Anfangsakkorden durch ein leichtes agogisches Zögern unerwartete Bedeutsamkeit. Zudem arbeitete er bereits in der Exposition eine Unmenge an Details hervor, wie z.B. einen kleinen Walzereinschub, die nicht nur durch seinen plastischen, extrem deutlichen Vortrag sichtbar wurden, sondern ebenfalls durch den individuellen Zugriff. Sicher birgt das Abtauchen in Einzelheiten auch Risiken, doch ging dies hier nie auf Kosten des großen musikalischen Zusammenhangs, sondern brachte diesen überhaupt erst zustande. Dass Lang Lang in der Solokadenz des Kopfsatzes dann manche Passagen über die Maßen ausdehnte und Einzeleffekte wie einen Triller im hohen Register übermäßig zelebrierte, ging da locker als schwelgerisch durch. Zumal das Orchester und er unter Eschenbach, der ja selbst altbewährter Pianist ist, herausragend aufeinander abgestimmt waren. Man konnte die schillernde Verbindung zwischen Orchester und Solist förmlich spüren. Nicht nur der abschattierte Einsatz der Streicher nach der Kadenz verursachte Gänsehaut.

Das spektakuläre Finale klang für meinen Geschmack dann etwas zu sehr nach Klischee-Liszt, auch wenn in den virtuosen Passagen viel Liszt stecken mag, hauptsächlich, weil das donnerde Passagenwerk überhastet fast nur noch auf Effekt gespielt wurde, sodass der eindrucksvolle Gestaltungswille ganz dahinter zurücktrat. Spaß gemacht hat das Zuhören natürlich trotzdem. Interessanter und faszinierender war dann aber wieder die Zugabe (leider nur eine), in der die schwebenden, leisen Töne wieder präsent waren, die Lang Lang eigentlich sogar noch besser beherrscht als die altbekannte Akkordarbeit.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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National Symphony Orchestra Washington: Lang Lang / Christoph Eschenbach

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Richard Wagner, Edvard Grieg, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Christoph Eschenbach (Dirigent), Lang Lang (Solist Instr.)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Der Pianist, der Superstar
Nach Griegs Klavierkonzert wird Lang Lang gefeiert
(Hamburger Abendblatt, )

Klassik als beste Therapie
Ein besonderer Abend in der Laeiszhalle
(Die Welt, )

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