> > > > > 21.01.2016
Dienstag, 12. Dezember 2017

Wolfgang Amadeus Mozart

Radu Lupu und die Kremerata Baltica

Konzentrierte Darbietung

Seit 1998 sind unter dem Motto "The Big Four" pro Konzertsaison jeweils vier berühmte Interpreten einer Instrumentengattung im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen zu Gast. Anlässlich das aktuellen 150. Firmenjubiläums hat man den Fokus dieser vierteiligen Konzertreihe auf einen musikalischen Dialog hin erweitert und neben namhaften Solisten jeweils auch vier bedeutende Kammerorchester eingeladen. Nachdem im vergangenen November Arabella Steinbacher (Violine) und die Festival Strings Lucerne zum Auftakt der Reihe in Ludwigshafen gastiert hatten, setzten am Donnerstag die Kremerata Baltica gemeinsam mit dem Pianisten Radu Lupu den Veranstaltungsreigen fort. Das exzellente, ohne Dirigent spielende Streichorchester, 1997 von Gidon Kremer zur Förderung des musikalischen Nachwuchses im Baltikum gegründet und heute aus einem festen Stamm aus Musikerinnen und Musikern bestehend, überzeugte von der ersten Minute an durch seine Klangkultur und ein phänomenales Niveau des Zusammenspiels.

Bereits die am Anfang des Konzerts platzierte Streichersinfonie Nr. 7 d-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy – ein Jugendwerk des 13-Jährigen – geriet dem Streichorchester technisch wie klanglich makellos. Vom Eröffnungsakkord an elektrisierte der Vortrag bei seinem Weg über die rasanten Läufe des Kopfsatzes und den ebenso behutsamen wie unaufdringlichen Zugriff auf die volkstonhafte Kantilene des 'Andante amorevole' bis hin zum brillanten Rondo-Finale. Dessen stufenweise komplexer werdende Fugen-Episoden gerieten zu einem Muster an kontrapunktischer Klarheit, was durch rasche Ausdruckswechsel und exzellentes Zusammenspiel selbst an den heikelsten Stellen unterstrichen wurde. Noch prägnanter zeigten sich die klanglichen Gestaltungsfähigkeiten der Streicherinnen und Streicher – unterstützt vom Einsatz einer Pauke – in Mieczysław Weinbergs Sinfonietta Nr. 2 g-Moll op. 74, die den zweiten Teil des Abends eröffnete: Den Kopfsatz formte die Kremerata Baltica als Abfolge energetischer, kraftvoll in den Raum gestellter Gesten, aus denen die im Forte einander umrankenden Melodielinien herauswuchsen. Die weiteren Sätze folgten im Sinne einer ins Negative gewandten Steigerung, die vom weich getupften, mit klangvollen Pizzicati durchzogenen 'Allegretto' über die elegischen Phrasen von Violinen und Violen im 'Adagio' bis hin zum verhaltenen 'Andantino' führte und gegen Ende die einzige Stelle markierten, bei denen die ansonsten hervorragend aufeinander reagierenden Ensemblemitglieder etwas von ihrer Konzentration zu verlieren schienen.

Im Zentrum des Abends stand freilich der Dialog der Kremerata Baltica – in diesem Fall ergänzt um eine Gruppe von Holzbläsern aus den Reihen des Concerto Budapest, die sich hervorragend in den Gesamtklang einfügte – mit dem Solisten Radu Lupu. Die Auswahl zweier Klavierkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts – Nr. 27 B-Dur KV 595 und Nr. 23 A-Dur KV 488 – gab dem eigenbrötlerischen und öffentlichkeitsscheuen Pianisten reichlich Gelegenheit, seine Kunst des Vortrags vorzuführen. Er unterstrich dabei, dass seine Mozart-Interpretation eine Welt voller zarter, genau aufeinander abgestimmter Farben ist, die sich als Ergebnis einer Vielzahl von Abstufungen und Übergängen im Staccato-, Portato- oder Legatoanschlag erweist. Wundervoll gerieten jeweils die Eintritte in den Kopfsätze, bei denen der Solist die vom Orchester vorab formulierten thematischen Bausteine bestätigte, um sie doch auch zugleich durch die subtil dargebotenen Mozart’schen Umspielungen dem weiteren musikalischen Verlauf zu öffnen. Die immer wieder unterstrichenen dialogischen Momente, erreicht durch Zurücknahme des Spiels bei gleichzeitig genau abgestufter, anschmiegsamer Wiedergabe von Begleitfiguren zugunsten der hervortretenden Bläsersoli, ließen hierbei oft genug den Anschein kammermusikalischen Musizierens durchschimmern.

Die langsamen Sätze hingegen gewährtem dem Lyriker Lupu Raum zur Entfaltung: Gerade im Mittelsatz von KV 488 zeigte sein solistischer Einsatz ohne Orchester eine immense Zartheit, da er an der unteren Lautstärkegrenze angesiedelt war, aber dennoch die Spannungskurve der Melodien wahrte und auch dem verhaltenen Klangeaffekt der Musik gerecht wurde. Hier ließ sich vielleicht am besten nachvollziehen, mit welcher Konzentration und Selbstvergessenheit Lupu muszierte, wie er aber dennoch auch immer wieder – dies verrieten seine Blicke – auf die Musiker lauschte oder ihnen eine melodische Linie hinüberreichte, um die von Mozart ausformulierten Dialoge nicht abreißen zu lassen. Dass Lupu keine überflüssigen Gesten braucht, um diese Wirkungen zu erzielen, dass sein Spiel vielmehr von einer großen Ökonomie der Bewegungen bestimmt ist, die völlig auf die große Geste verzichtet, machten schließlich die Finalsätze deutlich, die nun – ganz im Gegensatz zu den Kopfsätzen – den Solisten in die Rolle des Impulsgebers versetzten. Der äußeren Gelassenheit des Pianisten entsprach hier eine trotz rascher Tempi musikalische Ruhe: Lupu verwechselte denn auch die Laufwerkpassagen nicht mit heiterer Betriebsamkeit, sondern setzte sie – kleine Irrtümer wie im B-Dur-Konzert geschickt überspielend – als ungekünstelte, wunderbar einfache und doch plastisch erscheinende Linien in Szene, die sich präzise wie in einem Uhrwerk mit den Orchestereinsätzen zu einer Einheit zusammenfanden.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four 2: Radu Lupu und Kremerata Baltica

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy, Mieczyslaw Weinberg

Mitwirkende: Baltica Kremerata (Orchester), Radu Lupu (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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