> > > > > 24.07.2016
Samstag, 21. September 2019

1 / 7 >

Ensemble, Balthasar-Neumann-Chor, Compagnie Eastman, Copyright: Wilfried Hösl

Ensemble, Balthasar-Neumann-Chor, Compagnie Eastman, © Wilfried Hösl

'Les Indes galantes' in München

Liebe statt Krieg

Das Beste zusammenführen, ist ein besonderes Geschick Nikolaus Bachlers, Intendant der Münchner Staatsoper. Und das ist notwendig, um Rameaus vorwiegend in den Kreisen Alter Musik bekannte französische Ballettoper (1735) wiederzubeleben. Die Oper hat ihre Längen, will sie doch in vier üppigen Szenen viermal das Gleiche beweisen: Mit der Liebe kehrt der Frieden zurück. Eine wunderbare Vision, die bestens in unsere düsteren Zeiten des globalen Terrorismus passt.

Mitreißend ist das Dirigat Ivor Boltons, Spezialist für Barockmusik. Ihn in seiner mimischen und körperlichen Expression zu beobachten, kann begeistern. Unter seiner Leitung spielt das Münchner Festspielorchester, mit hochkarätigen Meistern historischer Instrumente besetzt, differenziert, dynamisch, voll tänzerischer Grazie. Bolton weiß alle Facetten hervorzuzaubern und in der x-ten Wiederholung noch eine Überraschung zu entdecken. Nicht minder besticht das Sängerensemble inklusive dem Balthasar-Neumann-Chor aus Freiburg durch harmonisch anmutende Klangschönheit. Ana Quintans (Zaire, L´Amour) und Lisette Oropesa (Hébé, Zima) begeistern mit glanzvollen Koloraturen, kraftvollem Volumen und schauspielerischem Charme. Bei Anna Prohaska (Phani, Fatime) kommt noch das tänzerische Talent dazu. Ausgewogen besetzt sind die männlichen Rollen. Francois Lis (Huascar, Alvar) brilliert in der Tiefe.

Regisseur und Choreograph Sidi Larbi Cherkaouis holt die verstaubte Barockexotik zwischen Osmanischem Reich, Peru, Indien und Neuer Welt in die Gegenwart religiöser Unterdrückung und globaler Flüchtlingsströme, gespickt mit witzigen Karikaturen und erfrischenden Pointen, und entwickelt die Szenerie als tänzerische Performance. Sehr modern, mit nicht endenden Drehungen, extremen Dehnungen, Körperdiagonalen, wuchtigen Armbewegungen, Breakdance- und Kampftanzelementen gibt seine Compagnie Eastman Rameaus Musik einen rhythmischen Drive, der die repetitive Barockmusik aufpeppt.  Umwerfend tanzt sein internationales Tanzensemble. Großartig integriert er Chor und Sängersolisten zu fulminanten Massenszenen.

Trotzdem nutzen sich die Bewegungen in den Wiederholungsstrukturen ab,  degradieren zu reinen Illustrationen und ästhetischen Effekthaschereien barocker Lebenslust. Die Inszenierung plätschert dahin, ohne wirklich unter die Haut zu gehen. Auch wenn das tänzerische Wegputzen als ironisches Leitmotiv immer wieder kritische Denkanstöße gibt, fährt die Inszenierung nach einem opulenten Ideen-Feuerwerk zusammen mit den Soldaten und Adrio (John Moore) auf Hoverboards schlussendlich in die Happy-End-Spaßecke.

Anna Viebrock reduziert die Bühne auf ein multifunktionales Palastzimmer mit abblätternder Patina, in dem sich in fahrbaren Vitrinen das Geschehen als ironisch museale Idylle ironisiert und in choreographischen Mustern zusätzlich dynamisiert. Eine Schulklasse bildet die Rahmenhandlung. Zunächst wohl dressiert, gerät sie außer Rand und Band und wandelt sich in ein multikulturelles Miteinander. Der endlos rote Teppich zum Brautaltar wirkt wie die Blutspur kolonialen Terrors und wird in der Endlos-Schleife Brautstrauß werfender Paare ab Absurdum geführt. Die Palasttür vergittert, vertauschen sich Innen- und Außenraum. Die Fremden bleiben draußen. Andere werden integriert, Aggression und Vergewaltigung vertanzt, der spanneste Moment der Inszenierung. Doch am Schluss wird pantomimisch alles klargeputzt. Im Hintergrund weht, sehr verloren, die blaue Fahne der Hoffnung, ohne Stars and Stripes als schmächtiges Fähnlein der Wiedervereinigung aller Menschen.

Zwei Tage nach dem Münchner Amoklauf ist diese weiter weg denn je, die Kluft zwischen überbordender Spiellust und gesellschaftspolitischer Realität ist tiefgreifend.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Michaela Schabel

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Les Indes galantes: Opéra-ballet in vier Aufzügen von Rameau

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Jean-Philippe Rameau

Mitwirkende: Balthasar-Neumann-Chor (Chor), Ivor Bolton (Dirigent), Anna Prohaska (Solist Gesang), Cyril Auvity (Solist Gesang), Ana Quintans (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jaromir Weinberger: Bohemian Songs and Dances - No.3

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich