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Samstag, 2. Juli 2022

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Ensemble, Chor und Statisterie der Bayerischen Staatsoper, Copyright: Wilfried Hösl

Ensemble, Chor und Statisterie der Bayerischen Staatsoper, © Wilfried Hösl

Halevys 'Juive' in München

Ein Meisterwerk

Eine Mauer trennt wie einst Ost und West, nicht nur territorial, sondern auch mental. Der Gegensatz der Ideologien ist in Fromental Halévys Grand Opera 'La Juive' die Sturheit der Religionen. Bertrand de Billys musikalische Interpretation und die Inszenierung Bieto Calixtos entdecken das Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, uraufgeführt 1835 und Vorbild nicht nur für Wagner und Verdi, neu. 173 Mal wurde 'La Juive' in der Bayerischen Staatsoper aufgeführt, bis man die Oper aus dem Programm nahm, um nicht antisemitische Tendenzen zu befeuern.

So wie Halévy die Konventionen der italienischen Oper hinter sich ließ, indem er Handlung, Figuren und Musik auf einer höheren Ebene zusammenbrachte, wagt Dirigent Bertrand de Billy vor verändertem gesellschaftspolitischen Kontext sinnvolle Modifikationen: Er kürzt die Oper auf eine kompakte Länge und streicht die Ausschmückungen, die einer Grand Opera im einstigen Paris dem gesellschaftlichen Ereignis geschuldet waren: Ouvertüre, inhaltliche und musikalische Wiederholungen, das Ballett. Wuchtig lässt er 'La Juive' mit dem Te Deum auf der Orgel beginnen, intensiviert durch die Vehemenz des Chors davor, der immer wieder als christlicher Mob in Aktion tritt. Wunderbar arbeitet Bertrand de Billy Halévys harmonisch angelegte Arien, Duette und Terzette heraus, die Instrumentalisten immer im Dienst der Sänger, subtil akzentuierend, klar perlend die Harfen, sanft die Bläser; der Chor agiert innig und andächtig, wenn er das Pessachfest vermittelt und zeigt gleich darauf mit aggressiver Vehemenz leidenschaftliche Gefühle und chorische Pogromstimmung.

Bieto Calixto verzichtet auf historische und religiöse Details. Die hasserfüllten Massenbewegungen sind unabhängig vom Konstanzer Konzil 1414 als historischer Hintergrund und Originalschauplatz, sie sind überall möglich. Die Menschen tragen Alltagskleidung, die Friedenszweige werden zu Peitschen, die Massentaufe der Kinder artet zum Waterboarding aus. In riesigen Lettern und Videosequenzen (Sarah Derendinger) werden die Hasswörter religionspolitischer Ideologisierung auf die Mauer projiziert. Eine Umarmung Rachéls mutiert zum Würgegriff. Ein Lamm wird im Vorfeld geschlachtet; so wird Rachéls tragisches Schicksal vorweggenommen. Der Kardinal verurteilt sie zum Tode, weil sie einen Christen liebt, den Reichsfürsten, wie sich später herausstellt, der der Prinzessin Eudoxie versprochen ist. Erst als Rachél verbrannt wird, enthüllt der jüdische Ziehvater Élézar rachelüstern, dass Rachél die Tochter des Kardinals ist. Rachél wird Opfer religiöser Sturheit und Rachsucht, missbraucht als Gottesopfer. Die Mauer dreht sich, ist immer präsent, macht jede Annäherung unmöglich.  Langsam senken sich bedrohlich Mauerteile und formieren sich zu Kerkerzellen (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme Ingo Krügler). Wenn Rachél brennt, brennt der Gottesstaat auf beiden Seiten in Schuld.

Die großartige Besetzung, die in München aufgeboten wird, bringt Halévys Melodientalent bestens zur Wirkung. Grandios im sängerischen und schauspielerischen Ausdruck deklinieren Aleksandra Kurzak als Rachél und Vera-Lotte Böcker als Eudoxie die Gefühlsskalen der Leidenschaften zwischen Liebessehnsucht und Verzweiflung durch, jede auf ihre Weise einzig- und großartig. Die Rolle des Élézar mit dem mächtigen Tenor Roberto Alagnas zu besetzen, brachte wunderbare Kontraste zum satten Bass Ain Angers als Kardinal, dessen  wohlwollend umarmende Freundlichkeit allerdings irritierte, interpretierte man sie nicht als perfekte Scheinheiligkeit. Nur John Osborn, im Gegensatz zu den anderen Rollendebüts eigentlich versierter Halévy-Interpret, enttäuschte als Reichsfürst. Geliebt von zwei so gewaltigen Frauen, vermisste man bei ihm ein adäquates Stimmcharisma.

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Kritik von Michaela Schabel

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La Juive: Oper in fünf Akten von Fromental Halévy

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Fromental Halévy

Mitwirkende: Chor der Bayerischen Staatsoper München (Chor), Bertrand de Billy (Dirigent), Calixto Bieito (Inszenierung), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Aleksandra Kurzak (Solist Gesang), Roberto Alagna (Solist Gesang), John Osborn (Solist Gesang)

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