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Sonntag, 28. November 2021

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Szenenfoto, Copyright: Maurice Korbel

Szenenfoto, © Maurice Korbel

Boitos 'Mefistofele' in Freiburg

Die E-Gitarre ist des Teufels

Arrigo Boitos 'Mefistofele' ist das Produkt jugendlichen Leichtsinns. Oder juveniler Hybris. Da nimmt sich ein italienischer Jungspund, gerade einmal Mitte zwanzig, nichts weniger vor, als Goethes "Faust" zu vertonen. Boito, der später als Librettist von Verdis "Otello" und "Falstaff" zu hohen Ehren kam, brachte dieses ungeheure Vorhaben forsch zum Abschluss. 1868 feierte die Oper 'Mefistofele' an der Mailänder Scala Premiere. Doch die fünfeinhalbstündige Oper fand keinen Anklang. Boito unterzog daraufhin das Mammutwerk einer radikalen Verschlankung und kürzte die Oper in einem Prolog, vier Akten und einem Epilog auf gut zweieinhalb Stunden Spielzeit. Am Ende blieb Stückwerk. Man darf nicht erwarten, dass dramaturgische Schlüssigkeit nach einer solchen Rosskur noch zu erhalten ist. Ehrlicherweise müsste das Werk, wie Schumann sein "Faust"-Oratorium ganz bescheiden nennt, 'Szenen aus Goethes Faust' heißen. Denn das ist Boitos Oper: lose aufeinander folgende Szenen, in denen das Verhältnis von Mephisto und Faust beleuchtet wird – nicht umsonst trägt Boitos Oper den teuflischen Geist im Titel.

An einem Strang

Am Freiburger Theater hat Ludger Engels den richtigen Schlüssel für das problematische Stück gefunden. Freilich, man könnte sich damit behelfen, Striche wieder zu öffnen, um etwas mehr Fluss ins Geschehen zu bringen. Engels hingegen entschied sich dafür, Boitos Breitwand-Format einzudampfen – und die famosen Solisten trugen diese Idee weitestgehend mit, ebenso das exzellente Orchester unter der Leitung von Fabrice Bollon. Statt pathetischer Pranke gab es hier ein klug miniaturisiertes Gut-gegen-Böse-Spiel, das vor allem deswegen letztlich so schlüssig wirkt, weil Szene und musikalische Umsetzung an einem Strang ziehen. Das fängt schon damit an, dass die collagenartig scharf geschnittene Fanfaren-Musik des Largo-Vorspiels von einem lasziven weiblichen Stellvertreter Gottes per Lautsprecher wie auf Knopfdruck inszeniert wird; auf diese Weise erhält die Musik den Charakter einer Veranstaltung, sie wird von luftigen Höhen, in denen sich die Effekte schnell verbrennen können, rasch auf die Erde geholt. Dazu trägt der anschauchlich gemachte Dualismus entscheidend bei: Mefisto bedient die E-Gitarre, die Harfe wird (ebenso wie das Donnerblech) zur klanglichen Verkörperung der sphärischen Musik gleich auf die Bühne geholt. Das ist symptomatisch für Engels Deutung, die in Bollons orchestraler Ausformung den exakten Widerhall findet: Der dem Thema eingeschriebene Pathos wird verkleinert, auf den Boden der Tatsachen geholt, nicht selten auch weggelacht. Was übrig bleibt, ist ein anderes Stück; es ist nur noch teils eine Tragödie. Aber das Stück ist sehr anregend, und aus seinen dramaturgischen Defiziten schlägt der Regisseur Kapital.

Momente der Erhabenheit

Engels erschwert es dem Zuschauer, sich mit dem titelgebenden Geist, der stets verneint, zu identifizieren, wie es in anderen Inszenierungen nicht selten ist, weil die dunkle Seite oft viel attraktiver dargestellt wird als das langweilige Gute. In Freiburg stehen die Sachen anders. Mefistofele ist bei hier ein verschlagener Rocker mit E-Gitarre. Der Seite des Göttlichen wird überraschenderweise eine laszive Tänzerin zugeordnet. Und wenn die himmlischen Heerscharen Mefistofele beeindrucken, wird die Szenerie (Bühne & Kostüme: Ric Schachtebeck) von einer Luftakrobatin am Vertikaltuch gekrönt, deren Künste im Zusammenspiel mit der Musik auf einmal so viel Erhabenheit ausstrahlen, dass man sinnlich überwältigt wird. Im Gegensatz dazu verblasst die Szene des Hexensabbats; das erotische Lodern und schlüpfrige Lechzen entfaltet hier nie die Größe und Tiefe, die zuvor erreicht wurde, da kann sich Mefistofele noch so sehr ins Zeug legen.

Exzellentes Personal

Getragen ist das bewegte szenische Geschehen, das nur manchmal, etwa in dem innigen 'Mefistofele'-Hit, dem Duett 'Lontano, lontano' durch die Nebenhandlung gestört wird, von Solisten, die den Anforderungen mehr als gerecht werden. Es ließen sich zwar abgründigere Darsteller der Titelfigur denken, doch Jin Seok Lee hat die richtige Durchschlagskraft und farbliche Wandelbarkeit, um dem Mefisto in dieser Darstellung die nötige Präsenz zu verleihen. Martin Muehles edles Material ist nur zuweilen zu auftrumpfend und kraftvoll für den Faust; durchweg kann er mit Stimmglanz und so geschmackvoller wie geschmeidiger Phrasierung für sich einnehmen. In Boitos "Faust"-Destillat kommt es nicht darauf an, Charaktere zu entwickeln, denn dieser Faust lässt sich im Handumdrehen von Mefisto verführen. Die in sich geschlossenen Szenen entwickeln aber durch die vokale Strahlkraft Muehles eine berührende Geschmeidigkeit.

Sandra Janušaité braucht etwas, um die ihr zur Verfügung stehenden Qualitäten voll entfalten zu können. Das gelingt ihr erst im Helena-Akt, doch hier dann mit klarer Fokussierung und bestrickender Stärke. Gegenüber den Hauptfiguren wirken Silvia Regazzo als Marta (und Pantalis) sowie der Wagner Christoph Waltles etwas gedimmter, doch ohne Tadel. Opern- und Extrachor des Theaters Freiburg wissen mit erlesener Piano-Kultur, Prägnanz und – wenn es nötig ist – frei entfaltetem Volumen zu begeistern und das Orchester spürt unter Fabrice Bollon den feinen Farben in Boitos Partitur mit atmender Beweglichkeit nach. Der Dirigent macht aus dem opulenten Mahl, das Boito in der Küche anderer Interpreten zubereitet, mit Fingerspitzengefühl komponierte Feinkost. Hier lassen sich Qualitäten der Partitur erspüren, die zumeist unter schierer Fülle und dickem Pinsel verdeckt werden.

So gelingt ein 'Mefistofele', der irdischer, quicklebendiger, komödiantischer daherkommt als in anderen Deutungen. Doch letztlich erweist sich diese mit einigem Augenzwinkern versehene Lesart als attraktive Interpretation, die auch beim Publikum sehr großen Anklang fand. Man kann dem Theater Freiburg zu dieser unkonventionellen und in sich schlüssigen Auslegung nur gratulieren.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Mefistofele: Oper von Arrigo Boito

Ort: Städtische Bühnen,

Werke von: Arrigo Boito

Mitwirkende: Fabrice Bollon (Dirigent), Philharmonisches Orchester Freiburg (Orchester)

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