> > > > > 03.02.2016
Sonntag, 28. November 2021

Petra Lang, Copyright: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Petra Lang, © SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Das SWR Sinfonieorchester mit Mahlers Dritter

Urwüchsige Klänge

Mahlers Dritte Sinfonie sprengt die üblichen Dimensionen. Die Besetzung ist nicht nur durch allerlei Schlagwerk, zwei Harfen und zusätzliche Bläser im Orchesterbereich riesig, sondern wird vokal durch die Einbindung von Knabenchor, Frauenchor und Alt-Solistin nochmals gewaltig gesteigert. Auch die zeitliche Ausdehnung ist gigantisch: Die sechs Sätze nehmen rund 95 Minuten in Anspruch. Doch was die schiere Wucht von Mahlers Dritter vor allem ausmacht, ist die Vielschichtigkeit der musikalischen Idiome, die einem um die Ohren fliegen. Da gibt es Musik von ungeheurer Vehemenz, die an die Kehle zu springen droht, aber auch spitzbübisch Launiges, doppelbödig Verstörendes, naiv Heiteres und zum Schluss einen vor allem von den Streichern getragenen Gesang himmlischer Innigkeit. Eine Aufführung dieser gigantischen Sinfonie steht und fällt mit der Umsetzung der Mannigfaltigkeit an Ausdrucksdimensionen. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg schaffte es unter seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth, den ganzen Reichtum der gegensätzlichen Ausdrucksfelder auszubreiten. Nachdem die Schatztruhe nach anderthalb Stunden von mächtigen Pauken wieder geschlossen wurde, riss es das Publikum von den Sitzen.

Ein Ächzen, Schaben und Girren

Das Sinfonieorchester des Südwestrundfunks hat eine starke Verbindung zur Musik Gustav Mahlers. Michael Gielen etwa sorgte mit seinem Mahler-Zyklus für Begeisterungsstürme und sicherte dem Orchester einen festen Platz in der Interpretationsgeschichte der Mahler-Sinfonien. In François-Xavier Roths Deutung ist dieses Erbe noch deutlich zu erkennen, aber im Gegensatz zur Strenge Gielens ist Roths Ansatz im Bereich des tänzerisch Bewegten (etwa im 'Tempo di Minuetto' sowie im darauf folgenden 'Scherzando'-Satz) etwas eleganter und mit luftiger Agilität versehen.

Was die grandiose Aufführung im Freiburger Konzerthaus vor allem auszeichnete, war die konsequente Erkundung von Klangfarbenarealen, die Schönklanganbeter als ‚hässlich‘ herabwürdigen. Gerade im massiven ersten Satz 'Kräftig. Entschieden', in dem nach Mahlers später getilgten programmatischen Entwürfen die Natur zum Leben erwacht, werden die geräuschhaften Naturlaute, das Loslösen, Losrupfen, Reißen, Ächzen, Dröhnen, Stampfen, Girren und Schaben vom Orchester ganz wunderbar in sprechende Klangfarben übersetzt. Dazu gehört Mut. Es gibt heutzutage viele Orchester und Dirigenten, die lieber in der ‚geschmackvollen‘ Komfortzone bleiben. Nicht so das SWR-Sinfonieorchester, das sich mit aller Lust und Hingabe in die Ausdrucksextreme warf. Wo etwa werden sonst die Holzbläser-Portamenti des 'Misterioso'-Satzes so lustvoll ausgekostet?

Tosende Ausbrüche

Ganz hervorragend waren die solistischen Leistungen, allen voran die der Posaunistin Mayumi Shimizu, die Solo-Einlagen des Konzertmeisters sowie das Posthorn-Solo hinter der Bühne, das dynamisch sehr fein mit Echoeffekten spielte und auch agogisch dezent, aber atmend ausfiel. Das gilt überhaupt für den gesamten Vortrag, der die nötige rhythmische Schärfe und Wucht hatte, aber von François-Xavier Roth in Phrasierung und Agogik immer wieder Räume atmender Klangentfaltungen aufgeschlossen bekam, so dass sich das Orchester mit all seinen Qualitäten entfalten konnte. Immer wieder war zu beobachten, wie der Dirigent feine Nuancen im Dynamischen und in der Phrasierung mit weicher Zeichengebung ausformte und dies minutiös im Orchester realisiert wurde. So gelangen Augenblicke sinnlicher Wonne, die umso stärker wirkten, als die tosenden Ausbrüche Schauer über Schauer den Rücken hinab jagten. Nur im Schluss-'Adagio' hätte Roth noch ein wenig mehr auf Innigkeit setzen können; da stand die Musik doch deutlich im Diesseits, ohne in Sphären vorzustoßen, in die der herrliche Streichergesang zuweilen von anderen Dirigenten emporgehoben wird.

Urzeitlich

Unterstützung erfuhr das exzellent disponierte Orchester durch die von Joshard Daus sehr gut präparierten Damen der EuropaChorAkademie sowie die Freiburger Domsingknaben, deren Anteile im fünften Satz als Klangfarbenverstärker zu den Glocken hinzutraten (das heißt: sie waren nicht exponiert, daher hörte man von ihnen, so wie es auch sein soll, nicht so arg viel). Petra Lang, eine Mezzosopranistin mit dramatischen Avancen, übernahm das Altsolo im vierten Satz. Sie breitete die Konsonanten aus und schuf damit einen Roths Ansatz bestens ergänzenden Geräuschanteil, der wie ein vorweltliches, urzeitliches Ausschaben und Zusammenfegen des Nietzsche-Textes wirkte.

So gelang in einem der letzten Konzerte, die dem formidablen Sinfonieorchester des SWR noch beschieden sind, eine höchst intensive, denkwürdige Aufführung von Mahlers Dritter, bei der eine imposante Präzision sowohl im Technischen als auch – und vor allem – im geforderten Ausdruck zu bestaunen war.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg: Abo Plus Mahler, Sinfonie Nr. 3

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: EuropaChorAkademie (Chor), Freiburger Domsingknaben (Chor), Francois-Xavier Roth (Dirigent), SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Orchester), Petra Lang (Solist Gesang)

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