> > > > > 15.01.2016
Sonntag, 22. September 2019

Szenenfoto, Copyright: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Szenenfoto, © SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Das Sinfonieorchester des SWR in Freiburg

Voran, nur voran

Was für ein Beginn. Nachdem das vierte Abonnementskonzert des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg mit einer kurzen Erinnerungsrede des Orchestermanagers Reinhard Oechsler an den vor wenigen Tagen beerdigten Pierre Boulez samt Schweigeminute sehr innig und konzentriert begann, setzten die Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Tomáš Hanus gleich zum Höhepunkt des Abends an: einer Suite aus Leoš Janáčeks 'Aus einem Totenhaus'. Mag sein, dass die dezidierte Widmung dieser Aufführung an den verstorbenen Pierre Boulez expressive Kräfte setzte, die ohne das Gedenken nicht erschlossen worden wären. Zusammen mit dem tschechischen Gastdirigenten gelang dem SWR Sinfonieorchester eine Umsetzung, die den kontrastierenden Ausdruckswerten dieser Musik in "typischem" Janáček-Tonfall mehr als gerecht wurde. Hanus betonte in seinem Dirigat vor allem die rhythmische Strenge der wechselvoll-flüssigen Metrik und setzte klare, nüchterne Akzente. So deutlich organisiert konnte sich das Orchesters aufs klangvolle Fließen verlegen und entfachte dabei einen unbezwingbaren Schwung, in dem das folkloristisch Musikantische und der zuweilen fast sakrale Glanz dieser Musik ebenso zur Geltung kam wie die ostinaten Rhythmen und schraffierten Klangflächen. Hier zeigte sich unmittelbar, dass man mit Tomaš Hanus einen Janáček-Experten am Pult hatte. Er schuf durch Klarheit Freiräume, so dass sich die ganz eigenen, gedrängt-kompakten Farbenspiele gerade in den Bläsern sowie die Pikanterien des Schlagwerks wunderbar entfalten konnten und organisierte die collagenartig scharfkantige Musik doch mit einem straffen Drang nach vorn. Klangliche Aufgipfelungen, die vom Orchester kraftvoll gestaltet wurden, konnten sich gewaltig entladen und wurden doch nie breitgewalzt. Es ist schon erstaunlich, dass man – gerade in dieser Jahreszeit – im Freiburger Konzerthaus kaum ein Husten vernahm, zumal bei einem solch wenig bekannten Werk, in dessen Klangsprache man sich erst einmal einhören muss. Dass es Hanus und dem glänzend agierenden Orchester gelang, die Konzentration zu bündeln, ist aller Ehren wert und ist Zeugnis der enormen Spannung des musikalischen Vortrags. Fußballkommentatoren würden in verkürztem Deutsch sagen: So muss Janáček.

Behauptung der Schönheit

Diese Fokussierung ließ sich in Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 op. 63 nicht unmittelbar fortsetzen. Hanus‘ zuvor rhythmisch dezidierte Gesten gerieten sichtbar runder, verflüssigten sich und nötigten dem Orchester zu wenig scharfkantige Präzision ab, um sich mit dem agogisch freien Zugang des Solisten Thomas Zehetmair bruchlos zu verbinden. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die unterschiedlichen Temperamente von Solist und Dirigent kalibriert hatten. Wo es aber gelang – wie im 'Andante assai' – war ein sehr intensives Musizieren zu erleben, das der weiten Kantilene sensibel nachspürte. Zehetmair legte seinen Zugriff auf Kontraste an und spitzte die expressiven Pole zu: Wo im ersten Satz schon Motorik der sanglichen Geste gegenübergestellt war, erlebte der langsame Satz ein Auseinanderstreben der Extreme. Innigste Kantabilität, bei der intensivierten Wiederaufnahme des Hauptthemas dann mit beigemischtem Trotz in den Akzenten: Behauptung der Schönheit; daneben aber auch das Räderwerk rhythmischer Motorik.

Das Spannungspotential von Zehetmairs hochenergischer Deutung konnte teilweise im Orchester nur deutlich schwächer erwidert werden. Auch die Tempoübergänge wirkten mehrmals eher organisiert denn erfühlt, Einzelteile stießen ähnlich wie bei Janáček aneinander, wo ein übergeordneter Spannungsbogen auch Kontrastierendes überspannen könnte. Auch hier waren manche Klangfarben sorgsam ausgearbeitet, zumal die Bläser wussten zu beeindrucken. Als Zugabe mutete Zehetmair dem Publikum ein sperriges Stück zu: den ersten Satz aus Bern Alois Zimmermanns Sonate für Violine solo. Dass man auch dabei eine Stecknadel fallen hören konnte, macht deutlich, mit welcher Intensität der Ausdrucksgesten der Solist das Publikum zu fesseln vermochte.

Frisch voran

Antonín Dvořáks Sechste Sinfonie D-Dur op. 60 ist die erste seiner weithin bekannten Gattungsbeiträge. Immer wieder wurden seit ihrer Uraufführung im Jahr 1881 Spuren von Brahms in dem Stück entdeckt. Und so konnte sich auch Dvořáks Sechste nicht dem weichzeichnerisch nostalgischen, pastosen Tonfall entziehen, der lange Jahrzehnte in Brahms‘ Sinfonien gepflegt wurde. Tomáš Hanus setzte dagegen auf straffe Tempi und rhythmische Klarheit. Verzärtelungen und Schwelgereien in opulentem Klang trifft man in seiner Dvořák-Deutung nicht an, stattdessen zügig entwickelte geschlossene Einheiten, aber durchaus mit Süffigkeit, was schon gleich zu Beginn dem von den Streichern wunderbar saftig gestalteten melodischen Höhepunkt des Hauptthemas deutlich wurde. Auch die Gewichtung der Stimmen gelang überzeugend; Gegenstimmen der äußerst feinfühlig agierenden Celli wurden ebenso gut hörbar wie die klaren Kontur der Bassführung.

Hanus ermöglichte den Musikerinnen und Musikern im langsamen Satz aber auch, ihre Qualitäten in Bezug aufs instrumentale Singen voll einzubringen. So geriet dieser Satz zum emotionalen Höhepunkt, in dem eine orchestrale Geschlossenheit zu genießen war, vor deren Ausdruckswucht die paar kleinen Ungenauigkeiten mickrig erschienen. Nach einem vehement nach vorn gepeitschten Furiant, dessen Vorwärtsdruck bis an die Grenzen ging (und dabei auch so manche Kunstfertigkeit der metrischen Schichtung übergehen musste), entfesselten Dirigent und Orchester dann im Finale die feurig-vitalen Kräfte dieser Musik. Man kann dies gezügelter, vielleicht dadurch auch ein wenig geschmackvoller angehen. Aber die schiere Heftigkeit des Ausdrucks und der Bewegung spricht für sich und gibt den Interpreten Recht. Wer auf Risiko spielt, hat die Chance, nicht abgesicherte Positionen zu erreichen. Tomáš Hanus und dem SWR Sinfonieorchester ist das gelungen.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg: Abo 4 (Werke von Janacek, Prokofjew & Dvorak)

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Leos Janácek, Antonín Dvorák, Sergej Prokofieff

Mitwirkende: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Orchester)

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