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Montag, 21. Oktober 2019

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Roberta Invernizzi, Copyright: Ribaltaluce Studio

Roberta Invernizzi, © Ribaltaluce Studio

Oratorium von Alessandro Scarlatti in Wien

Der erste Brudermord

Es ist eine schon längere Tradition am Theater an der Wien, eher unbekanntere Opern und Oratorien konzertant aufzuführen. Ein besonders interessantes Oratorium stand dieses Mal auf dem Programm: 'Il primo omicidio' (Der erste Mordfall) von Alessandro Scarlatti. Das Oratorium wurde wohl 1707 in Venedig uraufgeführt, also nur zwei Jahre vor Händels Oper 'Agrippina', die in diesen Tagen ebenfalls am Theater an der Wien Premiere hatte. Das Oratorium hat den Kain-und-Abel-Stoff der Hebräischen Bibel aus der Perspektive des Neuen Testaments zum Inhalt. Das Libretto ist von Antonio Ottoboni in italienischer Sprache verfasst, es gibt keine Chöre, und so ähnelt das Oratorium im Stil musikalisch durchaus den vielen Opern, die Scarlatti komponiert hat. Der Stil ist weniger gefällig, die Arien weniger psychologisierend, die Musik teilweise deutlich schwerer und komplexer als die des jungen Händel. So überrascht es nicht, dass Scarlatti mit seiner Musik in Venedig nur schwer Fuß fassen konnte und nach 1707 wohl auch keine Aufträge mehr von dort bekam. Seine Musik war dort einfach nicht mehr gefragt.

Rinaldo Alessandrini leitete mit seinem 1984 gegründeten Concerto Italiano die Aufführung. Das Oratorium stellt dabei besondere Ansprüche an das Orchester, vor allem an den ersten Geiger, aber auch an den ersten Cellisten, denn die Ouvertüre ist beinahe ein Konzert für Violine solo, und auch einige der vielen Arien sind solistisch begleitet. Nicholas Robinson (Violine) und Marco Ceccato (Cello) spielten, wie das ganze Ensemble, mit viel Verve und sinnlichem Klang.

Das Sängerensemble war demgegenüber leider etwas uneinheitlich. Vor allem passten Adam und Eva nicht gut zusammen. Roberta Invernizzi hat eine klare, reine, sehr sauber geführte Stimme, die nur in der Mittellage manchmal zu einem nicht ganz kontrollierten Vibrato neigt. Carlo Allemano hingegen hat einen schweren Tenor mit baritonaler Färbung, der auch deutlich zu gaumig klang. Auch wenn er die Partie des Adam mit großer Intensität sang, so fiel er doch klanglich leider stark aus dem Rahmen.

Sonia Prina legte die Rolle des Kain im ersten Teil vor der Pause allzu holzschnittartig an, und auch die Koloraturen kamen entsprechend grob. Das änderte sich nach der Pause. Hier zeigte sie, dass ihre Altstimme auch zu großen, gebundenen Phrasen, zu einem tragfähigen Piano und zu einem differenzierten Ausdruck in der Lage ist. Monica Piccinini sang mit ihrem sauberen Sopran den Abel, Aurelio Schiavoni die Stimme Gottes mit ansprechendem Altus. Salvo Vitale wurde der dankbaren Partie des Luzifer mit seinem dunklen, raumfüllenden Bass bestens gerecht. Kurzer, freundlicher Applaus, vor allem für das Orchester und seinen Leiter.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Il primo omicidio: Trattenimento sacro per musica von A. Scarlatti

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Alessandro Scarlatti

Mitwirkende: Rinaldo Alessandrini (Dirigent), Concerto Italiano (Orchester), Monica Piccinini (Solist Gesang), Sonia Prina (Solist Gesang), Roberta Invernizzi (Solist Gesang)

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