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Freitag, 23. August 2019

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Patricia Bardon (Agrippina), Damien Pass (Pallante), Tom Verney (Narciso), Copyright: Werner Kmetitsch

Patricia Bardon (Agrippina), Damien Pass (Pallante), Tom Verney (Narciso), © Werner Kmetitsch

Händels 'Agrippina' im Theater an der Wien

Sex and Crime

Man muss schon ziemlich viel falsch machen, um eine Aufführung von Georg Friedrich Händels Oper 'Agrippina' nicht zu einem Erfolg zu führen. Die Uraufführung 1709 hat den damals noch jungen und eher unbekannten Komponisten jedenfalls schlagartig berühmt gemacht. In der Tat hat das Werk alles, was eine erfolgreiche Oper, die für die Karnevalssaison in Venedig komponiert wurde, braucht: vor allem ein witziges, aber auch hintergründiges und abwechslungsreiches Libretto (eines der besten, die Händel je vertont hat) mit viel Platz für Sex, Crime und echten Liebeskummer, mit Raum für einige großartige Arien, für farbige Orchestrierungen, schnelle Szenenwechsel und genug Anspielungen auf die politische Kultur oder Unkultur der damaligen Zeit.

Am Theater an der Wien hat man – wieder einmal, möchte man sagen – alles richtig gemacht. Robert Carsen verlegt das Intrigenspiel aus dem Jahr 54 n. Chr. in die Jetztzeit, in den Palazzo della Civiltà Italiana in Rom (Bühnenbild Gideon Davey). Der Palast gibt verschiedene Einblicke frei – in das mit Vitra-Stühlen ausgestattete Büro, die Machtzentrale von Agrippina, in Poppeas Schlafzimmer und auch in den großzügigen SPA-Bereich, in dem sich die Reichen und Schönen bei einem Schwimmbecken nur locker bekleidet tummeln. Hier, in dem faschistischen Monumentalbauwerk, spinnen Agrippina und Poppea ihre Intrigen, hier ist die Medienzentrale des zunächst totgeglaubten Kaisers Berlusconi, Verzeihung: Claudio, hier leidet Ottone unter seiner nicht erwiderten Liebe, hier bereitet sich der durchgeknallte Nero auf die Machtübernahme vor – bevor er in den letzten Sekunden der Oper seine Gegner, auch Poppea und Ottone, brutal ermorden lässt.

Mit einer genauen Personenregie, mit Witz und Ironie, manchmal auch nahe am Slapstick, gelingt es Carsen, ein Feuerwerk abzubrennen, das das Publikum mit großem Applaus quittiert. Die Sängerinnen und Sänger folgen ihm dabei mit sichtlichem Vergnügen. Allen voran Filippo Mineccia mit seiner weichen, aber sehr starken und gut fundierten Altstimme als Ottone und Danielle de Niese als Poppea, die auch die halsbrecherischen Koloraturen kokett und brillant meistert. Jake Ardittis Sopran kontrastiert gut mit Mineccias Altus; er spielt grandios und kommt nur bei der letzten, schwierigen Arie ('Come nube') an die Grenzen seiner Ausdruckskraft. Auch Patricia Bardon als Agrippina füllt ihre Rolle als kühle Intrigantin perfekt aus. Etwas mehr Phrasierungskunst hätte ich mir manchmal für ihren durchschlagenden Sopran gewünscht. Mika Kares spielt und singt den sexgetriebenen Claudio mit seinem sonoren Bass und stellt das Hohle, Leere seiner Rolle gut in den Vordergrund.

Das Balthasar Neumann Ensemble gibt unter seinem Gründer Thomas Hengelbrock einen ausgesprochen intensiven, schwungvollen, manchmal nahezu süffigen Händel. Immer wieder muss Hengelbrock die Musiker leicht ausbremsen, damit sie die Sänger nicht übertönen. Die Continuo-Gruppe ist reich eingesetzt und klanglich auf die jeweiligen Protagonisten abgestimmt. So begleitet beispielsweise die Harfe Ottone, die Theorbe oder Laute Poppea und der kühle Klang des Cembalos steht für Agrippina. Manchmal wirken die Rezitative dadurch beinahe zu durchgeplant, aber die Homogenität des Ensembles und der Spannungsbogen, den sie dadurch über den ganzen Abend hin halten können, ist überzeugend.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Agrippina: Dramma per musica in drei Akten von G.F. Händel

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Thomas Hengelbrock (Dirigent), Robert Carsen (Inszenierung), Balthasar-Neumann-Ensemble (Orchester), Mika Kares (Solist Gesang), Danielle de Niese (Solist Gesang), Patricia Bardon (Solist Gesang)

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