> > > > > 01.02.2016
Sonntag, 20. Oktober 2019

1 / 2 >

Michael Sanderling, Copyright: Marco Borggreve

Michael Sanderling, © Marco Borggreve

Michael Sanderling & Baiba Skride in Hamburg

Große Gesten

Wäre draußen kein Hamburger Schietwetter gewesen und hätte man nicht gewusst, dass da gerade die Philharmoniker der Hansestadt auf der Bühne der Laeiszhalle spielen, es hätte auch ein russisches Orchester sein können, das Schostakowitsch und Tschaikowsky für den Westen zum Besten gab. Wer mit geschlossenen Augen lauschte, für den taumelte das Grotesk-Scherzo aus dem Violinkonzert a-Moll von Schostakowitsch daher umso authentischer dahin, entwickelte der lebensbejahende und zugleich mit dem Leben abschließende Streichergesang der Sinfonie Nr. 6 "Pathetique" im 'Adagio lamentoso' umso mehr Sogkraft, klang das erste Gesangsthema mit Wechselnote im zweiten Satz noch graziler und geschmeidiger.

Dass die Philharmoniker Hamburg vom Nationalstil her flexibel sind, stellten sie an diesem Abend expansiv wie eindrucksvoll unter Beweis. Neben den weichen und warmen Violinen, die in ihrer kantablen Süffigkeit das berühmte Seitenthema des Kopfsatzes der "Pathetique" wunderbar breit ausspielten, dabei aber kein einziges Mal ins Kitschige abdrifteten, sorgten besonders die Orchestergruppen der dunklen Farben für Präsenz. In der 'Passacaglia' des Schostakowitsch-Konzerts standen Fagott und Tuba mit Baiba Skrides Violine im plastischen Dialog, wobei gerade das Miteinander von Tuba und Solovioline die ironische Gleichzeitigkeit von Intimität und Parodie mustergültig verdeutlichte.

Dass das alles so toll klang, war nicht zuletzt Michael Sanderling zu verdanken, der wieder einmal zeigte, dass er als Dirigent viel mehr ist als nur der Sohn des großen Schostakowitsch-Dirigenten Kurt Sanderling. So ging die subtile dynamische Zurücknahme des Orchesters zugunsten von Skrides Spiel nicht eine Sekunde auf Kosten der orchestralen Deutlichkeit. Wo Sanderling in den raschen Sätzen die virtuos überdrehte Zirkushaftigkeit durch nur scheinbar plötzliche Tempowechsel noch so forcierte, dass einem schwindlig wurde, legte er im 'Nocturne' durch transparentes Pianospiel die Modernität von Schostakowitschs Polyphonie offen. Selten hat man in diesem ruhigen Eröffnungssatz auch die Arpeggien in Harfe und Celesta so klar gehört.

Sicher stand bei Tschaikowsky wie auch Schostakowitsch der Ausdruck im Zeichen der Steigerung und der Entgrenzung. So gab es nach dem Parforceritt des dritten Satzes der "Pathetique" spontanen Applaus, Sanderling ließ das 'Adagio lamentoso' gleichwohl attaca folgen. Das Aussingen der "russischen Seele" mit all seiner bewussten Übertreibung und den großen Gesten durfte man hier in aller Gekonntheit erleben. Faszinierender, weil unerwarteter, war jedoch der zugleich schon fast analytisch zu nennende Interpretationsansatz bei Skride und Sanderling. Übermäßiges Vibrieren gab es bei der Lettin nicht. Stattdessen stellte sie etwa in der großen Kadenz die inszenierte virtuose Geste als ebensolche aus, indem sie die Phrasen "einfach" ausspielte, ohne besonderen gewollten individuellen Zugriff. Wie farbenreich schillernd sie über alle vier Saiten agieren kann, zeigte sie nicht nur in den langsamen Sätzen des a-Moll-Konzerts, sondern ebenso in der Zugabe.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Aron Sayed

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Philharmonisches Staatsorchester Hamburg: 5. Philharmonisches Konzert

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Peter Tschaikowsky, Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Michael Sanderling (Dirigent), Philharmoniker Hamburg (Orchester), Baiba Skride (Solist Instr.)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Andante con moto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich