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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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"La Favorite" mit Elena Tsallagova,  Elina Garanca und Florian Sempey, Copyright: Bettina Stöß

"La Favorite" mit Elena Tsallagova, Elina Garanca und Florian Sempey, © Bettina Stöß

'Le Favorite' an der Deutschen Oper Berlin

Starstimmen statt Schauspiel

Ein stimmliches Traumpaar wie Elīna Garanča und Joseph Calleja lockt Scharen von Opernfans und lässt leicht über die Problematik einer konzertanten Opernaufführung hinwegsehen. So sollte Donizettis 'Le Favorite', eine gelungene Synthese aus italienischem und französischem Stil, an der Deutschen Oper Berlin in Starbesetzung über die Bühne gehen. Zur Enttäuschung der Verehrerinnen und Verehrer erkrankte Calleja, sodass der belgische Tenor Marc Laho für die Partie des Helden Fernard kurzfristig einspringen musste. Laho bewältigte die Partie mit Courage, die unterprobte Situation lies trotzdem der ganz großen Dramatik zu wenig Raum. Neben Garanča als Leonor de Guzman, der Mätresse des Königs und Liebhaberin Fernands, brillierte besonders der in Deutschland noch weitgehend unbekannte französische Bariton Florian Sempey als König Alphonse.

Ein schwankendes Wechselspiel

Das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Pietro Rizzo wollte sich anfangs nicht so richtig einfinden. Ohne deutliche Akzente und eine klare Richtung fehlte der Schwung in der Ouvertüre, welche mit verhaltenem Applaus aufgenommen wurde. Ungenauigkeiten zogen sich durch die ganze erste Nummer, in der Fernards aufgewühlte Emotionen gerade durch die orchestrale Abwechslung ausgedrückt werden. Der Auftritt von Ines (Elena Tsallagova) bringt etwas Contenance hinein – sobald Elina Garnaca als Leonore die Bühne betritt, ist die ersehnte Spannung augenblicklich voll und ganz zu spüren. Dem Dirigenten gelingt es den Abend hindurch immer wieder, das Feuer zu wecken und zu lenken, wie im Trubel des Finales des zweiten Aktes oder der dynamischen Feinarbeit im Eröffnungschor des Schlussaktes. Trotzdem fehlt oft das Fingerspitzengefühl und insgesamt die notwendige Konstanz. Im letzten Akt jedoch wird dann ein musikalischer Spannungsbogen erzeugt, durch den auch die Längen dieses Teils elegant überdeckt werden.

Voci di bravure – Die Gäste

Ein Mezzosopran als Hauptrolle ist für die tragische Oper des 19. Jahrhundets ungewöhnlich: Donizetti passte die Partie an Rosine Stoltz an, Gattin des Direktors der Operá Paris, Sie sang dort am 2. Dezember 1840 – vor exakt 175 Jahren – die Uraufführung. Der dramaturgische und musikalische Fokus auf die tiefe Frauenrolle ist wie geschaffen für die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča. Beeindruckend stellt sie ihren Ruf nicht nur stimmlich unter Beweis – in ihrer ganzen Darstellung wirkt jegliche Regung tiefgründig. Jede Geste harmoniert mit Musik und Text, sodass diese konzertante Aufführung auch eine darstellerische Intensität gewinnt. Technische Schwierigkeiten bewältigt Garanča problemlos, brillante Spitzentöne treten ohne Anstrengung aus der dunklen sonoren Melodieführung ans Licht. Nach der herausragenden großen Arie im dritten Akt ertönt ein schier nicht enden wollender Applaus, den Garanča bescheiden aufnimmt.

Gegen Garančas Stimmgewalt kommt nur der französische Bariton Florian Sempey an, der überzeugend den launischen König Alphonse XI. gibt. Der Dreißigjährige passt mit seiner erhabenen, teils arrogant wirkenden Art ins historische Bild des kastilischen Herrschers: Alifonso XI. wurde im Alter von einem Jahr König, nach dem Eintritt in die Volljährigkeit mit 14 bekam er die Macht übertragen und führte von da an einen erbitterten Krieg gegen die Mauren. In der Schlacht am Salado errang Alifonso einen der bedeutendsten Siege der Reconquista, als er gerade 29 Jahre alt war. Sempey gelingt durch den herrischen dunklen Stimmklang eine bestechende Gesamtdarstellung; einzig die Mimik passt hier und da nicht. Exzellente musikalische Bögen und Phrasierungen werden von kraftvollen Höhen und einer satten Mittellage getragen. Den Energieaufwand für diese herausragende körperliche Leistung überspielt Sempey selbstsicher. Man kann nur gespannt sein, was der Newcomer in den nächsten Jahren der Opernwelt noch zu bieten hat.

Weniger stringent zeigt sich Bassist Ante Jerkunica, der als Abt Balthazar zwar eine eindrucksvolle Tiefe vorweist, jedoch in der Höhe trocken und flach wird. Anfangs sichtlich angespannt, fängt er sich im Verlauf des Stücks; im letzten Akt, der wie der erste im Kloster Santiago de Compostella spielt, ist die Unsicherheit dann ganz verflogen und Jerkunicas Stimme gefestigt.

Routine macht den Profi – Der Einspringer

Der undankbaren Aufgabe, für Calleja einzuspringen, begegnet Marc Laho abgeklärt und professionell. Ab dem ersten Moment ist er stimmlich stabil, und jegliche zu erwartende Aufregung scheint verflogen. Durch Lahos Musikalität und seine durchdringende Stimme bleibt er stets präsent; das helle Timbre setzt dabei einen Kontrast zu den anderen Hauptdarstellern. Die Partie des Fernand sang er Anfang 2013 bereits an der Oper Champs Elysees – zweieinhalb Jahre Abstand und das kurzfristige Einspringen machen die häufigen Blicke in den Klavierauszug nur verständlich. Besonders der erste Akt stellt eine enorme stimmliche Herausforderung dar, die Laho überzeugend meistert. Lediglich im militärischen Schlussteil macht sich stimmliche Müdigkeit bemerkbar. Im vierten Akt bildet er dann als gleichberechtigter Partner ein anmutiges Duo mit Garanča.

Ein solider Rahmen – Ensemble und Chor

Sopranistin Elena Tsallagova gab eine reizende Ines ab, musikalisch immer auf den Punkt und graziös in der Interpretation. Die Vertrautheit mit dem Haus zahlte sich in einem wunderbaren Zusammenspiel mit den Frauen des Chores der Deutschen Oper aus. Der intrigante Offizier Don Gaspar wurde mit dem Tenor Matthew Newlin besetzt. Er fügte sich mit arglistigem Ausdruck und sicherer Ausstrahlung gut ein und setzte sich mit seiner Stimmfarbe passend von Fernands Tenor ab. Der Chor der Deutschen Oper zielt, wo das Orchester es zulässt, auf einen klaren Kurs und schafft weitgehend präzise Absprachen. Auch nach dem Abgang im Finalakt wird aus dem Off die Prägnanz gewahrt.

Trotz des bedauerlichen Ausfalls von Calleja wurde es ein Opernabend voller begeisternder Virtuosität und inniger Rührung, dabei gab es aber leider auch immer wieder Einbrüche in der Spannung. Das, was dieser Aufführung also gefehlt hat, war die Konstanz und die dramaturgische Schlüssigkeit, die eine Inszenierung hätte schaffen können.

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Kritik von Konstantin Parnian



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La Favorite: Opéra in vier Akten von Gaetano Donizetti

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Gaetano Donizetti

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Elina Garanca (Solist Gesang), Marc Laho (Solist Gesang), Ante Jerkunica (Solist Gesang), Elena Tsallagova (Solist Gesang)

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