> > > > > 26.11.2015
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Wolfgang Amadeus Mozart

Arabella Steinbacher und Festival Strings Lucerne

Klangliche Strahlkraft

Seit 1998 sind unter dem Motto "The Big Four" pro Konzertsaison jeweils vier berühmte Interpreten einer Instrumentengattung (darunter in der Vergangenheit etwa Persönlichkeiten wie die Pianisten Krystian Zimerman, Grigory Sokolov, Mitsuko Uchida und Jean-Yves Thibaudet oder die Geiger Gidon Kremer, Victoria Mullova, Midori und Julia Fischer) im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen zu Gast. Anlässlich des aktuellen 150. Firmenjubiläums hat man den Fokus dieser vierteiligen Konzertreihe auf einen musikalischen Dialog hin erweitert und neben namhaften Solisten jeweils auch vier bedeutende Kammerorchester eingeladen.

Den Anfang machten die Festival Strings Lucerne, die sich bereits kurz nach ihrer Gründung im August 1956 auf dem europäischen Schallplattenmarkt als eines der wichtigsten Ensemble bei der Wiederentdeckung barocken Repertoires etablierten, diesen Schwerpunkt jedoch bald zugunsten von Musik aus Romantik und Moderne erweiterten. Erst in jüngster Zeit – unter dem seit 2012 agierenden Konzertmeister und Leiter Daniel Dodds – hat der Klangkörper auch in erweiterten Besetzungen, ergänzt durch einen festen Stamm an Gastmusikern, größer besetzte Werke und sinfonische Kompositionen in seine Konzertprogramme mit aufgenommen.

Bei der Wiedergabe von Igor Strawinskys 'Concerto in D' zeigten sich die Festival Strings Lucerne noch etwas unkonzentriert. Das Werk wurde stellenweise – so vor allem im Kopfsatz – etwas ruppig und mechanisch umgesetzt, und auch die klanglichen Feinheiten bei der Verteilung von Soli und Tutti saßen nicht immer. Zudem zeichnete sich bereits an dieser Stelle ein Balanceproblem ab, das sich den ganzen Abend über immer wieder bemerkbar machte, waren doch die beiden Kontrabässe – möglicherweise bedingt durch die Platzierung auf einem ihre Resonanzen verstärkenden Holzpodest – viel zu präsent, sodass sich der Gesamtklang des Kammerorchesters merklich und manchmal sogar übermäßig stark in Richtung der tieferen Registerlagen verschob.

Am wenigsten fiel dies bei Peter Tschaikowskys Streicherserenade C-Dur op. 46 ins Gewicht, deren vielschichtige Realisierung den Endpunkt des Konzertprogramms bildete. Während die Festival Strings Lucerne bei der Gestaltung der emphatischen Einleitung zum Kopfsatz und deren Wiederkehr am Ende des folkloristisch dominierten, voller kontrapunktischer Finessen steckenden Finales mit einem Streicherklang voller Strahlkraft punkten konnten, demonstrierten sie im elegischen dritten Satz das gegenteilige Spektrum, indem sie die Lautstärke stellenweise so weit zurücknahmen, dass die Musik nur noch als leiser, aber dennoch konzentriert im Raum stehender Hauch zu vernehmen war. Die Melodie des Walzers wiederum wurde, gestützt von federnden, durch die Stimmen laufenden Pizzicati, von den Violinen in verschwenderisch parfümierter Tongebung angestimmt.

Im Zentrum des Abends stand allerdings, das Thema der Konzertreihe aufgreifend, der Dialog des Kammerorchesters mit der Solistin Arabella Steinbacher. Mit dieser Wahl bewies man ein glückliches Händchen, ist die sympathische Geigerin doch derzeit "Principal Guest Artist" der Festival Strings Lucerne und hat gemeinsam mit dem Ensemble im vergangenen Jahr auch eine von der Kritik hoch gelobte Einspielung dreier Violinkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts vorgelegt. Zwei dieser Kompositionen – die Konzerte D-Dur KV 218 und A-Dur KV 219 – erklangen auch am Donnerstag und machten sofort deutlich, dass hier zwei Parteien auf der Bühne standen, die einander ausgesprochen gut kennen und auch musikalisch adäquat aufeinander zu reagieren wissen. Die Geigerin überzeugte durch eine durchdachte Phrasenbildung, die sie mit einem schön geformten, fülligen Ton verband und zur Herausstellung dialogischer Wirkungen geschickt mit den Orchesterstimmen verband. Dabei kehrte sie – so im Mittelsatz von KV 218, im retardierenden Soloeinsatz aus dem Kopfsatz des A-Dur-Konzerts und seinem nachfolgenden 'Allegro'-Pendant, besonders fein aber in den mit Eleganz dargebotenen Menuettpassagen aus dem dortigen Finalrondo – vorzugsweise die Nähe von Mozarts Themenbildungen zum Gesang hervor.

In den langsamen Mittelsätzen – aber nicht ausschließlich dort – verfiel Steinbacher freilich aufgrund ihres ausdrucksvollen Vibratos und der damit einhergehenden Legatodiktion gelegentlich auch in einen Tonfall, der, wenn sie die melodischen Wendungen mit dem einen oder anderen Schluchzer versah, ein wenig zu sehr ins Süßliche kippte. Hier wirkte die Emotionalisierung des Vortrags ein wenig aufgesetzt, agierte die Geigerin allzu sehr in der Rolle der zeigenden Musikerin, weil sie nicht auf die rhetorische Kraft vertraute, die den Mozart’schen Violinparts aufgrund ihrer Sprachnähe eingeschrieben ist. Dadurch wurden letzten Endes aber auch die subtileren dramatischen, der zeitgenössischen Oper abgelauschten Zwischentöne der Musik überdeckt. Im Kopfsatz des D-Dur-Konzerts kamen sie allenfalls in der nicht originär zum Werk gehörenden Kadenz Joseph Joachims zum Zuge; im A-Dur-Konzert deuteten einige zurückhaltender abgetönte Passagen aus dem Mittelsatz tiefgründigere Schattierungen an, während die Dramatik ansonsten vorwiegend der von Mozart bewusst in lärmendem "alla turca"-Kolorit komponierten Kontrastepisode des Finalsatzes vorbehalten blieb. Diese geriet dann allerdings – unterstützt durch das glänzend aufgelegte Orchester – zu einem denkwürdigen und überraschend vielfarbigen Ereignis.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four 1: Arabella Steinbacher & Festival Strings Lucerne

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Igor Strawinsky, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Festival Strings Lucerne (Orchester), Arabella Steinbacher (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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