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Montag, 25. Oktober 2021

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Bruce Rankin (Altoum), Zoran Todorovich (Kalaf), Chor, Copyright: Hans Jörg Michel

Bruce Rankin (Altoum), Zoran Todorovich (Kalaf), Chor, © Hans Jörg Michel

'Turandot' in Duisburg

Ein historisches, soziokulturelles Märchen

Für die einen ist sie die männermordende, verführerische Femme fatale der 1920er Jahre. Andere sehen in ihr eine tief verletzte Frau, die ihren königlichen Bewerbern unlösbare Rätsel stellt, um dem Schicksal und der Demütigung der vergewaltigten Ahnin zu entgehen. Auch die Musik Puccinis gibt Rätsel auf. Gong, Marimbaphon, Celesta, zwei Harfen - seine letzte, unvollendet gebliebene Opernkomposition lebt, bis auf die in der aktuellen Neuinszenierung der Deutschen Oper am Rhein gespielte Fassung der Schlussbilder des dritten Aktes von Franco Alfano aus dem Jahre 1924, von farbenreicher Harmonik, Rhythmik und Instrumentierung, wobei exotisches Lokalkolorit, pathetisch-feierliche, lyrisch-sentimentale und grotesk-komische Klänge und Phrasen manchmal hart und unverbunden aufeinanderprallen.

Die aufwendige Neuinszenierung, die am zweiten Standort der Deutschen Oper am Rhein, dem Theater Duisburg, zu sehen ist, entstand in Kooperation mit dem National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying). Ein taiwanesisches Team aus Huan-Hsiung Li (Inszenierung), Jo-Shan Liang (Bühne), Hsuan-Wu Lai (Kostüme) und Jun-Jieh Wang (Video/Mediadesign) führt Regie. 2017 soll die Inszenierung zur Eröffnung des Festivalzentrums  gezeigt werden - unter der musikalischen Leitung Wen-Pin Chiens, der auch an diesem Abend gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern den Farbenreichtum von Puccinis Musik transparent bis in die Nebenstimmen, ausdrucksstark und differenziert gestaltet, ja meisterlich vor Augen führt.

Vor dem Hintergrund eines halbkreisförmigen Horizonts hat Jo-Shan Liang im hinteren Bühnenbereich die mal schwarz, mal gespenstisch weiß, mal in zarte Pastelltöne getauchte Silhouette der verbotenen Stadt nachgebildet. Spielfläche ist vor allem eine breite, ansteigende Rampe, die zum großen Tor des Regierungs- und Lebenssitzes des chinesischen Kaisers führt. Entsprechend der hierarchisch strukturierten Gesellschaft ist dem Volk der niedere Bodenbereich vorbehalten.

Erzählt wird das symbolisch angereicherte Drama aus der Perspektive einer träumenden, jungen Chinesin. Auf parallel zum vorderen Bühnenrand fallenden, den Raum kunstvoll unterteilenden Stoffbahnen werden Kalligrafien, Tuschezeichnungen, Film- und Fotodokumente und weitere Zeugnisse und Symbole der bewegten alten und neueren Geschichte Chinas projiziert. Alles fließt ineinander. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich wie im Traum, fügen der oft feierlich pompösen, blechlastigen Musik Puccinis eine Leichtigkeit hinzu, die musikalisch vor allem bei den Auftritten der drei Minister Ping, Pang und Pong vor Augen geführt wird.

Auch im Melodram auf der Bühne vermischen sich die Zeiten. Während das Volk in der Eröffnungsszene in mittelalterlichen Kostümen den Kopf des persischen Prinzen fordert und Palastwächter die erregte Masse brutal zurückdrängt, schützen sich die Menschen mit modernen, aufgespannten Regenschirmen – Regenschirme, die seit der Protestaktion in Hongkong im September 2014 als Symbol des Widerstandes in die Geschichte Chinas eingegangen sind. Ebenso hilft die träumende junge Frau einfühlsam Prinzessin Turandot am Ende, den königlichen Kopfschmuck abzulegen und Machtverzicht zu üben.

Linda Watson verkörpert Turandot mit klangvoll vibrierendem, vollmundigem Sopran als kalte, grausame Macht des tausendjährigen Reiches. Hsuan-Wu Lai hat sie in ein kostbares, rotes, seiden schillerndes Gewand gehüllt. Kopfschmuck und der göttliche Strahlenkranz um den Hals ergänzen die aristokratisch anmutende, ganz auf Distanz und Unnahbarkeit bedachte, museal wirkende Erscheinung. Gleich zu Beginn der Oper ist sie die Stumme, mit langsamen und großen Gesten kommunizierende Herrscherin, deren Bewusstsein von Menschenverachtung geprägt zu sein scheint. Weder die Bitte des Volkes um Gnade für den persischen Prinzen noch der Tod der Sklavin Liu rühren sie. Vielmehr sieht sie sich selbst als ‚Tochter des Himmels‘, die unter allen Umständen eine Zwangsheirat mit einem Fremden vermeiden will. Beeindruckend die Rätselszene, in der Linda Watson hochdramatisch ausbricht und Kalaf entgegenschleudert: "Die Rätsel sind drei, der Tod ist einer", während Zoran Torodovich ihr - auch in der Höhe stimmgewaltig und kraftvoll – stolz, unerschrocken und willensstark entgegenhält: "Drei sind die Rätsel, eines ist das Leben". Ohne die stimmschöne, sprichwörtliche italienische Träne, dafür aber kraftvoll und heldenhaft erklingt auch die große Schlussarie 'Nessun dorma' im dritten Akt.

So gehören die Sympathien des Publikums an diesem Abend nicht dem Protagonistenpaar, sondern Brigitta Kehle als zarte, tatarische Sklavin Liu. Mit weichem, strömendem, lyrisch-dramatischem Stimmklang verkörpert sie die unter Einsatz ihres Lebens gehütete Liebe und macht nicht nur Turandot den Wert der Liebe stimmlich und sinnlich erfahrbar.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Turandot: Dramma lirico in drei Akten von Giacomo Puccini

Ort: Theater am Marientor,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper am Rhein (Chor), Duisburger Philharmoniker (Orchester), Linda Watson (Solist Gesang)

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