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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Statisterie, Martha O'Hara (Elisetta), Sabine Noack (Fidalma), Emily Fultz (Carolina), Copyright: Peter Litvai

Statisterie, Martha O'Hara (Elisetta), Sabine Noack (Fidalma), Emily Fultz (Carolina), © Peter Litvai

'Die heimliche Ehe' im Landestheater Niederbayern

So sexy und witzig kann Oper sein

Cimarosas Oper 'Die heimliche Ehe' wird im Landestheater Niederbayern ins Puff verlegt. Die Sänger posen zum Foto im Barockrahmen. Ein Knall verursacht eine Herzattacke, und schon beginnt ein fröhliches Durcheinander um die Reanimation zur beschwingten Ouvertüre. Sofort weiß jeder: Das wird ein besonderer Opernabend. Cimarosas Oper 'Die heimliche Ehe' wird auf pfiffige Weise reanimiert. Die Dramaturgin Svantje Schmidt-Bundschuh poliert das amouröse Libretto mit heutigem Sprachjargon auf. Witzig und frech bringt sie so manche Textpassage orgiastisch auf den Punkt. Das ist eine Steilvorlage für die Regie.

Sebastian von Kerssenbrock verlegt diese Opera buffa ins Puff und überrascht immer wieder mit originellen Ideen, ‚stocksteifen‘ Situationen und witzigen Zeitbezügen. Der Bilderrahmen entschwebt, dreht um 90 Grad und parodiert als Heiligenschein das bunte Treiben unter der einfliegenden überdimensioniert roten Glühbirne. Lustorientiert widmet sich die Oper der barocken Diesseitsorientierung. Das größte Glück ist es, die Liebe zu genießen. Selbst der Pfarrer wird zum Pfuffbesucher und winkt seinem Lieblingsmädchen mit Nonnenhaube in eindeutiger Weise zu.

Blickfang der Inszenierung sind die beiden Schwestern in verführerischen Morgenmänteln und sexy Dessous; sie sind nicht nur optische Knaller. Es herrscht Zickenkrieg zwischen der anständigen Caroline, die längst schon heimlich ihren genauso brav liebenden Paolino geheiratet hat, und der karrieregeilen Elisetta (Bühne/Kostüme Friedrich Despalmes). Sängerisch entfaltet sich zusammen mit der Tante, Pfuffmutter Fidalma, fulminante Frauenpower. Ihre Soli und Tuttis sind großartig, voll prickelnder Leichtigkeit die erotischen Koloraturen. Mit großem Volumen, durchdringendem Mezzo und witzigem Charme gelingt Sabine Noack eine resolute Pfuffmutter. Martha O´Hara, ganz in Türkis, ist eine blonde, coole Zicke und zeigt als Elisetta in allen Variationen stimmliches Durchsetzungsvermögen. Emily Fultz bekommt durch die Rolle der anständigen Caroline größere Nuancierungsmöglichkeiten. Sie sieht aus wie eine Lolita, ist aber keine. Sie singt in allen Lebenslagen nuanciert und gefühlvoll. Selbst in roter Korsage und in Strapsen vermittelt sie die reine Seele einer aufrichtig Liebenden, die freimütig bekennt, keinerlei Ahnung von Sexpraktiken zu haben.

Klar, dass der abgebrühte Graf auf Brautschau sich sie verliebt. Peter Tilch spielt ihn als charmanten Strizzi, bleibt aber gesanglich den Meister der Lust schuldig. In der Tiefe wirkt er blass und dringt stimmlich oft nicht durch. Auch Oscar Imhoff bleibt, weil zu leise, zunächst stimmlich ebenso im Hintergrund. Erst nach der Pause findet er zu seiner gewohnten Form und präsentiert Vater Geronimo mit entsprechendem Stimmtemperament. Albertus Engelbrechts Tenor dagegen kommt als heimlicher Ehemann Paolino bestens zur Wirkung. Im Duett mit Caroline entsteht die Authentizität zweier Liebender auf gleicher Augenhöhe. Von der Puffmutter zum Liebsten auserkoren gelingen ihm im transvestitischen Outfit mit Spitzbusen komödiantische Situationen.

Rund um ein Riesenkrokodil mit erigiertem Hinterteil finden sich schließlich die Paare in aufgeklärter Kompromissbereitschaft. Barockes Bilderrahmen-Posing mit neuen Paarsituationen signalisiert das Happyend, aber auch die Distanz zu vergangenen Zeiten. Das ist intelligent und witzig inszeniert, wirkte aber nicht so leicht und erfrischend, wäre nicht im Hintergrund das herrliche Dirigat von Christoph Hammer. Er setzt auf  Feinfühligkeit, präzise Artikulation, entwickelt mit der Niederbayerischen Philharmonie eine mitreißende Dynamik kurz vorm Orgasmus, die die Sänger sanft umschmeichelt, im Hintergrund ständig pulsiert und zwischendurch orgiastisch aufflammt. Die Rezitative begleitet Christoph Hammer lässig wie ein Barpianist auf dem Hammerklavier. Das ist ganz große Klasse.

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Kritik von Michaela Schabel

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Die heimliche Ehe (Il matrimonio segreto): Komische Oper von Domenico Cimarosa

Ort: Stadttheater,

Werke von: Domenico Cimarosa

Mitwirkende: Christoph Hammer (Dirigent)

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