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Montag, 14. Oktober 2019

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Ingela Brimberg (Senta), Copyright: Werner Kmetitsch

Ingela Brimberg (Senta), © Werner Kmetitsch

'Der fliegende Holländer' im Theater an der Wien

Lautstärke als Grundprinzip

Mark Minkowski am Dirigentenpult bei Werken Richard Wagners - das weckt in Wien Erinnerungen an ein hart an der Debakelgrenze vorbei geschrammtes Konzert zu Beginn des Wagner-Jubiläumsjahres 2013 sowie an einen konzertanten 'Fliegenden Holländer', dessen interpretatorische Grundidee primitive Lautstärke zu sein schien. Hoffnungen, Minkowski habe in der Zwischenzeit seine Sicht des Werks verfeinert, verpufften bereits in der Ouvertüre: Was Minkowski an Gestaltungsvermögen fehlt, versucht er den ganzen Abend über mit dem Fortissimo-Spiel seiner Musiciens du Louvre zu kompensieren. Sicherlich, rein spieltechnisch kommt das vor allem im Barock beheimatete Orchester mit dieser Partitur trotz der zum Teil aberwitzig schnellen Tempi erstaunlich gut zurecht; als einzig positiver Aspekt einer Interpretation ist dieses Ergebnis jedoch äußerst dürftig. Und auch die gewählte Urfassung des Werks bringt keine neuen Erkenntnisse: Die Handlung spielt in Schottland, einige Namen werden verändert, und was die Partitur betrifft, so fehlen das erst später hinzugekommene Erlösungsmotiv am Ende der Ouvertüre sowie am Ende des Werks.

Am meisten unter den unentwegten Fortissimo-Attacken des Orchesters hatte Samuel Youn in der Titelrolle zu leiden. Man kennt den Koreaner weltweit durch sein Einspringen bei den Bayreuther Festspielen, wobei das eher geringe Stimmvolumen am Grünen Hügel mit seinem abgedeckten Orchester der Gesamtwirkung weniger abträglich ist. Im Theater an der Wien ist Youn nun zu einer ökonomischen Stimmeinteilung gezwungen, weshalb er erst ab dem zweiten Akt den Kampf gegen die Orchesterwogen aufnimmt und damit aber von einem Grundproblem seines Bassbaritons nicht ablenken kann: Es ist ihm fast nicht möglich, seine kehlige, rund timbrierte Stimme auf Linie zu führen oder gar Legatobögen zu gestalten. Dass Minkowski angesichts dieser begrenzten Stimmressourcen die Striche am Ende des ersten und zweiten Akts öffnete, zeugt von wenig theaterpraktischem Instinkt. Mustergültig dagegen die Interpretation des Daland/Georg von Lars Woldt, der Wortdeutlichkeit, stimmliche Autorität und Gesangskultur in gleichem Maß einbringt. Auch Bernard Richter ist mit seinem mozartgeschulten, technisch abgesicherten Tenor eine Idealbesetzung für den Erik/Georg. Gerne würde man auch Manuel Günther, dem Steuermann der Produktion, wieder begegnen. Ingela Brimbergs Senta kennt man bereits durch die im Rahmen der konzertanten Aufführung entstandene CD. Ihr Sopran kommt mit der in dieser Fassung höher liegenden Ballade gut zurecht; auch ansonsten überzeugt die kühle, in der Höhe auch etwas schrille Stimme durchaus.

Der bereits erwähnte Schauplatzwechsel in der Urfassung spielt in Oliver Pys wohl zeitlos gedachter Inszenierung (Bühnenbild: Pierre-André Weitz) keine Rolle: Schon während der Ouvertüre beginnt sich der Tänzer Pavel Strasil an einem Tischchen schwarz zu schminken, um dann drei Akte lang als Satan durch die Handlung zu geistern beziehungsweise im dritten Akt nackt auf einer Schaukel triumphierend über der Szene zu schweben - sicherlich einer der stärksten Momente der Produktion. Generell versucht die Regie die Handlung in den ersten beiden Akten mehr zu bebildern als naturalistisch nachzuerzählen (auf ein Schiff muss man erwartungsgemäß verzichten). Im ersten Akt werden die Träumereien des Seemanns szenisch darstellt, die Bühne wird während des Duetts Holländer/Senta durch einen überdimensionalen Totenkopf dominiert. Durchaus gelungen ist das Schlussbild dieser zwiespältigen Produktion: Ein von Hand bewegtes schwarzes Tuch symbolisiert die nach vorne laufenden Wellen, während Senta mit dem Holländer nach hinten entschwindet.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Der fliegende Holländer: Romantische Oper von Richard Wagner

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Marc Minkowski (Dirigent), Les Musiciens du Louvre (Orchester), Bernard Richter (Solist Gesang), Samuel Youn (Solist Gesang)

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