> > > > > 07.11.2015
Montag, 18. Oktober 2021

WDR Sinfonieorchester Köln, Copyright: Mischa Salevic

WDR Sinfonieorchester Köln, © Mischa Salevic

Griseys 'Les espaces acoutiques' in Essen

Präziser Gang durch harmonische Räume

Die Gelegenheit, Gérard Griseys zwischen 1974 und 1985 entstandenen sechsteiligen Zyklus 'Les espaces acoustiques' (Die akustischen Räume) vollständig zu hören, ergibt sich nicht allzu häufig. Zwar finden sich immer wieder einzelne der weniger groß besetzten Werke auf den Spielplänen von Konzerthäusern und Festivals; die Präsentation des orchestralen Höhepunkts oder gar die zyklische Aufführung aller sechs Kompositionen in Gestalt eines fast 100-minütigen Klangbogens bleiben jedoch aufgrund des enormen Aufwands nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung. Im Rahmen des Essener Festivals 'NOW!', dessen aktueller Jahrgang dem Motto 'Prismen' verpflichtet ist und damit auf die Zerlegung des Klangs in seine spektralen Komponenten anspielt, glänzte am Samstagabend das WDR Sinfonieorchester Köln unter Leitung von Brad Lubman im Alfried-Krupp-Saal der Philharmonie mit einer solchen Gesamtaufführung.

Von Anfang an ließ sich hier Griseys Ansatz nachvollziehen, den Klang als eine Art Lebewesen zu verstehen, das aus den einfachsten Voraussetzungen - dem Vortrag eines solistischen Instruments - entspringt, um dann die damit zusammenhängenden harmonischen Räume immer weiter zu erkunden und dies von Werk zu Werk mit einer größeren Besetzung zu verknüpfen. Mit dem solistischen 'Prologue' (1976) legte die Bratschistin Geneviève Strosser den Grundstein für diese Entwicklung, indem sie den zunächst zart, fast tastend vorgetragenen spektralen Klangerkundungen des tiefen Ausgangstons jenen markanten herzschlagartigen Rhythmus gegenüberstellte, der sich durch alle Kompositionen zieht, und beide Elemente unter einem großen musikalischen Bogen miteinander verband. Mit nahtlosem Anschluss von 'Périodes' für sieben Instrumente (1974) und 'Partiels' für 18 Musiker (1976) wurde dieser Beginn in unterschiedliche harmonische Konstellationen hinein zu einem abwechslungsreichen, über 50 Minuten hinweg reichenden Klangpanorama erweitert. Lubmans Zugang überzeugte dabei einerseits durch die präzise Herausarbeitung der sinnlichen Qualität von Klangereignissen wie einer beinahe schon unheimlich anmutenden skulpturhaften Präsenz der Initialklänge von 'Partiels', konnte aber andererseits auch durch die pointierte und nicht ohne Ironie umgesetzte Darbietung theatraler Momente - greifbar etwa in miteinander diskutierenden Musikern oder heftig umgeblätterten Notenseiten - punkten.

Nach der zur Platzierung des gesamten Orchesterapparats notwendigen Pause wurden Griseys Klangerkundungen mit 'Modulations' für 33 Musiker (1976/77) und 'Transitoires' für großes Orchester (1980/81) fortgesetzt, um schließlich nach einer Reminiszenz an das eröffnende Bratschensolo mit 'Epilogue' für vier Hörner und großes Orchester (1985) - dem einzigen nicht einzeln aufführbaren Stück aus 'Les espaces acoustiques' - nach weiteren 45 Minuten in einen genau kalkulierten kompositorischen Zusammenbruch zu münden. Erstaunlich war es, wie deutlich Lubman in diesem zweiten Teil die differenten instrumentalen Facetten herausarbeitete und dabei gerade in 'Transitoire' auch die Spuren von ungewöhnlichen, leicht im Gesamtklang untergehenden Klangerzeugern wie Akkordeon, E-Gitarre und Hammondorgel deutlich hörbar machte. Überhaupt zeichnete sich das gesamte Konzert durch ein Höchstmaß an klanglicher Transparenz aus, das selbst noch in den massiven Fortepassagen der Orchestertuttis zu spüren war, umso stärker aber in den zarten, der Sinnlichkeit von Klängen auf unterschiedliche Weise nachspürenden Stellen in den Vordergrund drängte. Eine intensivere Live-Erfahrung von Griseys Musik lässt sich eigentlich kaum denken.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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Gérard Grisey: Les espaces acoustiques: NOW! Prismen

Ort: Philharmonie Essen (Alfried Krupp Saal),

Werke von: Gérard Grisey

Mitwirkende: WDR Sinfonieorchester Köln (Orchester)

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