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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Rudolf Buchbinder, Copyright: Philipp Horak

Rudolf Buchbinder, © Philipp Horak

Soli für Orchester

Lucerne Festival Orchestra spielt Mahlers Fünfte

Das 2003 gegründete Lucerne Festival Orchestra ist wohl das luxuriöseste, auf Dauer gestellte Projektorchester überhaupt. Hochrenommierte Solisten, Konzertmeister und Kammermusiker kommen zusammen als ein großer, schillernder Klangkörper. Was gäbe es da Angemesseneres als eine Sinfonie, die im Grunde aus vielen auseinanderdriftenden Einzelstimmen besteht, die gleichwohl zu geradezu monströsen Klangmassen anschwellen können? Insofern hätte die Wahl von Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie in der Laeiszhalle unter Andris Nelsons nicht besser ausfallen können. Mit beispielloser Klarheit und häufig auch Drastik verdeutlichte diese Masse von Spitzenmusikern, dass Max Oppenheimers Orchestergemälde mit Mahler am Pult in seiner Wildheit und Buntheit keineswegs übertrieben ist. Schon rein von der physischen Bewegung war dieses Konzert ein umwerfender Anblick, ein grandioses Durcheinander, ein geniales Zerfasern. Nelsons, so war der Eindruck, zügelte nicht, ordnete nicht, sondern spornte sogar noch an, brachte trotz erklärender Gesten noch mehr Chaos in die Musik. Auch wenn die Tempi teils erstaunlich langsam, aber organisch und schlüssig daherkamen. Und war dabei so schroff, dass ihm gleich zu Beginn des Trauermarsches der Taktstock aus der Hand flog (zu Beginn der Dritten Abteilung hatte er ihn dann wieder in der Hand).

Das perfekt intonierte, wunderbar frei gestaltete Trompetensolo war nur der Auftakt zu einem oft lärmenden Spektakel, das der Sinfonie als Gattung den Zerrspiegel vorhält und zeigt, wohin die Richtung geht, die Grenze Richtung Moderne mehr als einmal überschreitet. Nicht jeder Dirigent wagt es, die Brüche und Ungleichzeitigkeiten bei Mahler derart deutlich, ja beinahe schon übertrieben offen zu legen. Wo andere die Kanten glätten und die Drastik dämpfen, macht Nelsons genau das Gegenteil. Und wirkte mit dem Lucerne Festival Orchestra dabei so wahrhaftig wie nur wenige, so dass einen der Gedanke befällt – wenn es denn möglich ist, in so einem Orkan zu denken –, dass es um 1900 genau so geklungen haben muss.

Im zweiten Satz entstand zeitweise der Eindruck, als würde nun tatsächlich falsch gespielt werden, oder als sei die Musik tatsächlich komplett auseinandergefallen und fehlerhaft komponiert. Dabei geht das kontrapunktische Prinzip, das Mahler in der Fünften für sich neu aufstellt, hier bloß einfach am weitesten. Man muss es eben nur zeigen. Tatsächlich war während der gesamten Aufführung kein falscher Ton zu hören, nicht mal im Blech. Und dafür braucht es so fantastische Solisten, wie es das Lucerne Festival Orchestra hat. Dieser Mahler klang im Scherzo zeitweise wie ein Gypsy-Orchester, gerade weil hier jede Note perfekt, das heißt eben: richtig "schief" intoniert war. Das Horn ragte als erster Solist hervor. Mit einem harmonischen Zusammenklang hatte das bewusst nichts mehr zu tun. Wenn es lineare melodische Verläufe wie im 'Adagietto' gibt, das Nelsons wunderbar flächig entfaltete, dann nur, um im Finale als keckes Seitenthema wieder ironisch aufgegriffen zu werden.

Dass spätestens ab der Fünften Mahler von Beethoven so weit entfernt ist wie ein anderer Kontinent, wurde nicht zuletzt dadurch klar, dass vor der Pause Beethovens Erstes Klavierkonzert in C-Dur erklang, das rund 100 Jahre vor Mahlers Fünfter entstand. Rudolf Buchbinder spielte den Dreisätzer mit viel wienerischem Humor und auch hier mit viel Sinn für das kontrapunktische Gegeneinander der Stimmen. Letzteres kam auch in der Zugabe zum Vorschein, dem Schlusssatz aus der "Pathetique"-Sonate. Auch klang der wunderschöne Konzert-Mittelsatz ('Largo') inning und sprechend. Umso mitreißender waren dann die für Beethoven typischen überraschenden Sforzati im Orchestertutti im 'Rondo-Finale'.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Lucerne Festival Orchestra: Andris Nelsons

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Andris Nelsons (Dirigent), Lucerne Festival Orchestra (Orchester), Rudolf Buchbinder (Solist Instr.)

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