> > > > > 18.10.2015
Dienstag, 12. Dezember 2017

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Philippe Herreweghe, Copyright: Bert Hulselmans

Philippe Herreweghe, © Bert Hulselmans

Herreweghe dirigiert Schumann in Essen

Fulminanter Auftakt einer Residency

Zum Auftakt seiner Tätigkeit als Artist in Residence an der Philharmonie Essen in der Saison 2015/16 hatte sich der Dirigent Philippe Herreweghe ein ganz besonders Juwel ausgesucht. Zusammen mit einem exklusiven Solistenensemble, dem wunderbar geschlossen agierenden Chor des Collegium Vocale Gent und dem auf historisch informierte Aufführungspraxis spezialisierten Orchestre des Champs-Élysées bot er im Alfried Krupp Saal eine ebenso überzeugende wie eindringliche Lesart von Robert Schumanns Oratorium 'Das Paradies und die Peri' op. 50. Bedauerlicherweise ist Schumanns musikalische Erzählung von einem in Ungnade gefallenen engelsgleichen Wesen, das nach einem Weg sucht, um Eingang ins Paradies zu gelangen und dies nach zwei vergeblichen Versuchen am Ende durch die Gabe der Träne eines reuigen Sünders erreicht, viel zu selten im Konzert zu hören. Insofern setzte Herreweghe mit der Wahl dieser Komposition ein deutliches Zeichen und empfahl sich mit der Aufführung zugleich als ein dem lyrischen Moment verpflichteter Schumann-Exeget. Wohin die Reise gehen sollte, konnte man schon im kurzen Orchestervorspiel zum ersten Teil erleben: Das zunächst von den Violinen angestimmte, abwärts gerichtete Thema erklang in matter, vibratoloser Schattierung, mündete nach anfänglichem Weiterreichen in einen sonor aufblühenden Gesang der Violoncelli und fand sein Ziel schließlich in der rezitativartigen Eingangsnummer des Altsolos.

Der großangelegte Spannungsbogen, den Herreweghe über diese ersten Minuten hinweg zeichnete, erwies sich als Miniaturmodell für den gesamten Zugang, gelang es dem Dirigenten doch, jedem der drei Werkteile einen solchen Bogen einzuschreiben und sie dadurch – leider durch eine Konzertpause vor dem letzten Teil gestört – konsequent als großangelegte Spannungskurven zu gestalten. Dadurch konnte er zeigen, dass das musikalische Übergewicht von klanglich massiven Momenten im ersten Teil (beispielsweise das mit gestenreicher Janitscharen-Musik kombinierte Chorrezitativ 'Doch seine Ströme sind jetzt rot' und der Schlusschor) und deren Fehlen in den restlichen Abschnitten nicht notwendigerweise zu einem Nachlassen der Spannung führen müssen. Ganz im Gegenteil: Nach dem turbulenten ersten und dem als Ruhepunkt fungierenden, voller klanglicher Feinheiten steckenden zweiten Teil nutzte Herreweghe den Schlussabschnitt, um noch einmal die ganze Breite von Schumanns Ausdruckskunst und ihre enge Verknüpfung mit der Farbpalette von Orchester und Chor vorzuführen: den Abstieg in matte, abgedämpften Klangfarbenbereiche, die allmähliche Aufhellung durch Hörner, Soloquartett und Chor, die Herbheit, die Schumanns Intervallbehandlung dem kontrapunktischen Stimmengeflecht von Nr. 25 ('Es fällt ein Tropfen') verleiht und schließlich die in vokalen und instrumentalen Jubel gehüllte Emphase des finalen Dank- und Willkommensgesangs.

Die musikalische Dramaturgie des Oratoriums unterstützte Herreweghe durch eine räumlich getrennte Aufstellung der fünf Solisten: Während Sopranistin Carolyn Sampson als Peri auf der rechten Bühnenseite an der Flanke des Orchesters platziert war, befand sich das in seinen Vokalfarben außergewöhnlich gut harmonierende Quartett mit Christina Landshamer (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor) und Andrè Schuen (Bariton) links zwischen ersten Violinen und Kontrabässen. Überhaupt war die Auswahl der Solisten das i-Tüpfelchen dieses Abends: Nicht nur Sampson, die von Anfang an, vor allem aber im dritten Teil ihren Vokalpart förmlich durchlebte und den lyrischen Klagen der Peri durch Einsatz differenzierter Stimmfärbungen immer wieder auch dramatische Momente verlieh, sondern auch die übrigen vier Solisten überzeugten rundum durch ihre Leistungen: Landshamers Umsetzung der Jungfrauen-Passagen im zweiten Teil, Lehmkuhls gleich mit dem ersten Einsatz packende stimmliche Präsenz bei der Ausgestaltung der Engelsworte, Schmitts klare und anschmiegsame Wiedergabe der erzählenden Teile und Schuens Interpretation der Arie 'Jetzt sank des Abends gold’ner Schein – einer jener Momente, an dem man als Zuhörer gern die Zeit angehalten hätte – sind nur einige jener vielen Augenblicke, die das Konzert zu einem ganz außergewöhnlichen Erlebnis machten.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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In Residence: Philippe Herreweghe: Schumann-Szenen: Das Paradies und die Peri

Ort: Philharmonie Essen (Alfried Krupp Saal),

Werke von: Robert Schumann

Mitwirkende: Collegium Vocale Gent (Chor), Philippe Herreweghe (Dirigent), Orchestre des Champs Élysées (Orchester), Maximilian Schmitt (Solist Gesang), Carolyn Sampson (Solist Gesang)

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