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Dienstag, 20. Oktober 2020

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Solisten und Staatsopernchor Stuttgart, Copyright: A.T.Schaefer

Solisten und Staatsopernchor Stuttgart, © A.T.Schaefer

'Fidelio' an der Stuttgarter Staatsoper

Die totale Überwachung

Mit Beethovens 'Fidelio' stand die erste Premiere der neuen Stuttgarter Opernsaison auf dem Programm. Verantwortlich für das Regie-Konzept zeichnet das Führungs-Duo Jossi Wieler/Sergio Morabito, von Bert Neumann, der während der Arbeiten daran verstarb und dem das Ensemble diese Premiere widmete, stammt das Bühnenbild. Letzteres ist eher karg und nüchtern ausgestattet, dafür aber aussagekräftig. Die Herzstücke der Szenerie sind eine große schwarze Box, die am Ende – dazu später mehr – noch eine Rolle spielen wird und ein mittig aufgehängtes großes Display, auf dem der (gesprochene) Text im Schreibmaschinen-Stil fortlaufend abgetippt wird. Überhaupt wird den oftmals als problematisch empfundenen Dialogen ein besonderes Gewicht beigemessen: Wieler/Morabito sparen keinerlei Passagen aus und lassen sie durch Mikrofone sogar zusätzlich verstärken.

Neue Perspektive

Auf diese Weise wird der gesprochene Text auf eine ganz neue Aufmerksamkeitsebene gehievt; es entsteht so etwas wie ein zusätzlich ins Musiktheater implantiertes Schauspiel, wodurch das Publikum eine ganz neue Perspektive und eine plötzlich gar nicht mehr beiläufige, zur Trägheit neigende Wahrnehmung erhält. Die großflächig über der gesamten Bühne angebrachten Mikrofone sind dabei ein doppelt sinniger Kunstgriff – gleichzeitig symbolisieren sie den totalen Überwachungsstaat, in dem die Akteure leben. Auch die Charaktere des Gefängnispersonals sind dabei, wie nicht zuletzt anhand der Kleidung ersichtlich, letzten Endes selbst Gefangene des Systems. Sämtliche Worte, die hier fallen, werden von der oben erwähnten "Schreibmaschine" wie von Geisterhand protokolliert. Zum Ende hin wird dann auch das Geheimnis um die "Black Box" gelüftet: In ihr lagern massenhaft – vielfach bereits im Reißwolf geschredderte – Akten, hier kann man bei Bedarf ganze Identitäten unerwünschter Dissidenten einfach verschwinden lassen. Das Konzept von Wieler/Morabito geht auf – es entsteht eine Sichtweise, die an das Ambiente beklemmender Passagen in dem Film "Das Leben der Anderen" erinnert.

Starke Klangkörper

Etwas durchwachsen sind die Figuren besetzt: In der Titelpartie brilliert Rebecca von Lipinski. Bei einer stimmlich und schauspielerisch so überzeugenden Leistung stört da auch ihr britischer Akzent in den akustisch hervorgehobenen Dialogen nicht weiter. Als quirlige Marzelline mit schlanker und natürlicher Diktion in allen Registern begeistert Josefin Feiler. An Durchschlagskraft fehlt es hingegen Roland Bracht in der Rolle des Rocco; er geht gegenüber dem Orchester und in mehrstimmiger Interaktion weitgehend unter. Kräftigeres Volumen besitzt dagegen Michael Ebbecke als Don Pizarro, stellenweise wirkt er aber etwas angestrengt. Michael König liefert eine solide Partie als Florestan. Glänzend aufgelegt sind an diesem Abend die Klangkörper: Das Orchester unter Sylvain Cambreling trifft einen schlanken, jederzeit gut durchhörbaren Ton. Atmosphärisch dicht und farbreich koloriert es exemplarisch das Quartett 'Mir ist so wunderbar', den Chor der Gefangenen oder die Einleitung zum zweiten Akt – von filigranen Holzbläsern und präzise intonierendem Blech bis zu warm timbriertem Streicherklang ist alles dabei, was man sich für einen vitalen, zu subtilem Pianissimo wie zu dynamischen Explosionen ebenso fähigen Beethoven-Klang wünscht. Gewohnt erstklassig agiert auch der Stuttgarter Staatsopernchor.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Fidelio: Große Oper in zwei Aufzügen

Ort: Staatstheater,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Sylvain Cambreling (Dirigent), Sergio Morabito (Inszenierung), Jossi Wieler (Inszenierung), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Michael Ebbecke (Solist Gesang), Roland Bracht (Solist Gesang), Michael König (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Beethovens "Fidelio" in Stuttgart
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

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