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Sonntag, 15. September 2019

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Alex Penda (Poppea), Valer Sabadus (Nerone), Jake Arditti (Amore), Natalia Kawalek (Virtù), Copyright: Monika Rittershaus

Alex Penda (Poppea), Valer Sabadus (Nerone), Jake Arditti (Amore), Natalia Kawalek (Virtù), © Monika Rittershaus

Furioser Monteverdi im Theater an der Wien

Von der Macht des Begehrens

Als Claudio Monteverdi für die Karnevalssaison 1642/43 in Venedig eine neue Oper komponieren sollte, stand er vor einer besonderen Herausforderung. Die Oper musste ein kommerzieller Erfolg werden. Der Stoff durfte nicht langweilen. Er musste unterhalten, abwechslungsreich und hochemotional sein, damit möglichst viele Venezianer die Oper sehen wollten. Die Orchesterbegleitung musste auf ein Minimum reduziert werden, um die Kosten zu senken, denn die Sänger waren teuer genug. Herausgekommen ist eine der großartigsten Opern überhaupt, 'L'incoronazione di Poppea', die Krönung der Poppea, die jetzt Claus Guth im Theater an der Wien grandios inszenierte.

Guth verlegt die Handlung in die jüngere Vergangenheit, in die Entstehungszeit unserer heutigen Unterhaltungskultur, des Fernsehens. Auf die Drehbühne ließ er von Christian Schmidt ein Fernsehstudio mit Weltkarte im Hintergrund bauen, dessen Scheinwelt sich von dem eher nüchternen und kargen Backstagebereich abhebt. Zu Beginn streiten sich die Tugend, die erotische Liebe und das Schicksal in einer Fernsehshow darum, wer das Leben der Menschen eigentlich bestimmt, und auch während der folgenden Oper kehren die drei Figuren immer wieder in die Handlung zurück. Es ist ein ungleicher Streit, denn der Sieger steht von Beginn an fest: die Liebe. Oder besser: das erotisch-sexuelle Begehren. Im Schlussbild, als Nero seine Poppea, der er sexuell hörig ist, zur Kaiserin krönt, liegt die Tugend entsprechend am Boden und windet sich in Krämpfen, als müsse sie sich jeden Augenblick übergeben. Jeder Protagonist in dieser Oper ist vom Begehren erfasst, und es entfesselt in ihnen die anrührendsten, aber auch die destruktivsten Seiten menschlicher Existenz. In seiner exzellenten und ausgefeilten Personenregie zeigt Guth, in welche Höhen und welche Abgründe der Eros Menschen führt. Dabei folgt Guth dem Komponisten Monteverdi und dessen kongenialen Librettisten Giovanni Busenello darin, dass er kein moralisches Urteil über die Menschen fällt. Die Personen werden nicht erklärt, nicht psychologisiert, sondern in ihrer auch heute noch irritierenden Widersprüchlichkeit belassen. So entsteht, ganz getreu dem Original, eher ein Panoptikum, eine Collage menschlicher Gefühle. Nur an einer, allerdings einer entscheidenden Stelle hält Guth die Spannung des neutralen Berichterstatters offenbar selbst nicht mehr aus: Am Schluss der Oper lässt er Nero zunächst seine frisch gekrönte Poppea und dann sich selbst erschießen. Schade. Diesen Kommentar, diese "Moral von der Geschichte" hätte es eigentlich nicht gebraucht.

Jean Christophe Spinosi, der Dirigent der Aufführung, hat sich entschlossen, stark von dem Orchester abzuweichen, das Monteverdi 1642 bei der Uraufführung in Venedig zur Verfügung stand. Damals gab es nicht mehr als eine fünfstimmige Streicher- und eine kleine Continuogruppe, die wohl aus wenig mehr als zwei Theorben und zwei Cembali, vielleicht noch einer Orgel und einem Bassinstrument bestand. Spinosi erweitert nicht nur das Klangspektrum, indem er barocke Blasinstrumente wie Zinken und Blockflöten dazunimmt (manchmal ist sein Klang dadurch vielleicht etwas zu fett und nicht transparent genug), sondern lässt das von ihm gegründete Ensemble Matheus sehr behutsam immer wieder auch verfremdete, dissonante Klänge spielen, die so gar nicht zur frühbarocken Musik gehören – bis hin zu elektronischen Klängen (Live-Elektronik von Christina Bauer) zwischen den einzelnen Szenen, die die Atmosphären auf der Bühne verdichten. Das mehrfache Klangexperiment gelingt vorzüglich. Spinosi hat damit eine exzellente kreative Umsetzung einer frühbarocken Partitur im Geiste Monteverdis geschaffen, der ja auch viel den Improvisationskünsten seiner Orchestermusiker überlassen hat. So wird der Abend nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch zu einem spannenden Abenteuer.

Dazu kommt, dass die Aufführung durchweg bis in die kleinen Rollen ganz ausgezeichnet besetzt ist. Der noch junge Counter Valer Sabadus singt und spielt einen eindringlichen Nero mit psychopathischen Zügen; manchmal ist seine Stimme vielleicht etwas zu klein, um die kaiserliche Durchschlagskraft auszudrücken. Jennifer Larmore gibt die abgehalfterte Ex-Kaiserin in billigen Glitterkostümen und singt mit einigem Vibrato, was allerdings glänzend zur Rolle passt. Franz-Josef Seligs Seneca kommt mit Bassgewalt daher, Christophe Dumaux singt den Ottone mit leicht metallischer Stimme, die ihn gut von dem eher warmen Sopran Sabadus‘ abhebt. Jake Arditti, der dritte Counter der Produktion, gibt stimmlich und darstellerisch einen agilen Amor, Marcel Beekman und José Manuel Zapata glänzen in den Rollen der Ammen. Nur Alex Penda als Poppea hat an einigen Stellen leichte Intonisationsschwierigkeiten, aber diese verlieren sich im Laufe der Aufführung schnell. Nach vier Stunden heftiger, aber kurzer Applaus für eine grandiose moderne Monteverdi-Interpretation ganz im Geist des Komponisten. Wieder einmal zeigt sich, dass das Theater an der Wien seit seinem Bestehen sicherlich einer der innovativsten Opernhäuser Europas ist. Zum zehnjährigen Jubiläum in diesem Jahr kann man nur herzlich gratulieren!

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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L'incoronazione di Poppea: Oper in einem Prolog und drei Akten von Monteverdi

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Claudio Monteverdi

Mitwirkende: Jean-Christophe Spinosi (Dirigent), Claus Guth (Inszenierung), Ensemble Matheus (Orchester), José Manuel Zapata (Solist Gesang), Marcel Beekman (Solist Gesang), Franz-Josef Selig (Solist Gesang), Alex Penda (Solist Gesang), Valer Sabadus (Solist Gesang), Jennifer Larmore (Solist Gesang), Christophe Dumaux (Solist Gesang)

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