> > > > > 24.09.2015
Montag, 14. Oktober 2019

Juan Sancho , Copyright: Julian Laidig

Juan Sancho , © Julian Laidig

Leonardo Vincis 'Catone in Utica' in Wien

Leistungsschau der Countertenöre

Die fulminante Komponistenlaufbahn Leonardo Vincis war denkbar kurz: 1719 trat er in Neapel erstmals mit der Opera buffa 'Lo Cecato fauzo' an die Öffentlichkeit, wobei das mit großem Beifall aufgenommene Stück gleich am Teatro dei Fiorentini uraufgeführt wurde, sozusagen der ersten Adresse für komische Opern in der süditalienischen Residenzstadt. In kurzer Zeit gelang es Vinci, sich auch in Neapel, Rom und Venedig als Komponist ernster Opern zu etablieren. Nach dem Tod seines Kollegen Alessandro Scarlatti erklomm er 1725 eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter, als man ihn zu dessen Nachfolger als Pro-Vicemaestro der Königlichen Hofkapelle ernannte. Mittlerweile war der Name des Komponisten auch weit über die Grenzen Italien hinaus bekannt. So arrangierte kein geringerer als Georg Friedrich Händel in London ein Pasticcio mit Arien des Italieners. Wie für viele andere Komponisten hatte auch für Vinci die Freundschaft mit Pietro Metastasio einen wichtigen Einfluss auf sein kompositorisches Schaffen. So vertonte er als erster das Textbuch zu 'Siroe' (1726, Venedig), 'Catone in Utica' (1728, Rom), 'Semiramide riconosciuta' und 'Alessandro nell’Indie' (beide 1729, Rom). Bald nach der bejubelten Uraufführung von 'Artraserse' am römischen Teatro delle Dame fand Vincis Leben jedoch ein plötzliches und wahrscheinlich unnatürliches Ende, dessen Umstände nie wirklich aufgeklärt wurden. So munkelt man, der Musiker sei wegen einer Liebesaffäre vergiftet worden.

Pietro Metastasios Libretto 'Catone in Utica' erzählt den tödlich endenden Konflikt zwischen dem angehenden Diktator Julius Cäsar und dem Staatsmann Marcus Porcius Cato und ist somit neben 'Didone abbandonata' und 'Attilio Regolo' einer der wenigen Operntexte Metastasios mit einem tragico fine: Cato, ein Verfechter der römischen Republik, hat sich im nordafrikanischen Utica verschanzt. Als Cäsar die Stadt einnimmt, begeht Cato Selbstmord. Aber auch Cäsar steht zum Schluss nicht als strahlender Sieger da, da er mit Cato zwar einen politischen Gegner, aber auch einen hochgeschätzten Menschen verloren hat. Das Libretto war im 18. Jahrhundert überaus beliebt und wurde an die 70 mal adaptiert und vertont.

Was nun die musikalische Gestaltung der Partitur betrifft, so wurde sie von der katholischen Kirche maßgeblich beeinflusst: Im päpstlichen Rom war es Frauen verboten, auf der Theaterbühne zu stehen, was auch Vinci dazu zwang, alle Rollen für Männerstimmen zu schreiben. Die konzertante Aufführung im Theater an der Wien wurde so zu einer regelrechten Leistungsschau von Countertenören unterschiedlicher Stimmfarben. Zum Favorit in der Publikumsgunst entwickelte sich schon bei seinem ersten Auftritt Franco Fagioli als Cesare, für den es Grenzen in Bezug auf seinen Tonumfang ebensowenig zu geben scheint wie für sein Legato. Juan Sancho erwies sich in der Titelrolle mit seinem lyrischen Tenor als stilistisch exzellenter Interpret und farblich gut abgegrenzter Gegenpol zu seinem politischen Kontrahenten. Max Emanuel Cencics Arbace gefiel nicht nur wegen der immer wieder mezzosopranhaften Tönung der Stimme, sonden auch durch seine geschmeidige Phrasierung.

Die nicht aus musikalischen Gründen mit Männerstimmen besetzten Frauenrollen haben für den heutigen Hörer besonders dann den Reiz des Ungewohnten, wenn es ein Talent zu entdecken gibt - wie den Südkoreaner Vince Yi, der sich in der Rolle der Emilia beinahe als Musterbeispiel an klarer Stimmführung und präzis ausgesungenen Verzierungen erwies. Nicht so ganz glücklich wurde man mit der deutlich weniger prägnant geführten Stimmaterial von Ray Chanez. Wie dieser absolvierte auch Martin Mitterrutzner an diesem Abend sein Hausdebüt. Besucher der Salzburger Festspiele werden sich an seine nicht unproblematischen Auftritte in 'Cosi fan tutte' erinnern. In Vincis Werk erwies sich sein Tenor vor allem in der Mittellage als durchaus geschmeidig. Maxim Emelyanichev und das Ensemble Il pomo d’oro scheinen eine große Affinität zur Musik Vincis zu haben. Neben der affektsatten Leseart der Partitur sucht man vor allem nach orchestralen Farben, und dies bekommt der farbigen Instrumentation besonders gut.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Catone in Utica: Oper von Leonardo Vinci

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Léonard de Vinci

Mitwirkende: Max Emanuel Cencic (Solist Gesang), Franco Fagioli (Solist Gesang)

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