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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Angela Denoke (die Königin), Michael Nagy (Hans Heiling); Arnold Schoenberg Chor, Copyright: Herwig Prammer

Angela Denoke (die Königin), Michael Nagy (Hans Heiling); Arnold Schoenberg Chor, © Herwig Prammer

'Hans Heiling' im Theater an der Wien

Inzest statt romantischer Mystik

"Ich weiß nicht, die besten Effekte hat er ganz unbenutzt vorübergehen lassen; - was sind das für Akt-Schlüsse! - In den Chören welche Melodienlosigkeit! Im 2ten Finale behandelt er den Culminations-Punkt des Ganzen: 'er stammt vom Reich der Gnomen und der Zwerge, und ist der Geisterfürst der Berge!' so nachlässig und hebt die Steigerung so wenig hervor, daß man denkt, es geschieht etwas ganz Unbedeutendes! - Kurz nicht eine einzige Nummer kann packen!" Diese wenig schmeichelhafte Äußerung über Heinrich Marschners am 24. März 1833 in Dresden uraufgeführte Oper stammt von niemand Geringerem als dem 20-jährigen Richard Wagner, der aber dennoch von 'Hans Heiling' erheblich beeinflusst wurde.

Der entscheidende Impuls für die Entstehung des einst so beliebten Stücks kam vom Titelrollen-Interpreten der Uraufführung, Eduard Devrient, der sich allerdings zunächst anonym an den Komponisten wandte: Im Juli 1831 sandte er sein Textbuch an Marschner, ohne sich dabei aber als Autor zu erkennen zu geben. Marschner fühlte sich durch das Libretto sofort angesprochen und forschte nach dessen Urheber. Binnen eines Jahres war die Komposition abgeschlossen, im Mai 1833 feierte sie eine äußerst erfolgreiche Uraufführung in Berlin. Marschner war zu diesem Zeitpunkt bereits durch seine Opern 'Der Vampyr' (1828) und 'Der Templer und die Jüdin' (1829) bekannt. 'Hans Heiling' festigte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber.

Der Titel der dreiaktigen Oper geht auf eine Gesteinsformation an der Eger zurück, dem sogenannten Hans-Heiling-Felsen, der als scheinbar versteinerte Zwergenhochzeit die Phantasie der Romantiker anregte. Die Handlung ist im böhmischen Erzgebirge des 14. Jahrhunderts angesiedelt, wo Hans Heiling aus Liebe zu Anna seine unterirdische Welt verlässt, wobei dies gegen den Willen seiner Mutter, der Königin der Erdgeister, geschieht. Auf seine Reise zu den Menschen nimmt er ein magisches Buch mit sich, das er allerdings wenig später zerstört, da es seiner zukünftigen Braut Angst bereitet. Auf einem Dorffest muss Heiling erkennen, dass er nicht Annas einziger Verehrer ist. Zu seinen Rivalen zählt der Jäger Konrad, den Anna auch wirklich liebt. Heiling ist allerdings nicht bereit, Anna freizugeben und sticht bei einer Auseinandersetzung auf Konrad ein, der seine Verletzungen jedoch überlebt und Anna ehelicht. Bei der Hochzeit versucht Heiling ein letztes Mal, Anna für sich zu gewinnen, und beabsichtigt mit Hilfe der Erdgeister, die ihm trotz der Zerstörung des Buchs noch treu sind, alle Menschen zu töteten. Heilings Mutter gelingt es aber noch rechtzeitig, ihren Sohn zu besänftigen und ihn mit sich in die Unterwelt zu nehmen.

Auf der Opernbühne hat es Marschner, sofern er überhaupt gespielt wird, genauso schwer wie Carl Maria von Weber. Das romantisch Mystische, von dem sich die Zeitgenossen so angesprochen fühlten, wird von Regisseuren meist nicht ernst genommen oder gleich gänzlich eliminiert. So ist es nun auch im Theater an der Wien geschehen. Intendant Roland Geyer, der bereits vor drei Jahren mit einem mehr arrangierten als inszenierten 'Hoffmann' als Regisseur in Erscheinung trat, interpretiert das Stück als Inzestgeschichte des 20. Jahrhunderts (Bühnenbild: Herbert Murauer) und versieht sie mit einer Rahmenhandlung: Heiling ist zu Beginn der Oper bereits tot, seine Mutter besucht das Grab und erlebt die Geschichte sozusagen als Rückblende. Die in der Partitur zwischen Prolog und erstem Akt plazierte Ouvertüre nutzt Geyer, um dem Publikum die sexuelle Verbindung zwischen Mutter und Sohn in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen. Ansonsten bietet Geyers Inszenierung eine bemühte Personenführung, ohne viele Überraschungen und nur hölzern bewältigte Dialoge.

Michael Nagy gefällt in der Titelrolle mit ausdruckskräftigem und angenehm timbriertem Bariton. Als seine Mutter kann Angela Denoke so manche Abnutzungserscheinung ihres Soprans nicht mehr kaschieren, wie auch Peter Sonn als Konrad immer wieder seine Mühe hat, sein oberes Register unter Kontrolle zu halten. Katerina Tretyakova lässt als Anna einen jugendlichen Sopran hören, dessen Entwicklung man mit Interesse verfolgen wird. Schwachpunkt ihrer Interpretation sind einzig die sprachlich kaum bewältigten Dialoge. Constantin Trinks ist im Wiener Musikleben noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt; am Pult des Radio-Symphonieorchesters erwies er sich als dramatisch versierter Interpret, der auch den klanglichen Aspekten dieser Musik zu ihrem Recht verhilft.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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