> > > > > 10.07.2015
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Franz Schubert

Sokolov beim Festival International de Colmar

Wattebausch im Kirchenraum

Beim Festival International de Colmar, das in diesem Jahr zum 27. Mal ausgetragen wird, findet ein Großteil der Konzerte in der Kirche St. Matthieu statt. So auch der Klavierabend mit Grigory Sokolov, bei dem kaum ein Platz leer blieb. Eigentlich müsste man allerdings von einer Klaviernacht sprechen, beginnen doch die Abendkonzerte in Colmar um 21 Uhr, weshalb bei einem üppigen und für Sokolov typischen Programm von Bach über Beethoven zu Schubert plus Zugabenkaskade ein Konzert etwa bis Mitternacht dauern kann. Eine Kirche mag ein ungewöhnlicher Ort sein für ein Klavierrecital, doch bei Sokolov erscheint er fast naheliegend. Denn so wie manche seiner Anhänger ihn fast wie einen Klaviermessias verehren, so stark tritt er selbst hinter der Musik zurück und zelebriert einen Gottesdienst für die Klaviermusik. Kaum dass der letzte Ton eines Werks verklungen ist, erhebt er sich, senkt den Kopf und wendet den Schritt in demütiger Haltung rasch vom Podium. Man beklatscht die Musik, den Flügel, der im Kirchenraum an die Stelle des Altars gerückt ist, doch der Künstler bleibt fast unsichtbar. Selbst wenn er spielt, ist ihm jede prätentiöse Geste fremd. Sokolov scheint tief versenkt ins kompositorische Geäst der Werke, das er mit unglaublicher Feinschattierung des Tons, bezwingender Klarheit und expressiver Dringlichkeit greifbar werden lässt.

Sokolov wusste mit der Kirchenakustik umzugehen, tippte, gerade in Johann Sebastian Bachs Partita B-Dur BWV 825 manches nur sachte an, um ja nicht zu viel Klang in den Raum zu stellen. Aber mit welcher Farbigkeit und Zartheit dies geschieht! Sein Ton, der zwischen den Händen unabhängig und fast für jede einzelne Stimme in der Textur ganz unterschiedliche Farben annehmen kann, hat die Weichheit luftig zarter Wattebäusche, aber mit einem etwas fester gezwirbelten Kern. Mit perlender Geläufigkeit, aber im Tempo doch recht strikt vereint er motorische Beweglichkeit der stilisierten Tanzsätze mit harmonischen Spannungswellen. Und immer wieder sorgen seine unnachahmlich kristallinen Triller dazwischen für das Gefühl, als gieße man spritzigen Sekt auf die Wattebäusche, so dass es knistert und zischelt. Ruhig und fein singend entfaltete Sokolov die Sarabande, in der seine famosen Trillerfähigkeiten paradigmatisch zum Ausdruck kommen: Es sind nicht zwei Tonhöhen, die rasch abwechselnd folgen, sondern ein einziger rhythmisch strukturierter Klang, der sich hier ausbreitet, quecksilbrig und duftig.

Ähnlich weit gespannt waren die Bögen im zweiten Satz 'Largo e mesto' aus Beethovens Klaviersonate D-Dur op. 10 Nr. 3, in der die dynamischen Gegensätze auch klangfarblich aufs Schärfste kontrastierten. Die dramatischen Aufgipfelungen gerieten geradezu erschreckend, dabei aber doch nie spitz im Klang. Sokolov hatte sich mit der D-Dur-Sonate von Ludwig van Beethoven und der nach der Pause erklingenden Sonate a-Moll D 784 von Franz Schubert zwei Werke ausgesucht, in denen die musikalische Bewegung immer wieder abbricht, in Gang gesetzt wird, stockt, mit Elan weitergetrieben wird und wiederum – harmonisch nebulös – versandet. Sokolov machte hier agogisch etwas mehr als man von ihm gewohnt ist und wie er in einem Konzertsaal mit etwas trockenerer Akustik agieren würde. Die Beweglichkeit in der Gangart unterstützte allerdings auf überzeugende Weise das Charakteristikum beider Werke, die diskontinuierliche Bewegung, und kehrte das Rätselhafte, Tastende hervor. Dem stellte Sokolov mit bezwingend schlichter Phrasierung feste Ruhepunkte entgegen.

Am Ende des offiziellen Programms standen dann, einen schlüssigen Bogen zur freien, der Sonatensatzdialektik enthobenen Satzfolge bei Bach schlagend, Schuberts 'Six Moments musicaux' D 780, jenes geisterhaft irrlichternde, unendlich traurige, volkstümlich nahe und zugleich überirdisch schön und entrückt melancholische Werk, in dessen Linien sich Sokolov mit blühendem Lilienton verstieg: schwarzer Samt, durchsetzt mit Momenten des Trostes. Sokolov fand den Schlüssel für das Zugleich von entwickelnder Melodik und in sich kreisender Formung der dreiteiligen Satzanlage, akkordischer Fülle und melodischer Plastizität. Und er scheute keine Stärke des Ausdrucks. Womöglich fühlte sich Sokolov im gedämpften Licht von St. Matthieu herausgefordert, von der Bühne aus Blitze auszusenden. Blitze, die in seinen wunderbar weichen Ton eingebettet sind, und vielleicht dadurch noch stärker treffen als bei manchem pianistischen Feuerschlucker.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Klavierrecital Grigory Sokolov: Festival International de Colmar

Ort: St. Matthieu,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert

Mitwirkende: Grigorij Sokolov (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Festival International de Colmar

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