> > > > > 27.06.2015
Dienstag, 25. Februar 2020

Rheingau Musik Festival mit Rossini und Wagner

Temperamentvolle Eröffnung

Ausgerechnet Wagner und Rossini, zwei Komponisten, die widersprüchlicher nicht sein könnten, standen bei der Eröffnung des 28. Rheingau Musikfestivals auf dem Programm. Der neue Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters, Andrés Orozco-Estrada, der in Frankfurt eine beeindruckende erste Saison vorzuweisen hat, stellte ihre jeweiligen sakralen Sichtweisen spannend nebeneinander. Vor der Pause erklang sowohl das 'Parsifal'-Vorspiel als auch die 'Tannhäuser'-Ouvertüre, nach der Pause dann Rossinis furioses 'Stabat mater'. Es ist kein Geheimnis, dass Richard Wagner unter einem Pseudonym bereits vor der Pariser Aufführung von Rossinis Werk gelästert haben soll, dass aus den Pariser Salons "Betstuben" geworden seien und argwöhnte, dass die sinnliche Opernhaftigkeit des Werkes einem Mangel an religiöser Empfindung gleichkomme. Rossini dagegen wird im Vorfeld der Pariser 'Tannhäuser'-Aufführung ein nicht minder spitzes musikalisches Urteil nachgesagt: Wagners Musik fehle die Melodie wie dem Braten die Soße. Das war für einen Musiker, der am Ende seines Lebens lieber in den Kochtöpfen rührte als zu komponieren natürlich ein unverzeihlicher Anschlag auf sinnliche Höhenflüge. Wie völlig unterschiedlich also die beiden Zeitgenossen mit denselben christlichen Themen wie Erlösung, Schuld und Schmerz musikalisch verfahren, ließ sich an diesem hochkarätigen Abend in der romanischen Zisterzienserbasilika bestens studieren.

Dabei stand der Abend ganz im Zeichen von 25 Jahre deutscher Einheit. Mit leidenschaftlicher Intensität und grandioser Geschlossenheit musizierten Künstler aus Ost- und Westdeutschland. Anteil an der hervorragenden Qualität hatten nicht nur die siebzig A-cappella-Spezialisten des MDR Rundfunkchors, die zum Konzert extra aus Leipzig angereist waren, sondern auch die vier überzeugenden Solisten und das blendend disponierte hr-Sinfonieorchester.

Gleich mit den ersten Taktschlägen von Wagner 'Parsifal'-Ouvertüre überrascht Pultmeister Andrés Orozco-Estrada mit einem völlig neuen Ansatz des Klangkörpers. Im Gegensatz zu Vorgänger Paavo Järvi, der sich traute, wuchtige Mahler-Sinfonien in der beschwerenden Nachhall-Akustik der Klosters zu stemmen, dirigiert Orozco-Estrada einen in den Violinen verschlankten, luziden, dynamisch feinnervigen Wagner. Zwar schwillt die Prozession der Pilger aus dem 'Tannhäuser' zu großer Truppenstärke an, bleibt aber stets angenehm klar und übersichtlich.

Sein ausgesprochen sprühendes Temperament hebt sich der größte Tänzer unter den Dirigenten aber für Rossinis sakrale Belcanto-Perle auf. Eine wahre Freude, wie hochdramatisch das Fegefeuer des 'Inflammatus et accensus' auflodert, in dem die raumfüllende Stimme der lettischen Sopranistin Marina Rebeka kongenial mit dem Chor harmoniert. Auch Marco Spottis tragender Bass überzeugt beim 'Eia mater' mit meditativem Mönchsgesang in den heiligen Hallen der Zisterzienserbasilika. Arios opernhaft auch der warme Mezzosopran von Marina Comparato und der in letzter Minute für den erkrankten Lawrence Brownlee eingesprungene Tenor Michele Angelinis. Beim Schlussapplaus springen die Besucher zu Standing Ovations von den Sitzen und beweisen mit ihrer Begeisterung, dass der Wahlspruch der Mönche von einst auch heute wieder gilt "Porta patet, cor magis", was übersetzt bedeutet: Die Tür ist offen, das Herz umso mehr".

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Kritik von Bettina Boyens



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Eröffnungskonzert Rheingau Musik Festival: 25 Jahre Deutsche Einheit

Ort: Kloster Eberbach,

Werke von: Richard Wagner, Gioacchino Rossini

Mitwirkende: MDR Rundfunkchor (Chor), Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (Orchester), Marina Rebeka (Solist Gesang), Marina Comparato (Solist Gesang), Marco Spotti (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rheingau Musik Festival

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