> > > > > 26.06.2015
Donnerstag, 18. August 2022

Enrico Calesso, Falk von Traubenberg

Das Theater Würzburg überzeugt mit Galuppi-Oper

Eine lohnenswerte Entdeckung nach 250 Jahren

Wer kennt schon den Namen des Komponisten Baldassare Galuppi? 1706 in Burano (einem Ort in der venezianischen Lagune) geboren, gehörte er bis zu seinem Tod 1785 zu den prägenden Komponisten des europäischen Musiklebens. Er wirkte in St. Petersburg sowie auch in London, doch seiner Heimatstadt Venedig blieb er immer verbunden. Seine Karriere beendete er dort als erster Kapellmeister an San Marco, mit dem damals besten Orchester Italiens. Sein Oeuvre als Komponist war geprägt von einer enormen Schaffenskraft; man darf von siebzig komponierten Opern ausgehen, zahlreichen Messen sowie auch Instrumentalmusik sind verzeichnet, seine Kompositionen für Klavier sind auch heute noch ein Begriff.  Zudem kennt man seine enge Zusammenarbeit mit Goldoni, dadurch entstanden allein 22 Opern.  

Nach zweieinhalb Jahrhunderten kam nun seine Oper seria 'Alessandro nell’Indie' wieder auf die Bühne. Das Mainfranken Theater Würzburg setzte in Kooperation mit dem Mozartfest das Werk auf den Spielplan, nachdem der Würzburger Musikwissenschaftler und Galuppi-Experte Prof. Dr. Reinhard Wiesend auf das Werk hingewiesen hatte. Man benutzte die Münchner Fassung von 1755 (Neues Hoftheater), kürzte allerdings das fünfstündige Werk auf drei Stunden. Das Manuskript von Galuppi ist verschollen, bei der Würzburger Aufführung wurde die Abschrift benutzt, die in der Bayerischen Staatsbibliothek München aufbewahrt wird.

Kein szenisches Schwelgen erlaubt

Die Handlung, nach einem Text von Pietro Metastasio, der auch von anderen Komponisten vertont wurde, zeigt Alessandro (Alexander den Großen) auf seinem Indienfeldzug im Anschluss an die Schlacht am Hydaspes im Jahr 326 v. Chr. Der besiegte indische König Poro sinnt noch auf Rache, gleichzeitig entwickelt sich auch eine Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Alexander, Poro und dessen Geliebter Cleofide, der Königin eines anderen Teils von Indien. Intrigen und Liebe dann zwischen zwei Paaren, denn Poros Schwester Erissena liebt den General ihres Bruders, Gandarte. Um dessen Liebe zu erringen, verkleidet sie sich sogar als Krieger und kämpft gegen Alessandro. Am Schluss siegt natürlich die Liebe sowie auch der Edelmut - immer wieder ein Thema in den Opern aus dieser Epoche.

Regisseur François De Carpentries hat die Handlung in das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan verlegt, König Poro ist eine Kopie des früheren Präsidenten Karzai, Alessandro agiert wie ein arroganter westlicher Wirtschaftsboss, immer mit Handy in der Tasche. Die Königin ist leider eine nur wenig selbstbewusste Frau; sie scheint vorrangig auf ihren Vorteil bedacht zu sein, schwankend zwischen Liebe und Zweifel. Zudem wirkt sie in Kleidern, die an das antike Griechenland angelehnt sind, etwas deplatziert am Hindukusch. Das Bühnenbild, geprägt von schroffen Gebirgsmassiven, wird gelegentlich mit Videos aufgelockert. Bühne sowie Kostüme wurden von Karin Van Hercke entworfen, leider nicht gerade ein glücklicher Wurf. Insgesamt fand auch eine Personenregie nicht wirklich statt, eine Intensivierung von Bühne und Regie hätte dem Werk sicherlich eine noch stärkere Ausstrahlung verleihen können. Dagegen gänzlich überflüssig der Hinweis auf Alessandros angenommene Homosexualität, die anhand von Schattenspielen aus dem Herrscherzelt live auf die Bühne gebracht wurde.

Musikalisches Highlight

Musikalisch war dieser Abend allerdings ein Gewinn. Das Philharmonische Orchester Würzburg unter der Leitung seines Chefs Enrico Calesso musizierte so souverän und klangschön, dass man es für ein versiertes Barockensemble hätte halten können. Enrico Calesso scheint die Musik Galuppis am Herzen zu liegen; er ist ebenfalls aus der Region Venedig, so konnte man eine Art Seelenverwandtschaft erahnen. Der Orchestergraben war höher als normal, somit ergab sich ein ungemein intensiver, dunkel schwingender Klang. Enrico Calesso hat sehr konzentriert und lange mit Orchester und Sängern gearbeitet, die stimmlich teilweise zu hoch liegenden Arien wurden transponiert und die vier Kastratenrollen mit drei Sopranistinnen und einem Countertenor besetzt.

Die zumeist jungen Ensemblemitglieder meisterten die Herausforderung mit Bravour. Countertenor Denis Lakey, einziger Gast, glänzte in der Rolle des Königs Poro mit bester Gesangskunst, auch darstellerisch verlieh er der Rolle Glaubwürdigkeit. Silke Evers als Königin Cleofide besitzt einen wunderbar warmen Sopran, der hier sehr schön zur Geltung kam. Anja Gutgesell als General Gandarte und Maximiliane Schweda als Timagene ergänzten das Gesangssextett aufs Beste, zu dem auch noch Tenor Joshua Whitener als Alessandro und die Mezzosopranistin Sonja Koppelhuber als Erissena gehörten. Kein Forcieren, keine Unsicherheiten in der Gestaltung oder auch in den Koloraturen waren zu vermerken. Auch in der nächsten Spielzeit wird diese Oper im Spielplan bleiben und kann - nicht nur für Barockfreunde - sicherlich einen Besuch rechtfertigen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Midou Grossmann



Kontakt zur Redaktion


Alessandro nell'Indie: Oper von Baldassare Galuppi

Ort: Mainfranken Theater,

Mitwirkende: Enrico Calesso (Dirigent), Baldassare Galuppi (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Mozartfest Würzburg

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