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Montag, 19. August 2019

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Susanne Elmark, Mihoko Fujimura, Bejun Mehta, Copyright: Arno Declair

Susanne Elmark, Mihoko Fujimura, Bejun Mehta, © Arno Declair

Hosokawas Fukushima-Oper an der Staatsoper Hamburg

Kontemplatives Ritual

An der Staatsoper Hamburg ist man das Wagnis eingegangen, zu dem verheerenden Tsunami im Jahr 2011 und der dadurch ausgelösten Atomkatastrophe eine Oper in Auftrag zu geben. Es wird ein Unglück riesigen Ausmaßes thematisiert, das eigentlich nicht darstellbar ist. Der japanische Komponist Toshio Hosokawa wählte für sein neues Werk mit dem bezeichnenden Titel 'Stilles Meer' geschickt das japanische No-Stück "Sumidagawa", die Tragödie einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Er verlegte den Schauplatz nach Fukushima. Konkret geht es nun um eine Mutter (Claudia), eine deutsche Ballettlehrerin. Sie lebt in Japan und hat ihren Sohn sowie ihren zweiten japanischen Mann verloren, dessen Schwester und ihren ersten deutschen Mann, den Vater des gemeinsamen Kinders, der aus Deutschland herbeigeeilt ist.

Es gibt keinen Vorhang. Als der Theaterraum sich füllt, ist bereits ein leises Meeresrauschen vernehmbar. Leuchtende Stäbe hängen von Himmel, Chiffren der Katastrophe, Brennstäbe des Reaktors? Die Dorfbewohner versammeln sich zur "O-higan"-Zeremonie: An der Tagundnachtgleiche setzten sie gemeinsam Laternen aufs Meer. Mit "Higan" ist das jenseitige Ufer gemeint, wohin die Seelen der Toten wandern. Itaru Sugiyama hat dazu ein zeitloses Bühnenbild entworfen. Eine kreisrunde Scheibe, von der ein Steg quasi wie eine Tangente in eine ziellose Höhe führt. Im Hintergrund wechselnde Lichtfarben (Daniel Levy).

Wie stelle ich Menschen dar, die ihre Angehörigen, ihre Heimat, ihren Lebensraum, ihre Gesundheit und letztendlich auch ihre bisher erwartete Zukunft verloren haben? In der griechischen Tragödie gab es am Ende noch immer den Deus ex machina, aber hier gibt es noch bloß grenzenloses menschliches Leid. Claudia stemmt sich gegen ein Geschehen, das nicht begreifbar ist. Haruku, die Schwester ihres Mannes, und Stephan, ihr erster Mann, versuchen Claudia zu helfen und können sich noch nicht einmal selbst retten. Alle Personen agieren in ihrer einsamen Welt.

Schmerz und Leid, das man nicht mitteilen kann - genau hier setzt die Musik von Toshio Hosokawa ein, der es gelingt, Betroffenheit und Miterleben zumindest im Ansatz zu ermöglichen. Er komponierte ein musikalisches kontemplatives Ritual mit zarten, intensiven Klängen, die gelegentlich durch eruptive Geräuschklänge und elektronische Klangwelten erweitert wurden: große vielstimmige Entwicklungszüge, eingebettet in ein hochchromatisches musikalisches Idiom, das nicht tonal, aber auch nicht wirklich unharmonisch ist. Eine Musik, die einen ungeheuren Sog entfaltet, den Zuhörer aber nie emotional überfrachtet.

Schwerstes wird den Solisten darstellerisch und gesanglich abverlangt. Mit ihren durch großen Ambitus und schwierige Intervalle geprägten Kantilenen erreichen sie eine ins existentielle reichende unmittelbare Expressivität. Die Mezzosopranistin Mihoko Fuijimura (Haruku), die gewissermaßen einen Wirklichkeitssinn im Sinne von Robert Musil verkörpert, sang mit größter Intensität und wirkte auch in der größten Emphase nie aufdringlich. Countertenor Bejun Mehta (Stephan) überzeugte mit seiner bisweilen irisierend schönen hohen Lage, aber auch in den unteren Bereichen entfaltete er eine sinnliche Schönheit. Susanne Elmark (Claudia) agierte berückend-klangschön. Ihr gelang es stimmlich exzellent, das Seelenbeben einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, seismografisch genau und bis in die dunkelsten Abgründe klanglich zu ergründen.

Kent Nagano konnte die Philharmoniker Hamburg zu höchster Konzentration führen. Diese Musik ist ja alles andere als leicht; eine adäquate Interpretation kann nur gelingen, wenn dieses unerbittliche Ringen um die Spannung in der Balance auch funktioniert. Und so gelangen wundervolle Übergänge vom Instrumentalen zum Vokalen, aber auch zum Geräuschhaften. Chor (Eberhard Friedrich) und Sounddesign (Takeshi Tsuchiya) überzeugten ebenfalls ohne Abstriche.

Wahrlich eine grandiose Uraufführung, deren besondere Bedeutung über das Musikalische hinaus wohl auch in der Bewusstwerdung liegt, dass ein solches Unglück erst ein Verständnis für das Leid benötigt, um die Kraft zu bekommen, dagegen anzugehen. Den Personen, die von der Katastrophe unmittelbar betroffen sind, dürfte dazu die Kraft fehlen. Und so ist diese Oper ein bedeutender Beitrag zum ansatzweisen Verständnis, diese Katastrophe, die vor allem auch durch menschenverachtendes Gewinnstreben verursacht wurde, zu begreifen. Wünschenswert wäre eine zweite Oper, die sich mit den politischen und ökonomischen Umständen dieser Katastrophe auseinandersetzt.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Stilles Meer: Oper von Toshio Hosokawa

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Bejun Mehta (Solist Gesang), Mihoko Fujimura (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Grüße aus Fukushima
(Die Zeit, )

Requiem für Fukushima
(Süddeutsche Zeitung, )

Sparsam, aber berührend: Fukushima als Oper
(Norddeutscher Rundfunk (NDR), )

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