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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Alessandra Ferri in John Neumeiers Ballett "Duse", Copyright: Holger Badekow

Alessandra Ferri in John Neumeiers Ballett "Duse", © Holger Badekow

John Neumeiers choreografische Phantasien 'Duse'

Mutige Herangehensweise

"Choreographische Phantasien über Eleonora Duse", so bezeichnet John Neumeier sein neues Ballett 'Duse', das am 6. Dezember seine Uraufführung erlebte. Neumeiers neue Kreation ist eine Verbeugung vor dieser großartigen Schauspielerin, die eine neue Art des Schauspielens etablierte und mit ihrer poetischen Auffassung des Theaters einen Gegenpol zu der Theaterform schuf, die in Brecht-Piscators epischem Theater später einen Höhepunkt fand.

Neumeiers Ballett ist ganz auf das Können von Alessandra Ferri, die mit ihren 52 Jahren noch immer eine Ausnahmetänzerin ist, ausgerichtet. In einer Art Retrospektive sieht die Duse sich im Film, dann treten all die Männer auf, die im Leben der Duse eine Rolle gespielt haben, unter anderen die Dichter D'Annunzio und Arrigo Boito. Historisches wird nur zitiert, wenn es bedeutsam ist. Wer an diesem Abend eine historische Revue erwartet hatte, wurde herb enttäuscht. Worauf auch einige Buhrufe und der verhaltene Beifall am Ende verwiesen.

Ließ man sich auf die Konzeption ein, so wurde schnell einsichtig, dass Neumeier mit seiner zarten und filigranen Choreographie dem nachspürte, was sich zwischen den Körpern abspielt, was sich der Begrifflichkeit in jeglicher Hinsicht entzieht. Alessandra Ferri ist mittlerweile in einem Stadium, in der sie ihren Körper absolut beherrscht, auch wenn sie nicht mehr zu solch elastischen Sprüngen in der Lage ist wie ihre Partner. Ein glänzende Idee, ihr Hélène Bouchet als "Die Dienerin" zur Seite zu stellen.

Es ging John Neumeier, auch im ersten Teil, der sich konkret auf die Biographie bezieht, aber um mehr, als lediglich die Biographie einer Ausnahmeschauspielerin auf die Bühne zu bringen. Eben genau das machte das Besondere dieses Ballettabends aus. Die Konzeption ging im zweiten Teil restlos auf, als die tote Künstlerin in einer Apotheose wiederaufersteht und abstrakt sinnlich den Männern begegnet, die in ihrem Leben substanzielle Auswirkungen hatten.

John Neumeier hatte mit dieser ruhigen Choreographie den Mut, etwas zu kreieren, das derzeit völlig aus dem Rahmen fällt. Durch seine Vorgehensweise ließ er dem Publikum im positiven Sinne viel Zeit, so dass etwas entstehen konnte, was man mit dem altertümlichen Begriff des "Eingedenk-Seins" bezeichnen könnte. Und es waren eben genau diese Phasen, die diesen Abend zu einem großen Ballettabend werden ließen. Es gilt noch immer Ludwig Wittgensteins berühmter Satz: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Umgesetzt auf die Choreographie dieses Abends kann man ihn auch so verstehen, dass die Aussage aus der Beziehung zwischen den Körpern resultiert - für die Tänzerinnen und Tänzer eine ungeheure Herausforderung. Hamburg verfügt zurzeit über eine exzellente Truppe, die diese zarte Konzeption umsetzten kann.

John Neumeier hat es diesmal seinem Publikum nicht leicht gemacht, auch mit der Auswahl der Musik, die von Benjamin Britten und Arvo Pärt stammte und vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Simon Hewett subtil umgesetzt wurde.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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