> > > > > 19.09.2015
Dienstag, 1. Dezember 2020

Szenenfoto, Copyright: Hans Jörg Michel

Szenenfoto, © Hans Jörg Michel

Nachdenkliche Spielzeiteröffnung in Hamburg

Resignative Utopie

An der Hamburger Staatsoper hatte jetzt eine Einstudierung der monumentalen Oper 'Les Troyens' von Hector Berlioz Premiere, die das Werk in einer überzeugenden Fassung von Pascal Dusapin brachte und von der eine bezwingende Faszination ausging. Glänzender und intelligenter Einstand für den neuen Generalmusikdirektor Kent Nagano. "Es passiert etwas in der Welt der Musik – und es passiert in Hamburg", hatte Nagano bei der Vorstellung seiner ersten Saison 2015/16 versprochen. Dieses Versprechen hat er gehalten.

Regisseur Michael Thalheimer ist es gelungen, die Geschichte vom Fall Trojas und der bizarren Liebe zwischen Dido und Aeneas überzeugend und spannend zu erzählen. Thalheimer hat die Handlung auf das Wesentliche zurückgeführt. Gleichzeitig ist seine Inszenierung auch exorbitant reich an Gedanken, an bewegenden Szeneneinfällen und zwingend in der Verbindung von Gedanken und Bildern. Das gilt vor allem für den besonders schwierigen zweiten Teil, bei dem die ständigen Raumbewegungen als Ausdruck des Unbefestigtseins und der inneren Unentschiedenheit von Aeneas und Dido quasi zu einer überbordenden Bilderfülle führen. Ihren Rückhalt hatte diese Sichtweise aber auch in einer exzeptionellen Ausstattung, vor allem in der atemberaubenden Bühnengestaltung von Olaf Altmann, aber auch diese wäre nicht so eindrucksvolle zur Wirkung gekommen, hätte nicht Normann Plathe für richtiges Licht und Michaela Barth für intelligente Kostümierung gesorgt.

Die beiden Teile der Oper wurden zwar durch kontrastierende Raumgestaltung deutlich getrennt, diese Trennung erfolgte aber durch das Licht. Olaf Altmann und Normann Plathe reduzierten die Bühnengestaltung überaus ökonomisch wie pointiert reduziert auf das Wesentliche: ein holzgetäfelter Raum, dessen Rückwand zur unheilschwangeren Schräge und oder zur abschließenden Wand wird. Mit Hilfe von geschickten Lichteffekten und Schattenspielen wurden so ständig neue Räume und Atmosphären geschaffen.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die beiden Frauengestalten Kassandra und Dido. Dido ist eigentlich keine Seherin, aber bei Thalheimer wird sie es. Er folgt damit den Vorgaben der Partitur, denn bei Berlioz prophezeit sie im Sterben den Römern Rache durch die Karthager. Wenn Dido in einer völlig grotesken Haltung am Ende stirbt und im Hintergrund der Chor in Kleidern der 50er Jahre steht, so ist dies ein bizzares Bild. Zeigt es doch die Kapitulation der Menschlichkeit vor dem scheinbar nicht brechenden Kreislauf von Macht, Krieg, Elend und Tod.

Keine Bilderflut

Es wurde an diesem Abend nicht Theaterblut gespart, ob nun bei den Sängern oder ob wirkungsvoll Blut oder reinigendes Wasser aus dem Bühnenhimmel über die Rückenwand regnete. Es ging Michael Thalheimer sichtlich um die Kriegs- und Flüchtlingsthematik, die an diesem Abend jedoch nie konkret ausgesprochen wurde. Seine Sichtweise war dadurch, dass er keine Bilderflut und mediale Überschwemmung entfesselte, um so gehaltvoller. Und wer die Problematik, um die es hier ging, nicht hörte und sah, dem ist, wie es Thalheimer formulierte, "nicht mehr zu helfen".

Hervorragende Solisten

Man hörte bemerkenswerte gut ausgewählte Solisten: Catherine Naglestad sang die Cassandre mit dramatischem Furor. Ganz ohne Anstrengung und mit bemerkenswerter Kraft durchwanderte sie das schroffe Koloraturgebirge. Gleiches galt für Elena Zhidkova, der es mit ihrer filigranen Gestaltung der Dido noch gelang, mit mildem Wohllaut anzurühren, wodurch ihr Duett mit Aeneas (Torten Kerl) ein subtiler Höhepunkt war. Trotz der Tatsache, dass Torsten Kerl durch einen eng geführten Tenor und ständiges Näseln nicht zu überzeugen vermochte. Julian Prégardien gab einen gesanglich überzeugenden Hylas, aber auch Kartal Karagedik (Choroebus) und Markus Nykänen als Iopas konnten für sich einnehmen. Dem Chor wurde Enormes an individueller Beweglichkeit abverlangt. Er war großartig durch Eberhard Friedrich vorbereitet und gehörte zu den tragenden Säulen dieser Inszenierung. Auch die anderen Sänger sangen wunderbar auf Linie und boten überzeugende Rollengestaltungen.

Subtile musikalische Gestaltung

Der neuen GMD des Hauses, Kent Nagano, präsentierte eine animierend, klanglich trennscharfe Interpretation mit stellenweise extremen, aber insgesamt stimmigen Konzeption der Tempi. Faszinierend, wie er den ungeheuren Klangapparat, den Berlioz fordert, im Griff hatte und wie er das Philharmonische Staatsorchester durch die komlexe Partitur führte und es schaffte, im kompakten Klang von Berlioz' Musik noch den kleinsten Verästlungen nachzuspüren.

Am Ende Begeisterung allenthalben. Man hat in Hamburg den Mut gehabt, ein Stück von zeitloser, tragischer Aktualität, das von den Schrecken des Krieges und Vertreibung handelt, auf die Bühne zu bringen. Kent Nagano macht es seinem Publikum nicht leicht, wie man auch an seiner Programmgestaltung der Konzerte erkennen kann. Aber er verfügt über eine enorme musikalische Intelligenz, wie man bei diesem Opernabend erhören konnte. Es wird wieder spannend in Hamburg!

Fazit: So geht Spielzeiteröffnung

Natürlich wird diese Inszenierung zur Diskussion anregen. Man kann sicherlich fragen, ob das Regiekonzept von Michael Thalheimer restlos aufging. Sicherlich, er stellt Cassandra und Dido in eine Linie; das war von Berlioz nicht so vorgesehen. Ob aber der positive Ansatz in Berlioz' Verständnis, der die Rolle des kriegerischen und imperialen Roms auch als "Hort der Künste" und den römischen Kaiser auch als "Musenfürst" verstand, heute noch aktuell ist, sei dahingestellt.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Michael Pitz-Grewenig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Les Troyens: Poeme lyrique von Hector Berlioz

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Hector Berlioz

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12/2020) herunterladen (3600 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Anton Rubinstein: String Quartet No.6 op.47,3 in D minor - Adagio molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich