> > > > > 01.05.2015
Mittwoch, 18. September 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Webers 'Freischütz' an der Semperoper

Mut zur Tradition

Für die Semperoper hat Webers 'Freischütz' einen besonderen Stellenwert. Zwar wurde dieses Schlüsselwerk der deutschen romantischen Oper 1821 in Berlin uraufgeführt, in Dresden aber ist es mit beinahe 1500 Aufführungen das am häufigsten gespielte Stück der Opernliteratur, mit dem man auch vor 30 Jahren die wiederaufgebaute Semperoper eröffnete. Heute hat es Webers Erfolgsstück generell nicht mehr so leicht; gerade Regisseure scheuen sich, die brauchtumbehaftete Geschichte librettokonform umzusetzen, oder man nimmst es - im schlimmsten Fall - von vornherein nicht mehr ernst.

In Dresden wird die Feierlaune nun keineswegs durch Regieeskapaden getrübt: Axel Köhler belässt die Handlung in ihrem naturalistischen Ambiente und ließ sich von Arne Walther ein Bühnenbild mit enormen Baumstämmen konzipieren, die den ganzen Abend dominieren und je nach Szene Platz für eine verfallene Villa, den Jägerchor oder die rohe Männergesellschaft am Beginn des Stücks machen. Eines wird in Köhlers 'Freischütz' bald deutlich: Man hat es hier mit einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft zu tun, für die Gewalt alltäglich geworden ist. So ist auch die Wolfsschlucht der Ort, an dem im Hintergrund via Videozuspielungen Flugzeugangriffe und Kampfszenen wieder lebendig werden. (Weniger originell ist dagegen die Idee, dass Samiel über Lautsprecher beim Freikugelgießen mitzählt.) Gelernt hat die Gesellschaft aus dem Erlebten nichts, auch wenn es sich nur um den verhängnisvollen Probeschuss handelt: Nach dem Auftritt des Eremiten gibt Ottokar einem Kind das Zeichen, es solle sich doch als Nachwuchs-Schütze versuchen.

Internationales Interesse wurde der Premiere wegen Christian Thielemann am Dirigentenpult entgegengebracht. Erwartungen, die auch nicht enttäuscht wurden: Thielemann ziseliert bereits die Ouvertüre zu einem ungemein subtilen Konzertstück, bei dem zu Beginn gleich die makellos spielenden Hörner der Staatskapelle ihre Qualitäten unter Beweis stellen. Insgesamt ist Thielemanns 'Freischütz' eine Deutung, die zeigt, dass diese Musik die Basis für Richard Wagner ist, eine Extraportion Pathos wird Weber deshalb aber nicht aufgezwungen. Von ihrer besten Seite zeigten sich auch die Choristen der Semperoper, die die raschen Tempi des Jägerchors geradezu makellos umsetzten.

Die Sängerbesetzung gab allerdings wenig Anlass zum Jubeln: Einzig Georg Zeppenfelds mit schwarzem schattierungsreichem Bass gesungener Kaspar bot in den Hauptrollen als einziger Premierenniveau eines internationalen Hauses. Michael Königs schmelzlosem, in der Höhe engen Tenor bereitet der Max Mühe. Sandra Jakubiak beweist als Agathe enormes Differenzierungsvermögen, ansonsten bleiben jedoch die Intonationsprobleme dieses unpersönlich timbrierten Soprans in Erinnerung. Mit Christina Landshamer lernte man ein reichlich soubrettenhaftes Ännchen kennen. Regelrechte Luxusbesetzungen sind Adrian Eröd (Ottokar) und Albert Dohmen (Kuno). Schade, dass man in der Rolle des Erimiten nicht eine ähnlich qualitätvolle Besetzungsvariante zur Verfügung hatte, denn Andreas Bauer verströmte alles andere als ebenmäßig strömenden Wohlklang.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Der Freischütz: Romantische Oper in drei Aufzügen

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Axel Köhler (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Christina Landshamer (Solist Gesang), Albert Dohmen (Solist Gesang), Michael König (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich