> > > > > 25.11.2005
Montag, 12. April 2021

Fazil Say, Photo: Marco Borggreve

Ein Ort des kultivierten Klavierspiels

Das Lucerne Festival „Piano 2005“

Mit seinem Recital bei Lucerne Festival ‘Piano 2005’ erregte der türkische Pianist Fazil Say enormes Aufsehen. Im ersten Teil des Abends spielte der 1970 in Ankara geborene Musiker die Sonate C-Dur Hob. XVI:35 (1780) sowie die Sonate As-Dur Hobb. XVI:43 (1783) von Joseph Haydn und die Sonate f-Moll op. 57 ‘Appassionata’ von Ludwig van Beethoven. Im zweiten Teil hielt er für das mit stehenden Ovationen applaudierende Publikum die Mozart-Variationen ‘Ah, vous dirai-je, Maman’ C-Dur KV 265 und die Grande Sonate C-Dur op. 53 ‘Waldstein’, ebenfalls von Beethoven bereit. Im weiteren Verlauf des Festivals, das in sechs Tagen rund 20 000 Interessierte in die Zentralschweiz lockte, enttäuschten die kanadische Pianistin Angela Hewitt und der russische Pianist Mikhail Pletnev (obwohl er frenetischen Applaus erhielt) eher, dafür begeisterten aber Jean-Yves Thibaudet mit Musik von Schumann und Ravel, Radu Lupu mit einem reinen Schumann-Abend und vor allem Arcadi Volodos mit Werken von Schubert und Liszt. Bedeutend auch die Liste der Interpreten beim parallel veranstalteten Piano Off-Stage, bei dem in Bars und Hotels teils weit bis nach Mitternacht dem pianistischen Jazz gefrönt wurde.

Fazil Say und die Wiener Klassik

Haydn stellte der Ausnahmeinterpret Fazil Say in ein ganz neues Licht. Sinnlich und feinsinnig zugleich gab er der C-Dur-Sonate einen persönlichen Schliff, wobei das Adagio aufblühte und das abschließende ‘Rondo.Allegro’ bei Say zum Ereignis wurde. Immer wieder unterbricht der 35-jährige sich selbst, gibt sich durch Gestik in der Luft seinen eigenen Kick. Die Musik wird konzentrierter dadurch, auch intensiver aufgenommen. Im ‘Moderato’ von Haydns As-Dur Sonate gelingen Say trotz Gebärden und viel Show unglaubliche Bögen, die den Zusammenhalt der Phrasen garantierten. Das abschließende ‘Rondo.Presto’ fällt durch Witz und Says flinke Gelenkigkeit auf. Das ‘sotto voce’ dieses Pianisten beeindruckte nachhaltig.

In Beethovens ‘Appassionata’ wird Fazil Say zum Regisseur. Aus absoluter Entspannung entsteht der einleitende abfallende F-Moll-Dreiklang im Pianissimo. Gelingt ihm einmal etwas nicht, stört das weder Interpret noch Publikum. Verführung ist hier alles. Mit erbarmungsloser rhythmischer Genauigkeit wird das ‘Allegro assai’ exerziert. Der 1992-95 in Berlin ausgebildete Solist ist ein Naturtalent, soviel ist klar. Die große Fläche im ‘Andante con moto’ versteht Say ins Unendliche zu dehnen. Während er die Akkorde der 1. Variation so trocken wie möglich ablässt. Mit forschestem Tempo preschen die Sechzehntel im ‘Allegro ma non troppo’ los. Impulse setzt der Künstler mit Elan, überhaupt ist die Motorik, mit der er das schroffe rhythmische Gerüst herausmeißelt, perfekt. Hier begegnet uns ein echter Jongleur der Töne, der ein neues Kapitel der Beethoven-Interpretation aufschlägt.

In der 1803/4, also ein Jahr vor der ‘Appassionata’, komponierten ‘Waldstein-Sonate’, die Say zum Ende seines bemerkenswerten Recitals aufs Programm setzte, zeigte der Interpret eine noch zerrissenere, exzentrischere Gemütshaltung. Krasse Temposchwankungen in punkto Haupt – und Seitenthema nimmt der Türke in Kauf, um seinen Interpretationsstil zu pflegen - fast zuviel ? Trotzdem überzeugt Say, weil seine Technik wie geschliffen, sein Vorwärtsdrang frisch ist. Im rezitativisch beginnenden ‘Adagio molto’ lebt Say seine Gedankenwelt aus, das anschließende ‘Rondo’ fasst der Künstler wie mit Samtpfötchen an, um sich Reserven zu erhalten. Akkorde türmt er dann auf, die wie Felsen unverrückbar in der Brandung stehen, um sogleich blütenzarte perlende Figuren erklingen zu lassen. Say gab natürlich Zugaben: Seine eigene Komposition ‘Black Earth’ (die CD habe ist von mir auf www.klassik.com besprochen) spielte er in unerreichter Live-Qualität. Es folgte George Gershwins ‘Summertime’ sowie der in seiner ‘Plastizität’ funkelnde Finalsatz aus Beethovens d-Moll Sonate op.31,2. Ein Teufelskerl!

Goldberg-Variationen mit Angela Hewitt enttäuschten

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt wird für ihr Bach-Spiel hochgelobt. In ihrem Debüt bei ‘Lucerne Festival Piano 2005’ konnte die beim Leipziger Bach-Wettbewerb, dem ‘Bach Piano Competition Washington’ sowie dem ‘Bach Piano Competition Toronto’ ausgezeichnete Pianistin aber nicht wirklich überzeugen. Zwar gelang ihr eine nahezu fehlerfreie Wiedergabe der ‘Aria mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen’ – besser bekannt unter dem Namen ‘Goldberg-Variationen’ – doch vermochte die Interpretin keineswegs zu fesseln. Ihr dynamischer Aufbau war einfach zu monoton, ihre Phrasierungen - im Vergleich zu András Schiff beispielsweise - nicht zwingend genug. An ihren kanadischen Landsmann Glenn Gould erinnerte da wenig. Ihre Körperhaltung wirkte einfach zu steif.

Mikhail Pletnev verzieht Mozart

Auch sehr gewöhnungsbedürftig nahm der russische Pianist Mikhail Pletnev Mozart ins Visier. Dessen Sonaten c-Moll KV 457 und A-Dur KV 331 wirkten wie stilisiertes Rokoko. Warum gestattet sich der 48-jährige derartige Tempo-Schwankungen? Schwerfällig leitete er das ‘Molto Allegro’ in KV 457 ein. Von der ursprünglichen Mozartschen Tempovorschrift will Pletnev wohl nichts wissen. Er breitete seine Ideen aus, die langweilen, wenn nicht verstörten. Mit Flüchtigkeit gar bedachte er das Menuett der A-Dur-Sonate. Zudem verschmierte Pletnev die Harmonien mit allzu üppigem Pedal. Der von ihm genutzte Blüthner-Flügel steuerte sein Übriges zum indifferenten, schalen Klangbild bei. Das Adagio war schier unerträglich. Auch den Agitato-Charakter im Finale verfehlte der russische Pianist, der im zweiten Teil auf Chopin setzte, dessen Musik ihm durchaus besser lag. Chopins 24 Préludes fasste der hier durchaus auf seine Weise beeindruckende Künstler sehr gesanglich und verträumt auf. Langsam sind seine Tempi auch hier, zumindest war aber der Charakter der Miniaturen noch erkennbar. Ein ‘Nocturne’ von Chopin, sowie einen Walzer hielt Pletnev für das überschäumend positiv reagierende Samstagabend-Publikum bereit.

Jean-Yves Thibaudets goldener Klang

Ermutigend, was der Franzose Jean-Yves Thibaudet in seiner Matinee am Sonntag ablieferte. In Schumanns ‘Arabeske’ C-Dur erlebte der Hörer zum ersten Mal den ‘goldenen Klavierklang’ des Franzosen, der überaus konzentriert und gut vorbereitet erschien. Stimmen ließ er glänzen bei ruhiger Körperhaltung; intelligente Phrasierungen und sauberer Griffe zeichneten die vollkommen geschlossen wirkende, von größtem Wohlklang gekennzeichnete Interpretation aus. Das er die ‘Symphonischen Etüden’ op. 13 mit allen fünf posthumen (von Brahms veröffentlichten) Variationen anbot, zeigte das lebhafte musikologische Empfinden des Interpreten, der nicht gewillt schien, auch nur auf eine Note dieses Zyklus’ zu verzichten. So sehr hatte er ‘Eusebius’ und ‘Florestan’, die ihr Wesen und Unwesen gar zu doll treiben, in sein Herz geschlossen. Zum Weinen schön war da Thibaudets Version.

Ganz herb und wild dagegen versuchte der durch Schumann Geläuterte im zweiten Teil seiner Performance die Untiefen der Musik des Impressionismus darzustellen. Maurice Ravels ‘Valses nobles et sentimentales’ von 1911 rauschten ebenso kompakt am Ohr der aufmerksamen Hörer vorbei wie die drei Nummern auf Gedichte von Aloysius Bertrand, genannt ‘Gaspard de la nuit’. In dieser ‘verrückten’ Musik treten geballte technische Schwierigkeiten in den Vordergrund, die der Interpret scheinbar ohne Anstrengung und in völliger Hingabe meisterte. Schauderlich beschrieb er musikalisch die Schrecken des Galgens in ‘Le Gibet’ oder zeichnete in grellen Farben die Masken des Gnomen in ‘Scarbo.Modéré’.

Radu Lupu – ein Schamane am Klavier feiert seinen 60. Geburtstag

Das letzte Konzert des Festivals spielte der rumänische Pianist Radu Lupu, der übrigens am 30. November seinen 60. Geburtstag feiert. Wer ihn einmal live in einem Konzert erlebt hat, weiß, wovon die Rede ist, wenn ich sage, Radu Lupu spielt Klavier wie ein Schamane. Fast regungslos sitzt er angelehnt auf einem normalen Stuhl und erzeugt vor allem mit seinen Fingern die Impulse für sein unglaublich fesselndes Spiel. Sein Klang ist von einer Kraft durchströmt, die porentief unter die Haut geht. Außer ihm ist wohl niemand im Stande, sie in diesem Maße zu mobilisieren. Im gleichen Jahr wie Anne-Sophie Mutter – 1978 - debütierte Radu Lupu mit den Berliner Philharmonikern! Das deutsche romantische Repertoire hat der alte Haudegen mit dem Vollbart verinnerlicht, wie kein zweiter. Ob Brahms, Schubert oder, wie an diesem Sonntag in Luzerns KKL, Schumann: Wenn Lupu spielt, brechen Sternstunden der Musik an. In den ‘Waldszenen’ lässt der in Moskau ausgebildete Künstler Schumanns Ideen auffliegen. Jagdmotive sind unüberhörbar, ebenso die ruhigen, beseelten Momente, die bei diesem Interpreten einzigartig klingen. Sein Pianissimo ist ein absolutes Pianissimo. Die perfekte Akustik des Saals spiegelte hier alles minutiös wider. Lupu verstand auch die ‘Humoreske’ op. 20 in einer Geschlossenheit wiederzugeben, wie es nur wenigen gelingt. Sein Konzept schwebt ihm geistig klar vor Augen und spult ab, wie bei einem genialen Dirigenten. Lupu befiehlt lediglich seinen Muskeln, das Nötige im richtigen Moment zu tun. Dabei kann es schon einmal sein, dass der Meister raunend und stampfend sein linkes Bein heranzieht, um musikalische Regungen zu untermauern.

Die Schumann-Sonate fis-Moll op.11 formt Radu Lupu wie aus einem Guss. Die vier Sätze verschmolzen bei ihm zu einer sinnstiftenden Einheit. Nur in Ausnahmesituationen entgleitet ihm einmal eine Taste. Spricht es nicht für sich, dass Lupus ausgelegte Schumann-CDs bereits sämtlich in der Pause vergriffen waren? Eine Romanze Schumanns und auch die ‘Träumerei’ als Zugabe beflügelten noch einmal die Hörer. Welch ein Konzertgenuss!

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival „Piano 2005“ :

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Franz Schubert, Franz Liszt, Johann Sebastian Bach, Maurice Ravel

Mitwirkende: Fazil Say (Solist Instr.), Radu Lupu (Solist Instr.), Mikhail Pletnev (Solist Instr.), Arcadi Volodos (Solist Instr.), Martha Argerich (Solist Instr.), Jean-Yves Thibaudet (Solist Instr.), Angela Hewitt (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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