> > > > > 21.03.2015
Freitag, 23. August 2019

Kurt Weills 'Silbersee' mit Iván Fischer

Ein Wintermärchen zum Frühlingsanfang

Zum Frühlingsanfang in Berlin das "Wintermärchen" von Kurt Weill und Georg Kaiser mit dem Titel 'Der Silbersee' auf den Spielplan zu setzen, mag etwas irritieren. Das Werk passt aber wunderbar zum Festival "Mythos Berlin", das das Konzerthaus am Gendarmenmarkt gerade veranstaltet ("10 Tage wach"). Denn das Stück in Kantatenform über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland  wurde am 18. Februar 1933 zeitgleich uraufgeführt, in Leipzig, Magdeburg und Erfurt. Danach loderte der Reichstag und 'Der Silbersee' verschwand ab März von den Spielplänen. Die geplante Berliner Erstaufführung am Deutschen Theater wurde storniert, die Nazis verbrannten öffentlich die Noten, Weill emigrierte. Und der 'Silbersee' mit seinem Finale 'Wer weiter muss, den trägt der Silbersee' wurde zum Schwanengesang einer Epoche, die für die nächsten zwölf Jahre zur "Verwesungserscheinung" erklärt wurden. Mit Weills markantem Sound als einem der Gipfelpunkte der "Entartung".

Im Konzerthaus wurde das Werk jetzt konzertant in einer Einrichtung von Ulrich Lenz gespielt, dem Chefdramaturgen der Komischen Oper und dort mitverantwortlich für die vielen wundervollen Wiederentdeckungen von Werken genau jener Weimarer Epoche. Quasi ebenfalls von der Komischen Oper kam Schauspieler Max Hopp, der dort bereits in den alternativen Entartungen 'Im weißen Rössl' (1930) und 'Eine Frau, die weiß was sie will' (1932) Furore gemacht hatte. Er traf im 'Silbersee' als Olim den typischen Weill-Stil perfekt und sang/sprach – ohne elektronische Verstärkung – so, wie man das bei einer stilsicheren Wiedergabe erwarten darf. Kurz: Er hatte große Klasse. Das hatte auch das Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer. Es traf die sachlich-sinnliche Genialität der Weillschen Tonsprache ebenfalls ideal und spielte unter Fischer zwar ohne dynamisches Raffinement, aber mit Drive. Fischer selbst trug zwischendurch die Szenenanweisung vor, was ihn auf angenehme Weise ins Geschehen einbezog. Ein geschickter Schachzug und ideal für eine konzertante Aufführung.

Drei große Hits

Zusammen mit dem Vocalconsort Berlin (Einstudierung: Ralf Sochaczewsky) hätte das eine fulminante Wiedergabe des 'Silbersees' werden können, ein Schwelgen in Neuer Sachlichkeit und mit drei der größten Weill-Hits überhaupt: dem Lied des Lotterieagenten, Fennimores Lied ('Ich bin eine arme Verwandte') und 'Cäsars Tod'. Leider entschied sich Iván Fischer für eine Besetzung, mit der er wunderbar Bach-Kantaten oder Oratorien hätte aufführen können, die aber für Weill/Kaiser den nötigen Biss vermissen ließ. Keiner der Mitwirkenden neben Hopp entwickelte die Lieder aus dem Text heraus, alle sangen mit angenehmen Stimmen saubere Linien, aber erzeugten keine Wirkung. Dominik Wortig als Severin ist so weit vom Ideal eines Ernst Busch entfernt, wie das überhaupt nur geht. Michael Pflumm bemühte sich um Showeffekte als Lotterieagent, bei den magischen Worten "Zins und Zinseszins", bewältigte die extrem hohe Tessitura des Liedes aber nur mit Mühe und blieb sehr brav. Das gilt auch für die Damen, die in hübschen Abendkleidern dastanden und ebenso hübsche Sopranstimmen hören ließen, aber vom "Mythos Berlin" der Weimarer Ära nichts spüren ließen. Fennimores berühmtes Lied von den Verwandten und noch mehr die Ballade von Cäsars Tod – ein "Skandalstück" erster Güte – verkamen zu einem Nichts. Man verstand nicht, warum die Universal Edition das Tyrannen-Lied ursprünglich nicht drucken wollte, weil es als Abrechnung mit Hitler verstanden werden konnte und verstanden werden sollte. Erst im Finale entfaltete der jugendlich-zarte Sopran von Katharina Ruckgaber jene betörende Wirkung, die fürs vorangegangene Einerlei entschädigte. (Um das nochmal zu betonen: Alle hatten sehr schöne Stimmen, waren aber stilistisch völlig verkehrt eingesetzt.)

Skurrile Kurzauftritte

Für die beiden skurrilen Gestalten in der Schloss-Episode, Frau von Luber und Baron Laur, wurden zwei Schauspieler engagiert (Hildegard Alex und Martin Seiffert), die mit Mikroports verstärkt werden musste und eine ganz andere, unangenehme Schall-Akustik in die Aufführung brachten; verständlich waren sie trotzdem nicht. In Berlin gäbe es wirklich genügend Schauspieler, die solche Kurzauftritte bravouröser bewältigen könnten. Genauso wie es in Berlin genügend Darsteller aus dem Kabarett- und Musical-Bereich gibt, die auch in den Hauptrollen die nötige vokale Statur gehabt hätten und Weills Melismen mit dem nötigen provokanten Unterton servieren könnten. Da muss man nur einmal genauer schauen und wird sie finden. Es ist meiner Meinung nach schwierig, ein Festival zum "Mythos Berlin" zu veranstalten und das Konzerthaus in einen glitzernden Kit-Kat-Club zu verwandeln, dann aber in der Besetzung auf entsprechende Darsteller vollkommen zu verzichten.

Klanggemälde mit Kultstatus

Vorm 'Silbersee' gab es als Uraufführung ein Auftragswerk von Christian Jost, die 'BerlinSymphonie'. Ein circa halbstündiges Opus für großes Orchester, das in einem Satz "Energieverläufe" hörbar macht. Diese reichen von rhythmisch durchpulsten Passagen bis zu kontemplativen Inseln der Melancholie, mit Saxophon-Solo und flirrenden Streichern. Einen erkennbaren "Berlin Sound" – wie ihn Kurt Weill für die 20er Jahre einfing – konnte ich nicht ausmachen. Als Klanggemälde, das sofort Kultstatus erlangen könnte, wie beispielsweise Gershwins 'Ein Amerikaner in Paris' oder Vaughan Williams 'London Symphony', Charles Kalmans 'Times Square Fantasy' oder Elgars 'Cockaigne Overture' ('In London Town') ist diese 'BerlinSymphonie' vermutlich nicht geeignet. Zumindest nicht unmittelbar. Aber das Werk ist famos orchestriert und macht Spaß zu hören, wie der Soundtrack zu einem Psycho-Thriller. (Ich fragte mich, ob ich in der gleichen Stadt lebe, wie sie diese 'BerlinSymphonie' beschreibt.) Wobei es eine Erholung ist zu bemerken, dass ein zeitgenössischer Komponist in Deutschland wieder problemlos tonale Musik schreiben kann und vom Publikum dafür lautstark gefeiert wird, als er aufs Podium kommt.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Konzerthausorchester Berlin: Werke von Christian Jost und Kurt Weill

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Kurt Weill, Christian Jost

Mitwirkende: Vocalconsort Berlin (Chor), Iván Fischer (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Mythos Stadt
Musik von Kurt Weill und Christian Jost
(Der Tagesspiegel, )

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthausorchester Berlin

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