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Sonntag, 22. Juli 2018

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Szenenfoto Siegfried, Copyright: Tom Schulze

Szenenfoto Siegfried, © Tom Schulze

Eine musikalische Sternstunde in Leipzig

Wenn das Unterbewusstsein tanzt

Gelungene Premiere von Richard Wagners 'Siegfried' an der Oper Leipzig. Intendant und Dirigent Ulf Schirmer wirkt erleichtert, spricht bei der Premierenfeier von musikalischen Leuchttürmen, die man mit einigen großen Opern in den Raum stellen müsse, um das internationale Publikum zu gewinnen. Auch in Leipzig sind Kürzungen im kulturellen Bereich Alltag. Es stellt sich die Frage, wie lange man noch eine anspruchsvolle Produktion mit so vielen Gästen besetzen kann. Die Organisationsform stehendes Ensemble scheint generell gescheitert zu sein - oder gibt es sie wirklich, die vielbeschriebene Sängerkrise? Früher war nicht alles besser, doch jedes mittlere Haus in Deutschland war in der Lage, eine Wagneroper fast ausschließlich aus dem Ensemble zu besetzen. Die großen Wagnersänger, die im Sommer in Bayreuth auftraten, waren während des Jahres im Ensemble der Opernhäuser in Mannheim, Düsseldorf, Berlin, München usw. tätig.

Dennoch konnte man in Leipzig eine beachtliche Wagner-Premiere erleben, die musikalisch auf internationalem Niveau mitspielen kann. Das Gewandhausorchester unter der Leitung von GMD Ulf Schirmer hat seinen Wagner im Ohr und im Blut. Mit traumwandlerischer Sicherheit entfaltete sich Wagners hochdifferenzierte Musik und wurde dem Publikum in einer selten so gehörten Detailtiefe, Ausgeglichenheit im Rhythmus und Phrasierung, gepaart mit einer permanent fließenden Vorwärtsdynamik und mitreißender Klangintensität und -schönheit präsentiert.

Ein Sängerteam vom Feinsten

So etwas inspiriert auch die Sänger; durchweg waren überdurchschnittliche Darbietungen zu erleben. Nennen wir zuerst das Ensemblemitglied Dan Karlström, der als Mime eine Idealbesetzung ist und hier wieder einmal seine große Affinität mit dieser Partie beweist, darstellerisch sowie stimmlich ohne Fehl und Tadel agiert. Sein Bruder Alberich wurde von dem bewährten Jürgen Linn ebenso grandios interpretiert wie auch Fafner vom zweiten Ensemblemitglied Rúni Brattaberg, der in dieser kleinen Partie mit seinem profunden Bass Akzente setzen konnte.

Einen sensationellen Wotan sang John Lundgren, der  mit großer Vitalität sowie stimmlicher Exaktheit agierte, jedes Wort wissend gestaltete; keine Phrase wurde dem Zufall überlassen. Große Textverständlichkeit kennzeichnete übrigens alle Gesangsdarbietungen, auch die von Christian Franz als Siegfried. Überzeugen konnte der bewährte Interpret dieser Partie erneut mit stimmlicher Frische. Es gelang ihm, die musikalischen Nuancen der Partitur durchweg differenziert zu gestalten, die Entwicklung vom störrischen Kind bis hin zum wissenden Jüngling wurde überzeugend vermittelt, ohne zu forcieren, wie es so oft zu erleben ist.

Nun zu den Damen des Abends. Da zeigte der Waldvogel Eun Yee You stimmlichen Glanz, der aber von Nicole Piccolomini als Erda noch in den Schatten gestellt wurde. Mit ihrem dunklen Mezzosopran agierte diese hier auch darstellerisch überzeugend und verwies Wotan in seine Schranken. Die absolute Entdeckung des Abends war die Brünnhilde von Elisabet Strid. Ihre noch lyrisch klingende Stimme besitzt schon genügend Glanz und Kraft, um die extrem hohen Gesangslinien in der Erweckungsszene absolut berückend zu gestalten. Auch sie agierte auffallend sicher, was Ausdruck, Tempo und Phrasierung betrifft.

Zuviel tänzerische Aktivitäten

Szenisch setzte man auf Bewährtes an diesem Abend. Carl Friedrich Oberle erinnerte mit seinem Bühnenbild manchmal an Patrice Chéreau, stimmiges Licht (Michael Röger) gab seinen Bauten Tiefe und Strahlkraft. Die Regiearbeit von Rosamund Gilmore wirkte zuweilen etwas unschlüssig; vielleicht setzte sie deshalb permanent ein Tanzensemble ein, statt eine überezeugende Personenregie zu erarbeiten. Schon die erste Szene mit Mime und Siegfried wurde mit zuckenden Körpern in hohen Gräsern versehen. Diese Wesen schmiedeten dann auch das Schwert, was die gesamte Dramaturgie von Wagner außer Kraft setzte.

Sehr störend auch die getanzten Einlagen des Waldvogels, die besser in eine 'Schwanensee'-Aufführung gepasst hätten. Selbst Brünnhildes Pferd Grane war in den Ruinen des Palastes zu beobachten. Und dann noch zuckende Körper, die während der grandiosen Schlussszene zwischen Siegfried und Brünnhilde zum letzten Akkord auf die Bühne stürzten. Nein, da konnte man nur noch die Augen schließen. Warum also dieser Aufwand, zumal Wagner doch explizit kein Ballett in seinen Opern wünschte. Frau Gilmore rechtfertigte diese Szenen als Manifestationen der Natur und des Unterbewusstseins. Davon ist allerdings in der Musik Richard Wagners auf höherem Niveau mehr zu erfahren als mit diesen störenden Balletteinlagen.

Fazit: Der Leipziger 'Ring' nimmt Gestalt an. Hoffen wir, dass mit der 'Götterdämmerung' letzte Ungereimtheiten abgestellt werden können, dann wäre diese Produktion immer eine Reise wert. So sah es wohl auch das Premierenpublikum, welches diese Aufführung mit viel Applaus belohnte. Im Besonderen wurde das Orchester mit Dirigent gefeiert, die beide als Garant für diesen Erfolg gesehen werden dürfen.

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Kritik von Midou Grossmann



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Richard Wagner: Siegfried: Zweiter Tag des Bühnenfestspiels

Ort: Oper,

Mitwirkende: Ulf Schirmer (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester), Jürgen Linns (Solist Gesang), Dan Karlström (Solist Gesang), Christian Franz (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Premiere der Wagner Oper "Siegfried" in Leipzig
(Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), )

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