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Samstag, 24. Oktober 2020

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Szenenfoto Turandot, Copyright: Karl Forster

Szenenfoto Turandot, © Karl Forster

'Turandot' in Slow Motion

Dunkle Wolken über der Seebühne

Giacomo Puccinis letzte Oper besitzt künstlerische Qualitäten, um auch auf der Seebühne bestehen zu können. Doch was Marco Arturo Marelli auf den See brachte, war eine der schwächsten Inszenierungen der letzten 20 Jahre an diesem Spielort. Das Spiel auf dem See fand nicht statt. Marelli verlieh seiner Inszenierung (er ist ebenfalls verantwortlich für das Bühnenbild) mit der kompakt wirkenden, langen Mauer, die sich trotz wechselnder Beleuchtung (Davy Cunnigham) als ermüdend fürs Auge erwies, keine Überhöhung, keinen Raum für Transzendentes. Mit seiner kreisrunden Plattform, die in verschiedenen Schichten auch aufklappbar ist, schuf der Regisseur einen Handlungsraum, der einer konventionellen Opernbühne entspricht. Unten angehängt ein kleines blaues Zimmer mit Krankenbett und Klavier. Nicht viele Zuschauer werden verstanden haben, dass man hier das Sterbezimmer Puccinis im Brüsseler Krankenhaus darstellen wollte. Dieser Zusatz ist gänzlich überflüssig, ohne nachvollziehbare künstlerische Aussage.

Chinesisches Allerlei

Allzu unbeholfen wirkten viele Szenen, die Personenregie blieb leider durchweg eindimensional sowie konventionell. Viel Touristik-Kitsch gab es zu sehen, was dramaturgisch diesem Seelendrama leider keine Intensität verleihen konnte. Feuerdrachen, Lampions, bänderschwingende Soldaten, Fahnen auf dem Dach der Mauer - all das blieb nur Dekoration, ebenso die Terrakottakrieger, die wohl nur als Gruß an die Touristikbranche gedacht waren. Eine mausgraue Gruppe von Mao-Doubles verstärkte diesen Hang zur Illustration noch. Der gesamte Abend blieb ein chinesisches Allerlei, das Puccini in dieser Form nicht im Sinne gehabt haben dürfte. Dahinter verschwanden die Figuren der Handlung fast gänzlich: zu statisch für die hochemotionale Geschichte die Regie, das Drama war selbst für Kenner der Oper nicht immer erkennbar. Vielleicht war die Probenzeit tatsächlich zu kurz, wie Marelli selbst vor der Presse erklärt hat.

Das gilt auch für die musikalische Umsetzung von Paolo Carignani. Viel zu undifferenziert hier die Klangsprache, wenngleich die Wiener Symphoniker versuchten, Struktur und Klangschönheit einzubringen. Doch Puccinis Musik benötigt interpretatorisch starke Kontraste, anschwellende Akkorde und dynamische Phrasierungen, die an diesem Abend vom Dirigenten nicht eingefordert wurden. Das eintönige Dirigat half zudem dem Spiel auf dem See nicht wirklich. Wohl wurde auch das in den letzten Jahren neu entwickelte Sounddesign nicht entsprechend genutzt. Von meinem mittigen Platz war das Orchester nur aus einer Richtung vernehmbar, nämlich von links. Der beeindruckende Klang-Dom, der seinerzeit bei 'Tosca' und 'André Chenier' zu genießen war, war hier nicht existent.

Premierenfieber bei den Sängern

Auch sängerisch gab es Mankos an diesem Abend. Herausragend allerdings Riccardo Massi als Calaf; fast jeder Ton gelang, jede Phrasierung echter Puccini, intensiv und überzeugend. Leider kann man das von Mlada Khudoley als Turandot nicht sagen. Die Stimme klang allzu oft unangenehm schrill, darstellerisch wirkte sie obendrein noch sehr befangen; sie war keine "Principessa divina". Viel Applaus gab es auch für die Liù von Guanqun Yu. Die Sopranistin kreierte starke Gefühlsakzente mit einer grandiosen stimmlichen Brillanz. Die Verstärkung der Stimmen wurde besser gemeistert als der Klang des Orchesters, dennoch gab es auch hier starke Schwankungen, was leider ebenfalls den Chor (Lukáš Vasilek, Benjamin Lack) betraf, der zumeist stark verhalten ausgesteuert wurde. Ebenso in den Schatten des regnerischen Abends gefangen blieben Andrè Schuen (Ping), Taylan Reinhard (Pang) und Cosmin Ifrim (Pong) als unterbewertete Randfiguren.

Fazit: Es gab viel Premierennervosität, die von der wetterbedingten Situation noch verstärkt worden sein könnte. Diese Inszenierung sollte für den nächsten Sommer intensivst überarbeitet werden, wenn man nicht ins Musicalgenre abdriften möchte. Das hätte die Bregenzer Seebühne mit ihrer grandiosen Vergangenheit nicht verdient. Gezeigt wurde eine Schlussszene als Mischfassung von Franco Alfano, mit einer Kussszene, die deutlich mehr Raum für eine menschliche Romanze zulässt und durchaus aktzeptabel wirkt. Aber gleich von einer "Bregenzer Fassung" zu sprechen, ist doch etwas vermessen.

 

 

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Kritik von Midou Grossmann



Kontakt zur Redaktion


Turandot: Lyrisches Drama in drei Akten und fünf Bildern

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Prager Philharmonischer Chor (Chor), Bregenzer Festspielchor (Chor), Paolo Carignani (Dirigent), Marco Arturo Marelli (Inszenierung), Wiener Symphoniker (Orchester)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Riesenspektakel mit wenig Tiefgang
"Turandot" in Bregenz
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

Tiefenpsychologie im Cinemascope
"Turandot" in Bregenz
(Der Standard, )

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