> > > > > 10.11.2014
Freitag, 7. August 2020

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, Copyright: Christian Nielinger

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, © Christian Nielinger

Nikolaus Harnoncourt zelebriert Schubert in Berlin

Gipfel mit Fragmenten

Welche Bedeutung, welches Format, welchen Einfluss Nikolaus Harnoncourt beanspruchen darf, dazu wird man kein Wort verlieren müssen. Und zwar nicht in jener Form, mit der entlang der guten alten Figur der Praeteritio etwas als längstbekannt aus dem Diskurs hinauskomplimentiert zu werden pflegt, sondern im besten Sinne als fix gesetztes Kulturgut Europas. Und da Harnoncourts Bedeutung eben gerade in Zweifel und Quellkritik besteht, kann man die Größe seiner Leistung behaupten, ohne jenen papistischen Zusatz "über jeden Zweifel erhaben" hinzusetzen zu können. Schöne Unmöglichkeit.

Hinzu kommt, das Nikolaus Harnoncourt, der Anfang Dezember seinen 85. Geburtstag feiert, nach wie vor aktiv und umtriebig ist und sein Wirken zu Öffentlichkeit und Disposition stellt. Das Konzerthaus Berlin hat aus Anlass dieses Jubiläums gar eine Art Mini-Festival ausgerufen, eine "Hommage an Nikolaus Harnoncourt", die über neun Tage hinweg einen Schwerpunkt in Harnoncourts Geburtstadt setzt und neben Konzerten auch ein reiches Rahmenprogramm und eine kleine Festschrift bietet. Im Zentrum dieser Veranstaltungsreihe, die noch bis 16. November laufen wird, standen zwei Konzerte, bei denen der Maestro selbst am Pult stand. Bei einem von beiden, gestern Abend im restlos ausverkauften großen Saal des Konzerthauses, gab es eine geballte und pure Ladung Franz Schubert. Für den besonderen Wiener Akzent im doppelten Sinn sorgte, dass Harnoncourt die Wiener Philhamroniker dirigierte, unterstützt vom Arnold Schönberg Chor.

Jede der beiden ungleichen Konzerthälften füllte ein einziges Werk Schuberts und beide boten Fragmentcharakter. Es begann mit der Bühnenmusik zu dem Schauspiel 'Rosamunde, Fürstin von Zypern' D 797. Der Fragmentcharakter kommt hier durch den eigentümlichen Umstand zustande, dass das Theaterstück um das Königskind Rosamunde, das fern des Hofes in einer Schäferei aufwächst, um eine gerechte Regentin zu werden, und schließlich nach erprobtem Machtkampf im Herrschaftspfuhl wieder zurück in die Schäferei kehrt, in der Fassung, die Schubert vorlag, verloren ist. Die Lücken der Handlungsschritte umriss Harnoncourt selbst durch teils längere, teils sehr kurze Einwürfe, die dem Publikum die jeweilige Situation erklären sollten und die musikalischen Blöcke auflockerten. Es entstand eine per Fragment großartige Situation wechselseitiger Illustration: die Musik auf einen Text ausgerichtet, der uns im Grunde unbekannt ist, der erläuternde Text auf eine Musik ausgerichtet, die sich nie als eigenständig verstanden wissen kann. In diesen Umkreisungen blieb das Zentrum folglich zwar leer, aber als Rätsel umso anziehender. Im Medienwechsel und im Sog der Musik konnte sich die Imagination der Hörer festsetzen.

Die Wiener Philharmoniker boten einen schweren, herbstlichen Klang, dicht und zuweilen rauchig, ein breiter und schimmernder Schmelz. In manchen Passagen erschien das Orchester nicht als das leichtfüßigste der Welt, aber eben doch von staatstragendem Aplomb. Die Charakterzeichnung und Dramaturgie blieb ganz der Musik überlassen, die atmosphärische Dichte geriet etwa im 'Andante' (Entr’acte nach dem zweiten Akt) zu einer unerhörten, mitreißenden Dichte. Da mochten die beteiligten Figuren (die tugendhafte Prinzessin und der tyrannenböse Stadthalter) so schabloniert gegeneinander stehen, wie nur immer: In ihrer Intensität ließ sich doch eine gehörige Portion Welttheater auffalten. Die Romanze 'Axas Lied' wurde von der Mezzosopranistin Wiebke Lehmkuhl unprätentiös, milde und mit großer Ruhe dargeboten, Liedhaftes schimmerte durch.

Die zweite Hälfte gehörte ganz der zweisätzigen Symphonie in h-Moll D759, die sogenannte "Unvollendete", fraglich, ob Fragment oder nicht und mit welchem Status. Harnoncourt hatte vor Beginn des Konzertes kurz drauf hingewiesen, dass alle großen Werke nicht endenwollende Rätsel stellen und dass also entsprechend an diesem Abend nur Uraufführungen zu hören sein würden. Diesem Satz, der seltsamerweise von einigen Teilen des Publikums mit verhaltenem Lachen quittiert worden war, konnte man gegenüber der h-Moll-Symphonie nur zustimmen – nicht als Rätsel, nicht als Rhetorik, sondern als anspruchsvolles Versprechen, das dem geneigten Ohr durchaus gehalten wurde. Rezensent selbander zumindest hat sicherlich so eine "Unvollendete" noch nicht gehört.

Nicht geschwind der erste Satz, breit strömender Nachdruck, der rau unterbrochen wurde von bitteren Erschütterungen. Der Kontrast zwischen jenen Blitzen und jenen ruhigen Passagen, deren Milde an Farben auf einer Wasseroberfläche denken ließ, inszenierte das Gleißende des kompositorischen Unterfangens einerseits, die großflächige Ruhe des konzentrierten Aufbaus andererseits. Kann man bei den Wiener Philharmonikern von einem herbstlichen Klang sprechen, wehte hier über die goldige Laubfärbung auch so mancher schneidende Wind, Hagel. Für die "Unvollendete", umso mehr für diese "Unvollendete", wäre wohl "tragisch" das naheliegende, feuilletonistische Wort, um die einschneidenden, bitteren Konfrontationen zu bezeichnen, die hier ausgetragen werden – aber das Wort trifft es nicht, weil es eine schützende Distanz aufbaut, weil es auf die Bühne hinauf und nicht in das Leben hinein weist.

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Kritik von Tobias Roth



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Schubert: Hommage an Harnoncourt

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Franz Schubert

Mitwirkende: Nikolaus Harnoncourt (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester)

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Bisherige Kommentare:

  1. Wie bitte?
    Was ist denn das für eine aufgeblasene Prosa?
    Nutzer_LWFSTDK, 13.11.2014, 22:47 Uhr
  2. Danke...
    ...für diese wunderbar geschriebene Kritik.
    Nutzer_TWPFWAX, 12.11.2014, 10:20 Uhr

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