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Sonntag, 21. Juli 2019

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Dvorak-Denkmal und Dom, Copyright: Jan Kampmeier

Dvorak-Denkmal und Dom, © Jan Kampmeier

'Alfred' beim Dvořák-Festival Prag

Uraufführung einer Dvořák-Oper

Noch nie etwas gehört von Dvořáks erster Oper 'Alfred'? Naja, die Musik dazu hat niemand je gehört, es sei denn, man wäre im Dezember 1938 in Olmütz gewesen, wo die bisher angeblich einzige Aufführung stattfand. Das Prager Dvořák-Festival jedoch will nicht nur die bekannten Werke Dvořáks präsentieren, sondern auch bislang ungehobene Schätze bergen und ihnen - so das Programmheft - im Optimalfall ins Repertoire verhelfen.

Die Oper wird auf deutsch gespielt, denn kurioserweise hat Dvořák sie tatsächlich auf deutsch komponiert. Da Olmütz damals eine tschechische Übersetzung gab, ist dies also quasi die Uraufführung der Originalgestalt. Dvořák entschied sich für ein Libretto, das bereits 60 Jahre zuvor von Theodor Körner verfasst worden war. Auch Friedrich von Flotow und Joachim Raff haben dieses Libretto vertont, und sogar Gaetano Donizetti schrieb eine Oper über 'Alfredo il Grande', allerdings nach einem anderen Libretto. Warum aber wählte Dvořák ein deutsches Libretto? Deutsch war damals Amtssprache in Tschechien, gute tschechische Libretti waren offenbar Mangelware und ein neues konnte Dvořák nicht bezahlen. Die Verwendung deutscher Libretti, so belehrt das Programmheft, sei damals auch durchaus üblich gewesen in Prag. Sollte eine jener deutschen Opern an einem tschechischen Theater gespielt worden sein, konnte man sie ja nachträglich übersetzen.

Diesen Aufwand hat sich das Dvořák-Festival gespart, sonst allerdings musste für diese Aufführung einiges in die Wege geleitet werden: Die Partitur wurde nie gedruckt, also musste sie aus der Handschrift übertragen werden. Die Orchesterstimmen lagen nicht vor, mussten also extra angefertigt werden ebenso wie für die Proben ein Klavierauszug. Und das alles für eine Aufführung, die nicht etwa ins Repertoire einer Bühne geht, sondern nur als konzertante Fassung an einem Abend gegeben wird. Immerhin wurde das Konzert aufgezeichnet, so dass später die erste Aufnahme von Dvořáks 'Alfred' daraus entstehen kann.

Dvořáks 'Alfred' beginnt mit einer ziemlich langen und über weite Strecken nicht eben berauschenden Ouvertüre. Sie kündigt den Bombast an, der später besonders in den Chorszenen folgen wird. Das Ensemble, bestehend aus dem Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks (bzw. RSO Prag) und dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn wird geleitet vom deutschen Dirigenten Heiko Matthias Förster, der das Ganze sehr feurig, dabei aber auch sehr präzise angeht.

Da die Aufführung in deutscher Sprache gegeben wird, haben die Veranstalter extra deutsche Solisten engagiert oder solche, die deutsch sehr gut aussprechen. Immerhin ist das Personal der Oper übersichtlich; es gibt lediglich vier größere und drei kleinere Rollen. Im ersten Akt ist Harald die dominierende Figur auf der Bühne. Ferdinand von Bothmer singt, besonders gut verständlich, mit hellem, kernigem Tenor. Harald ist ein überaus stolzer und kriegerischer, ja blutrünstiger Anführer der dänischen Wikinger, die im Reich des englischen Königs Alfred eingefallen sind. Dabei ist ihm Alvina in die Hände gefallen, die er nun zur Frau nehmen will. Die jedoch weigert sich, denn sie ist die Braut Alfreds. Alvina ist die einzige größere Frauenpartie der Oper und wird von der Sopranistin Petra Froese gesungen. Die schönste Beschreibung ihrer Stimme liefert Sieward, ein anderer Charakter der Oper, wenn er von Alvinas "Silberton" spricht: Sie setzt sich gut durch, klingt dabei aber nicht schrill. Sieward selbst, als Berater des englischen Königs Alfred eine mittelgroße Basspartie, wird von einer wahren Dvořák-Koryphäe gesungen: Peter Mikuláš ist seit Jahrzehnten im Geschäft, klingt aber noch immer voluminös und kraftvoll.

Froese und Mikuláš dringen gut über das Orchester; einige Sänger haben damit mehr Probleme, so der junge Bariton Felix Rumpf, der eine eher leichte Stimme hat und hier die Titelpartie gibt. Allerdings hat er es auch nicht leicht: Dvořák hat seinen Opernerstling sehr dick orchestriert, mit viel Perkussion, Blech und Piccoloflöte; es gibt kaum mal Entspannung. Zudem sitzt das Orchester im Rudolfinum auf der Bühne und nicht im Graben. Der zweite Akt, dessen erster Teil den Engländern gehört, ist allerdings nicht ganz so wild wie der erste Wikinger-Akt. Und Alfred ist überhaupt der vielleicht lyrischste Charakter der Oper (Romanze, Gebet) und damit auch musikalisch ein schöner Gegenpol zum prahlerischen Harald.

Dennoch sind das nur Ansätze. Weitgehend fehlt die lyrische Seite, die man an Dvořáks späteren Werken so schätzt. Ein "Lied an den Mond" ist einfach nicht drin. Mit der Wiederbelebung vergessener Werke ist es eben eine zwiespältige Sache. Den Ruhm Dvořáks mehren wird diese Oper ganz sicher niemals, beschädigen kann sie ihn allerdings auch nicht, denn seine Meisterwerke werden dadurch ja nicht schlechter. Eine Jugendsünde eben, die wohl auch Dvořák selbst später links liegen ließ. Ins Repertoire wird diese Oper wohl auch durch diese Aufführung kaum gelangen, aber immerhin: Man kann sich nun ein Urteil darüber bilden.

Stilistisch erkennt man den späteren Dvořák kaum, dennoch ist vieles sehr effektvoll gearbeitet. Die Musik krankt ein wenig daran, dass sie fast immer unter Hochspannung steht, die sich natürlich relativ schnell abnutzt. Die Handlung ist immerhin klar und nicht so abstrus wie in vielen anderen Libretti. Am Ende nämlich hat Alfred seine Braut Alvina aus den Händen der dänischen Wikinger befreit, und die müssen geschlagen aus England abziehen. Harald zwar bringt sich selbst um, doch das geht kurz und schmerzlos, und niemand kümmert sich besonders darum. Alles gut also.

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Kritik von Jan Kampmeier

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Dvorak-Festival Prag: Dvoraks erste Oper 'Alfred'

Ort: Rudolfinum,

Werke von: Antonín Dvorák

Mitwirkende: Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn (Chor), Petr Fiala (Chorleitung), Heiko Matthias Förster (Dirigent), Jörg Sabrowski (Solist Gesang), Peter Mikulás (Solist Gesang), Ferdinand von Bothmer (Solist Gesang)

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