> > > > > 19.09.2003
Mittwoch, 1. April 2020

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

?Benvenuto Cellini? konzertant in Berlin

Melodramatische Selbstreflexion

Ein unerwartetes musikalisches Schmuckstück ist sie, diese dreiaktige Oper ?Benvenuto Cellini? von Hector Berlioz. Aus Anlass des bevorstehenden 200sten Geburtstags des Komponisten gaben sich Sir Roger Norrington, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, der MDR Rundfunkchor und zahlreiche Solisten im Konzerthaus Berlin die Ehre und brachten das selten gespielte Werk auf die Bühne. Wer die großen Orchesterwerke aus der Hand von Berlioz kennt und auch seine anderen drei Oper ?Les Troyens´, , La Damnation de Faust? und ?Béatrice et Bénédict? gehört hat, weiß um die mitunter undurchdringliche Komplexität seiner Musik, die für Musiker wie Zuhörer gleichermaßen zur Herausforderung werden kann. Um so überraschender präsentiert sich ?Benvenuto Cellini? den Konzertbesuchern als eine kurzweilige Mischung aus italienisch anmutender Motivik à la Rossini, Anklängen an die großen barocken da capo Arien und typisch Berlioz?schen Klangeffekten.
Die Handlung verstrickt die gängigen dramatischen Opernthemen miteinander: Liebe, Tod und Vergebung; am Ende siegt der Held über alle Unwägbarkeiten des Lebens. Ein solcher Stoff ist wie gemacht für den dauermissverstandenen Hector Berlioz, dessen Autobiographie uns eindrucksvoll vom ewig währenden Kampf um Liebe und berufliche Anerkennung berichtet, nicht ohne dabei eine gehörige Portion Selbstmitleid darunter zu mischen. Schuf er mit der ?Symphonie fantastique? eine erste so genannte ?Künstlersinfonie?, so ist ?Benvenuto Cellini? als ?Künstleroper? wohl deren musikdramatische Fortführung, in der die Hauptrolle Cellini ein Stück weit den Komponisten selbst verkörpert. So war die Uraufführung im Jahr 1838 in Paris alles andere als ein triumphaler Erfolg. Erst Franz Liszt veranlasste Berlioz, eine zweite, deutlich gestraffte Fassung zu schaffen, die 1852 in Weimar mit positiverer Resonanz aufgeführt wurde.

Diese ?Weimarer?-Fassung war es auch, die Sir Roger Norrington und seine Musiker in Berlin als letzter Station einer fünf Konzerte umfassenden Tournee gaben. Mit unerhörtem Sinn für die Vielfältigkeit Berliozscher Klangmalerei lies er das Orchester musizieren, das über die Jahre einen ihm ganz typischen Sound, einer Mischung aus historisierender und traditionell romantisch geprägter Tongebung, entwickelt hat. Die Streicher spielen fast ausnahmslos ohne Vibrato, die Trompeten verwenden historisches und zeitgenössisches Instrumentarium, Flöten und Pauken spielen auf bzw. mit Holz. Das ergibt zusammen einen obertonlastigen, weichen, klaren und überaus transparenten Klang. Hinzu kommt die geradezu perfekt ausbalancierte Stimmengewichtung in Bläsern und Streichern gleichermaßen, die gepaart wird mit einem fein abgestimmten Dynamikspektrum. Dadurch gelangen Norrington verblüffende Effekte, die bei herkömmlichen Berliozinterpretationen allzu häufig in großem Mulm und Krach untergehen.

Das Solisten Oktett war durchweg gut besetzt. Laura Claycomb als anmutige und heiß umkämpfte ?Teresa? verfügte über eine weiche, flexible Stimme und erwies sich den technischen und musikalischen Anforderungen ihres Parts gewachsen. Einzig ihre relativ schwache Bühnenpräsenz und die mangelhafte Diktion des Französischen, die sie mit Bruce Ford als ?Cellini? gemein hatte, fällt negativ ins Gewicht. Ford, ein typisch amerikanischer Tenor mit leichter Stimme und etwas ins metallene tendierendem Timbre, konnte vor allem in seiner großen Abschlussarie ?Seul pour lutter? durch sensible Liniengestaltung und Sinn für melodramatische Agogik begeistern. Schwächen zeigte er jedoch in den Recitativen, in denen auch bei ihm mehr Präsenz und vor allem eine perfekte Sprachbeherrschung von Nöten sind.
Monica Groop ist eine klangschöne, gestaltungstechnisch etwas routiniert anmutende Mezzosopranistin, die ihren ?Ascanio? durchaus burschikos, wenn auch etwas leblos gestaltete. Am überzeugendsten trat Christopher Maltmann als Fieramosca (zu deutsch: stolze Fliege) auf. Sein voluminöser Bariton blieb jederzeit gestaltungsfähig, zeigte weiche und harte Elemente gleichermaßen. Dabei schöpfte er das gesamte dynamische und artikulatorische Spektrum gekonnt aus. Die übrigen Herren, namentlich Ralf Lukas, Johannes Chum, Franz Hawlata und Reinhard Mayr, erwiesen sich ihrer Rollen durchaus würdig, ohne dabei über die Maßen gefordert zu werden.
Neben dem Orchester, war vor allem der von Howard Arman betreute Rundfunkchor des MDR das zweite echte Highlight des Abends. Die Damen und Herren entlockten ihren Kehlen eine Fülle von verschiedenen Klangnuancen und Stimmvolumina. Die scheinbar unüberwindbaren Schwierigkeiten des zweiten Aktes, in denen sie neben schnellen Tempi auch komplexe Artikulationsabläufe und mehrchörige Dialoge mit den Solisten bestreiten müssen, bewältigten sie mit bestechender Souveränität und scheinbarer Leichtigkeit. Umso erstaunlicher, als dass Norringtons lebendiges, doch nicht sonderlich präzises Dirigat, Chor und Musiker manches mal vor zusätzliche Probleme stellte.

So erlebten die Konzerthausbesucher ein zweieinhalbstündiges musikalisches Feuerwerk, voll von Effekten und Klangzauberei. Dass das Werk trotz Norringtons Feingefühl und Ästhetikverständnis manches Mal wie simple Effekthascherei und vertheoretisierte ?Schreibtischmusik? wirkte, muss Berlioz? Kompositionsstil und seinem Klangideal angelastete werden. Doch wie eingangs erwähnt, beinhaltet ?Benvenuto Cellini? viele schöne, kompositorisch ungemein einfallsreiche Momente, die durchaus zu überraschen verstehen.
Schade nur, dass so wenige Besucher sich diese Aufführung anhören wollten. Nicht einmal die Hälfte aller Plätze im Konzerthaus konnten besetzt werden, während in London, Wien und Brüssel alle Konzerte ausverkauft waren. Dabei hätte gerade diese Oper das Potenzial, auch junge Menschen für das Musikdrama des 19. Jahrhunderts und den klassischen Musikbetrieb allgemein zu begeistern.

Kritik von Frank Bayer



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Sonderkonzert: SWR Sinfonieorchester Stuttgart - Norrington

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Hector Berlioz

Mitwirkende: MDR Chor Leipzig (Chor), Howard Arman (Chorleitung), Sir Roger Norrington (Dirigent), Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (Orchester), Christopher Maltman (Solist Gesang), Johannes Chum (Solist Gesang), Monica Groop (Solist Gesang), Bruce Ford (Solist Gesang), Ralf Lukas (Solist Gesang), Reinhard Mayr (Solist Gesang), Laura Claycomb (Solist Gesang), Franz Hawlata (Solist Gesang)

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